Black-Lives-Matter-Bewegung : Die NFL wendet sich gegen Donald Trump

Star-Quarterback Drew Brees hat sich nach Kritik an knienden Kollegen entschuldigt. Aber nicht nur er hat eine steile Lernkurve hingelegt.

Streit um die Fahne: Die Proteste in den USA haben auch die NFL erreicht.
Streit um die Fahne: Die Proteste in den USA haben auch die NFL erreicht.Foto: Icon SMI/Imago

Drew Brees hat eine turbulente Woche hinter sich. Der Quarterback der New Orleans Saints hatte sich mit einer unsensiblen Äußerung zu Protesten gegen Polizeigewalt nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd durch einen Polizisten scharfe Kritik eingehandelt – und sich danach reumütig gezeigt.

„Ich werde niemals jemandem zustimmen, der die Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika missachtet“, hatte Drew Brees in einem Interview gesagt. Er war darauf angesprochen worden, was er von möglichen Protesten in der NFL halte. Die massive Kritik, die Brees danach entgegenschlug, hat offensichtlich etwas ausgelöst – bei ihm und bei der National Football League (NFL) an sich.

Brees gab in mehreren reflektierten Entschuldigungen zu erkennen, dass er verstanden hat, worum es geht. Und auch seine Ehefrau sagte zuletzt: „Wir sind das Problem.“

Mit offenem Rassismus war er bislang noch nicht aufgefallen. Bis er jedoch kapierte, was eben das eigentliche Problem ist, musste ihm wohl erstmal der Schreck in die Glieder fahren, musste er quasi aus einer patriotischen Trance aufwachen, in der es sich als Weißer leicht verweilen lässt. 

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Denn Brees und mit ihm die gesamte NFL mussten feststellen, dass die USA inzwischen auf einer Ebene angekommen zu sein scheinen, in der man sich nicht mehr auf oberflächlichen Patriotismus zurückziehen kann. Denn die US-Fahne und das mit ihr verbundene Pathos sind in diesen Zeiten zum Politikum geworden.

Die Reaktion Trumps: „KEIN KNIEN!“

Am besten konnte man das an der Reaktion des obersten Fahnenverteidigers der USA sehen: Donald Trump. Nach Brees ehrlich gemeinter Entschuldigung twitterte der Präsident der Vereinigten Staaten: „Ich glaube, er ist wirklich einer der größten Quarterbacks, aber er hätte seine Aussage über das Ehren unserer großartigen amerikanischen Fahne nicht zurückziehen sollen.“ Es gebe andere Dinge, gegen die man protestieren könne, „aber nicht gegen unsere große amerikanische Fahne – KEIN KNIEN!“

Ein klarer Bezug zu Colin Kaepernick und anderen Spielern. Der ehemalige Quarterback der San Francisco 49ers hatte sich in den Jahren 2016 und 2017 vor Footballspielen hingekniet während die Nationalhymne gespielt wurde, um gegen Polizeigewalt zu protestieren. Trump bezeichnete ihn daraufhin als „Hurensohn“.

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Die Worte sind klar, der Zweck eindeutig. Trump wollte Brees in seine Welt eines exkludierenden Patriotismus hineinziehen – aber Brees hat widerstanden. Und nicht nur das: Er wandte sich in einer weiteren Botschaft auf Instagram offen gegen den Präsidenten. „Wir können die Fahne nicht länger benutzen, um Leute von den echten Problemen abzubringen oder abzulenken, mit denen sich unsere schwarze Community auseinandersetzen muss.“ Als weiße Gemeinschaft müsse man nun zuhören und vom Schmerz und Leid lernen.

Brees legte nicht als einziger eine Lernkurve hin

Drew Brees sollte aber nicht der Einzige bleiben, der eine steile Lernkurve hinlegte. Auch die weißen Quarterbacks Tom Brady und Aaron Rodgers schlugen sich in den sozialen Medien auf die Seite der „Black Lives Matter“-Bewegung. Und doch wurde die spektakulärste Reaktion durch ein Video schwarzer Footballstars hervorgerufen. 

