• Breakdance-Ikone Thomas Hergenröther im Gespräch: „Breaking ist Leistungssport“

Breakdance-Ikone Thomas Hergenröther im Gespräch : „Breaking ist Leistungssport“

Breakdance-Ikone Thomas Hergenröther über den Weg der Disziplin zu Olympia, gutes und schlechtes Breakdance sowie Nachwuchsprobleme.

Abgedreht: Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris soll es erstmals auch einen Gewinner im Breaking geben.
Abgedreht: Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris soll es erstmals auch einen Gewinner im Breaking geben.Foto: Little Shao

Herr Hergenröther, Breakdance oder Breaking, wie es offiziell heißt, soll ab 2024 olympisch werden. Dabei denken viele Menschen wahrscheinlich immer noch eher an brennende Mülltonnen als an Leistungssport.

Die gibt es ja auch noch, die verrückten Old-School-Tänzer von früher, die – ich sage das jetzt mal übertrieben – ihren Joint rauchen und einen Whiskey trinken und Breaking einfach so zelebrieren wie sie wollen. Aber die heutige Generation an 12-, 13-, 14-Jährigen, wird jetzt mit dem Gedanken groß: Krass, ich kann vielleicht mal bei Olympia eine Medaille holen. Für die ist das gar keine Frage, dass sie Athleten sind.

Von was haben Sie damals in den Achtzigern geträumt, als Sie mit Breaking angefangen haben?

Zumindest nicht von Olympia. Das wäre damals für uns ein guter Witz gewesen, dass das jemals passieren wird.

Sie waren der Erste, der vor knapp 30 Jahren damit angefangen hat, aus dieser Subkultur einen Wettbewerb zu formen.

Anfang der Achtziger war Breaking ja mal ein Supermegamodehype, und dann ist die Szene quasi im Untergrund zerfallen. Als sie sich dann langsam wieder gefunden hatte, haben wir in Hannover gedacht: Lass uns doch mal eine Veranstaltung machen, die den Leuten ein Forum bietet und der Öffentlichkeit zeigt, dass es Breakdance noch gibt – und es nicht nur eine Modeerscheinung war, sondern eine Kultur und Ausdrucksform.

Anfang der Neunziger veranstalteten Sie dann das erste „Battle of the Year“.

Mit dieser Veranstaltung wollte ich den jungen Tänzern eine Perspektive bieten. Das BOTY ist heute der am längsten existierende Breakdance-Wettbewerb. Jedes Jahr kommen bis zu 20 Tanzgruppen aus der ganzen Welt zusammen. Die erste Runde besteht aus einer sechsminütigen Choreografie oder Show, die von einer Jury mit Punkten bewertet wird. Nach diesem Ranking qualifizieren sich die Top Sechs für die Finals, wo dann im klassischen Hip-Hop-Sinne in Battles der Gewinner des Abends ermittelt wird.

Im vergangenen Jahr feierte Breaking bereits bei den Olympischen Jugendspielen in Buenos Aires seine Premiere. Wurde da auf Ihre Erfahrung zurückgegriffen?

Die World Dance Sport Federation ist der einzige Verband, der vom IOC anerkannt ist, Tanzsport nach Olympia zu bringen. Mein Team und die WDSF haben quasi kollegial miteinander Jugendolympia durchgeführt. Da war dann auch das ganze IOC vor Ort, und die haben das total abgefeiert. Ich würde mal sagen, dass wir da den Grundstein gelegt haben für das, was danach dann kam.

Dann war Jugendolympia ein kleines „Battle of the Year“?

Es waren auch Tänzer dabei, die wir vom BOTY schon kannten. Aber es wurde dort nicht in Gruppen getanzt. Es gab da einen B-Boy- und ein B-Girl-Wettbewerb, eins gegen eins. So ist es auch für Paris geplant, 16 Tänzer und Tänzerinnen, die im direkten Duell gegeneinander um die Medaillen antreten.

Inwiefern ist Breaking ein Sport im klassischen Sinne und gehört von daher auch ins olympische Programm?

Diese Art des Tanzens hat sich in den letzten Jahren extrem entwickelt. Ich selbst komme aus dem Kunstturnen und habe früher selbst Leistungssport gemacht. Und wie die Tänzer heute trainieren, das ist einfach hochprofessionell, die trainieren fünf, sechs Tage die Woche, sieben Stunden lang.

Kann man damit seinen Lebensunterhalt bestreiten?

Um richtig Geld damit zu verdienen, musst du in den kommerziellen Bereich gehen – siehe zum Beispiel die Flying Steps aus Berlin, die ja jetzt gerade im Hamburger Bahnhof was machen. Wenn du ein bisschen Grips hast und das willst, dann kannst du da schon ganz gut von leben.

Ikone: Thomas Hergenröther war früher Kunstturner und Breaker.
Ikone. Thomas Hergenröther war früher Kunstturner und Breaker.Foto: promo

Herr Hergenröther, was ist denn eigentlich gutes Breaking? Und was ist Schlechtes?

Ich sage mal so: Wenn du – welchen Stil du auch tanzt – das auf hohem Niveau hinbekommst, weiß das jeder gute Judge zu würdigen. Wer Ahnung vom Tanzen oder vom Sport hat, sieht darin natürlich eine Leistung. Bei Anfängern zum Beispiel sieht das nicht so geschmeidig aus, sie tanzen nicht auf dem Rhythmus, die Kombinationen und die Schwierigkeiten der Bewegung sind noch nicht da. Man sieht da also schnell, wer gut ist und wer nicht.

Kann es dann überhaupt einen objektiven Bewertungskatalog geben?

Das Jurysystem ist eines der wichtigsten Kriterien vom IOC, das muss transparent sein und auch erklärbar. Das hat bei Jugendolympia aber schon sehr gut funktioniert. Es gibt mittlerweile eine Vielzahl an Systemen, die online über iPads gehen, bei denen du hinterher den Tänzern wirklich prozentmäßig sagen kannst: Hier und da in der Kategorie deines Tanzbereichs kannst du noch was rausholen. Da nehmen die Tänzer dann auch was mit.

Was ist in Zukunft wichtiger: BOTY-Sieg oder Olympia-Gold?

Du kannst jetzt bei Olympia eine Goldmedaille gewinnen – das ist doch einmalig! Bei der Siegerehrung in Buenos Aires, als für den Gewinner Bumblebee die russische Fahne hochgezogen wurde und die Hymne lief, kamen mir auch die Tränen. Das hat schon eine total große Bedeutung.

Ein deutscher Tänzer war nicht dabei?

Nein, da hat sich keiner qualifizieren können. Aber das ist ein generelles Ding. In der deutschen Szene krankt es ein bisschen am guten Nachwuchs. Ich weiß nicht, was bis 2024 passiert, aber es sind seit Jahren andere Länder – auch in Europa – stärker als Deutschland.

Wie kann man das aufholen?

Das ist die spannende Frage. Ich weiß nicht, ob da jetzt Akademien und Trainingslager aufgebaut werden. Mal schauen, wie ernst es der DOSB mit dem Breaking nimmt.

IOC-Präsident Thomas Bach hat kürzlich geunkt, der Erfinder der Olympischen Spiele würde sich wohl angesichts der ganzen Neuerungen im Grabe umdrehen.

Ich würde mal denken, dass dieser Erfinder damals eine Vision hatte und kreativ und offen war für Neues. Und das sollte wohl auch das IOC bleiben. Die haben einfach erkannt, dass es eine Auffrischung durch neue Sportarten braucht, um auch die jüngeren Generationen für Olympia zu begeistern.

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