• BIG FOUR - Die US-Sport-Kolumne: Wie sich der College-Basketball selbst zerstören könnte

BIG FOUR - Die US-Sport-Kolumne : Wie sich der College-Basketball selbst zerstören könnte

College-Basketball ist in den USA extrem beliebt. Dennoch steht er auf sehr wackeligen Beinen. Denn das traditionelle System wird massiv hinterfragt.

Louis Richter
Der verrückte März. Das Final-Turnier des College-Basketball hat nicht nur in den USA Kultstatus inne.
Der verrückte März. Das Final-Turnier des College-Basketball hat nicht nur in den USA Kultstatus inne.Foto: AFP

Als der Ball auf dem Ring entlangrollte, dann aber doch nicht durch den Korb fiel und eine der größten Sensationen des College-Sports der letzten Jahre ausblieb, schauten nicht nur in den USA wieder Millionen von Menschen zu. Zurzeit ist wieder "March Madness"-Zeit. 64 College-Basketball-Mannschaften spielen die beste unter ihnen aus. Für die Amerikaner ist das Turnier, das kann man ohne Übertreibung so festhalten, heilig. Der große Favorit in diesem Jahr, die Duke University, scheiterte am vergangenen Sonntag in der zweiten Runde beinahe an der University of Central Florida (UCF), einem krassen Außenseiter. Am Ende gewannen die Duke Blue Devils jedoch mit 77:76, weil Aubrey Dawkins von der UCF in letzter Sekunde und aus kürzester Distanz scheiterte. Laut den Turnier-Veranstaltern seien die Einschaltquoten dabei so hoch gewesen wie zuletzt 1991.

Die ewige Verbundenheit vieler Zuschauer mit ihrer Universität, der unbändige Wille dieser jungen, studentischen Sportler und das Scouting der nächsten großen Stars der nordamerikanischen Profi-Liga NBA machen den College-Basketball und somit auch die "March Madness" zu einem Mega-Geschäft. Durch die TV-Gelder, die Einschaltquoten und die Ticket- sowie Merchandising-Verkäufe werden astronomische Summen umgesetzt. Die Spiele finden oftmals vor mehr als 20.000 Zuschauern statt. Im Jahr 2017 erwirtschaftete die NCAA, der Verband für Universitätssport, erstmals mehr als eine Milliarde Dollar. Die Spieler, die durch ihr Können die Leute in letzter Konsequenz in die Hallen oder vor die TV-Geräte ziehen, sehen von all diesem Geld aber nicht einen Cent. Das ist schon immer so und hat sich nicht verändert. Der zweimalige NBA-Champion Shane Battier, der von 1999 bis 2001 für Duke spielte, sagt: "College-Sport ist ein Vollzeitjob. Die Athleten können nebenbei kein anderes Geld mit weiteren Mini-Jobs verdienen." Battier habe seiner damaligen Freundin weder eine Pizza noch eine Kino-Karte ausgeben können: "Ich konnte es mir einfach nicht leisten."

Die Nicht-Zahlungen sehen die Regularien der NCAA so vor. Schließlich seien die Basketballer auf dem College noch Amateure und keine Profis. Die Trainer der College-Teams verdienen dagegen mitunter Millionen. Mike Krzyzewski, der Coach der Duke Blue Devils, streicht jährlich rund neun Millionen Dollar ein. Die Kritik an diesem krassen Gegensatz wird immer lauter.

Zumal unter den Verhandlungstischen durchaus Gelder fließen. Das FBI machte 2017 Ermittlungen öffentlich, laut denen Sean Miller, der Trainer des Basketball-Teams der University of Arizona, dem Spieler DeAndre Ayton 100.000 Dollar bot, damit dieser sich für seine Arizona Wildcats entscheidet. Experten gehen davon aus, dass Schmiergelder wie diese seit Jahren und deutlich regelmäßiger gezahlt werden, als es aus den Berichten des FBI vorgeht.

Diverse Medien und auch ehemalige College-Spieler, die nun in der NBA aktiv sind, fordern nicht erst seitdem, dass die Spieler etwas von dem Geld erhalten sollten, das sie miterwirtschaften. Die NCAA lehnte das Ende 2018 in einem Statement ab. Die Bezahlung sei nicht förderlich für die Bildung des einzelnen Athleten.

Großes Interesse. Die College-Basketballer ziehen so viele Zuschauer an wie die Profis. Nur haben sie nichts davon.
Großes Interesse. Die College-Basketballer ziehen so viele Zuschauer an wie die Profis. Nur haben sie nichts davon.Foto: AFP

Die Folgen sind weitreichend und könnten den traditionellen College-Basketball langfristig verändern. Mit Mitchell Robinson (mittlerweile bei den New York Knicks aktiv) und Darius Bazley taten sich in den letzten Jahren die ersten zwei Spieler hervor, die erst einem College zusagten, sich dann doch dagegen entschieden und sich lieber mit individuellem Training auf die NBA vorbereiteten. Dabei können Spieler besser und individueller an ihrem Spiel arbeiten und zeitgleich das Verletzungsrisiko minimieren.

Die G-League lockt junge Talente mit Gehalt

Stichwort Verletzungen: Als sich Dukes Zion Williamson, der als kommender Superstar in der NBA gilt, im Februar verletzte, wurde die Kritik am System der NCAA erneut laut. "Denkt an all das Geld, dass bei so einem Spiel verdient wird. Die Spieler erhalten nichts davon. Etwas muss sich ändern", schrieb Donovan Mitchell, der Star des NBA-Teams Utah Jazz, auf Twitter. DeMarcus Cousins von den Golden State Warriors bezeichnete das NCAA-System als "Bullshit" und erinnerte an die Ticket-Preise für das Spiel, in dem Williamson sich verletzte: "Die Leute zahlen mitunter 10.000 Dollar dafür. Warum bekommen die Spieler nichts davon?"

Neben der Forderung nach Gehältern für College-Spieler wurde jüngst aber auch wieder ein zweiter Kritikpunkt laut. Denn viele College-Spieler könnten direkt von der Highschool in die NBA wechseln. Kobe Bryant und LeBron James haben das so gemacht, bevor die NBA diesen Weg verbot. "Lasst diese Kids direkt in die NBA gehen! Für sie steht zu viel auf dem Spiel, um sich mit dem College herumzuschlagen. Denn eine Verletzung kann eine ganze Karriere verändern", schrieb Isaiah Thomas von den Denver Nuggets auf Twitter.

Die G-League, in der die Ausbildungsteams der NBA spielen, reagierte bereits darauf und möchte einigen Talenten von der Saison 2019/20 an Verträge anbieten, die ihnen ein Gehalt von 125.000 Dollar und zeitgleich Spielpraxis in einer fordernden Liga garantieren. Es erscheint realistisch, dass einige junge Basketballer diesen Weg in Anspruch nehmen könnten. Der College-Basketball wäre dann nicht mehr der gleiche. Doch das hätte er sich selbst zuzuschreiben.

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