19 Spieler, unter anderem Michael Thomas, Patrick Mahomes und Deshaun Watson, lasen in einem zusammengeschnittenen Video die Namen von in den letzten Jahren getöteten Schwarzen vor – und forderten die NFL zum Schluss zu folgendem Statement auf: „Wir, die Nationale Football Liga, verurteilen Rassismus und die systematische Unterdrückung schwarzer Menschen. Wir, die Nationale Football Liga, geben zu, dass wir falsch lagen, als wir den NFL-Spielern nicht zuhörten und ermutigen alle, sich zu äußern und friedlich zu protestieren. Wir, die National Football Liga, glauben, dass schwarze Leben zählen.“

Was daraufhin geschah, ist relativ außergewöhnlich für die NFL – und zeigt die Einzigartigkeit der Situation auf, in der die USA derzeit stecken. Wortgleich wiederholte NFL-Commissioner Roger Goodell diese Worte und positionierte sich und die Liga damit in einer aufgeheizten Situation.

Im Fall Colin Kaepernick sah das noch ganz anders aus. „Ich stimme nicht unbedingt mit dem was er tut überein“, sagte Goodell 2016 zu Kaepernicks Protest. 2018 sagte er: „Wir wollen, dass die Leute die Nationalhymne respektieren.“ Damals vermied er die Konfrontation mit Trump – jetzt stellt er sich gegen ihn. 

Der Druck durch das Video der Spieler und die aufgeheizte Situation in den USA haben dafür gesorgt. Denn für die auch „Teflon-Liga“ genannte NFL sind politische Statements alles andere als selbstverständlich. 2016 sagte Quarterback Aaron Rodgers in einem Interview: „Ich glaube einige Jungs in der NFL machen sich Sorgen um das Echo, dass sie bekommen würden, wenn sie sagen würden, was sie denken.“ Im gleichen Interview sagte er auch, dass das in der Basketballliga NBA eher möglich sei.

Die NFL geht nun auf Konfrontation mit dem Präsidenten

Nun aber geht die NFL auf Konfrontationskurs mit dem Präsidenten – der sich das natürlich nicht gefallen lässt. „Könnte es auch nur im Entferntesten möglich sein, dass Roger Goodell in seinem interessanten Statement angedeutet hat, dass es jetzt für die Spieler ok ist, zu KNIEN oder nicht für die Nationalhymne zu stehen und so unser Land und unsere Fahne zu missachten?“, schrieb Trump auf Twitter.

Und doch ist der Konflikt für Trump nicht ungefährlich. In einer für ihn ohnehin heiklen Situation legt sich Trump auch noch mit der mächtigen NFL an. Zwar ist der Großteil der NFL-Spieler nach Angaben der Süddeutschen Zeitung schwarz – 80 Prozent der NFL-Zuschauer jedoch weiß.

Was in diesen Tagen in der Sportwelt der Vereinigten Staaten passiert ist außergewöhnlich – genauso wie ziemlich vieles, was gerade grundsätzlich in den USA passiert. Zwar gab es schon oft, eben zum Beispiel 2016 und 2017, Protest gegen Polizeigewalt, Beispiel Kaepernick. Der erfuhr zwar Solidarität – verlor aber am Ende seinen Job. In der jetzigen Situation wäre das undenkbar. Und das liegt nicht zuletzt an der Reaktion der weißen Football-Welt.  

Drew Brees hat innerhalb kurzer Zeit eine Entwicklung durchgemacht, die bislang nicht selbstverständlich war. Andere Spieler schlossen sich an, die NFL hat sich mit einer ganzen Bewegung solidarisiert und sich in nicht unproblematischer Weise gegen den Präsidenten gestellt. Die Debatte um die Fahne hat gezeigt: Pathosgeschwängerter Patriotismus darf zwar sein – aber das Pathos muss das Leid der schwarzen Bevölkerung mit einschließen.

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