Bundesliga-Vorschau (15) : Marco Rose tut Borussia Mönchengladbach gut

Borussia Mönchengladbach hat lange auf Understatement gemacht. Mit Trainer Rose aber ist eine andere Haltung in den Klub gekommen. Eine maximal ehrgeizige.

Wegweisend. Seit einem Jahr ist Marco Rose Trainer bei Borussia Mönchengladbach. Seine Anstellung hat den Klub vorangebracht.
Wegweisend. Seit einem Jahr ist Marco Rose Trainer bei Borussia Mönchengladbach. Seine Anstellung hat den Klub vorangebracht.Foto: dpa

Am 18. September startet die Fußball-Bundesliga in die neue Saison. In unserer Serie testen wir die Vereine. Heute Teil 15: Borussia Mönchengladbach.

Was hat sich verbessert?

Ein Klub, der die Saison nach eigener Rechnung mit der Meisterschaft abgeschlossen hat, besitzt nicht mehr allzu viel Luft nach oben. Formal hat sich Borussia Mönchengladbach als Vierter zwar nur für die Champions League qualifiziert; für Borussia aber sei das wie ein Titel, hat Max Eberl gesagt. Der Sportdirektor hat sich in den vergangenen Jahren durch seinen radikalen Realismus hervorgetan, den viele inzwischen eher für gefährliche Genügsamkeit halten.

Tatsächlich ändert sich in dieser Hinsicht gerade etwas. Zum einen weil die prägende Erinnerung an die Jahre des Schreckens mit zwei Abstiegen (1999, 2007) und einer Teilnahme an der Relegation (2011) zunehmend verblasst. Zum anderen weil Trainer Marco Rose eine andere Haltung in den Verein getragen hat – genau deshalb hat ihn der vermeintliche Zauderer Eberl übrigens vor einem Jahr geholt und seinen Kumpel Dieter Hecking trotz gerade verlängerten Vertrags und der Qualifikation für den Europapokal entlassen. Rose tut Borussia gut, weil er aus Salzburg weiß, wie sich Titel anfühlen, und maximal ehrgeizig ist. Mit Gladbach strebt er nach eigener Aussage den „größtmöglichen Erfolg“ an. Was auch immer das in einer Liga mit Bayern München heißen mag.

Wer sind die Neuen?

Wie an jedem traditionsbewussten Fußballstandort sind auch in Mönchengladbach die Sympathien für den österreichischen Getränkekonzern Red Bull GmbH aus Fuschl am See bescheiden. Aber das ist zum Glück nichts Persönliches. Schließlich haben die beiden einzigen Neuen dieses Sommers einen kräftigen Red-Bull-Hintergrund. Genau wie Marco Rose und Stefan Lainer, den der Trainer vor einem Jahr als eine Art Dolmetscher für seine Idee vom Fußball aus Salzburg mitgebracht hat. Hannes Wolf, 21, und der frühere Herthaner Valentino Lazaro, 24, sind für vergleichsweise kleines Geld aus Leipzig respektive von Inter Mailand ausgeliehen worden und können in einem Jahr zu sehr anständigen Konditionen fest verpflichtet werden.

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Aber der Begriff Neuzugang ist in Mönchengladbach in diesem Sommer ohnehin neu definiert worden. Neuzugänge sind jetzt auch die Spieler, die Borussia in früheren Jahren vielleicht noch für viel Geld verlassen hätten. Leute wie Marcus Thuram, Florian Neuhaus, Matthias Ginter, Alassane Plea oder Denis Zakaria, denen der Klub womöglich zu klein geworden wäre und die es daher nach Dortmund, England oder Spanien verschlagen hätte. Dass sie immer noch da sind, liegt nicht nur daran, dass die anderen Vereine wegen Corona sparen müssen.

Wer hat das Sagen?

Der Profifußball mit seiner wachsenden gesellschaftlichen Bedeutung ist immer mehr zu einem Basar der Eitelkeiten geworden. In Mönchengladbach aber gibt man sich traditionell uneitel. Sportdirektor Eberl, der durch seine Arbeit an Ansehen und Gewicht gewonnen hat, lässt sich auch weiterhin von jedem Praktikanten auf der Geschäftsstelle duzen. Und dass Marco Rose alle Beliebtheitsskalen sprengt, führt gerade nicht zu gegenseitigen Eifersüchteleien. „Marco passt zu hundert Prozent zu uns, als Trainer und als Mensch“, sagt Eberl. Das liegt auch daran, dass sich Rose nicht über den Klub erhebt, sondern sich fast schon demütig gibt vor der Wucht und der Geschichte dieses Traditionsvereins, der zuletzt vor einem Vierteljahrhundert einen Titel gewonnen hat.

Was erwarten die Fans?

Ein bisschen mehr Geschichtsbewusstsein. Der Verein vermarktet seine Mannschaft zwar immer noch als Fohlen-Elf, Spieler aus dem eigenen Nachwuchs aber waren bei den Profis zuletzt fast schon eine Rarität. Patrick Herrmann darf sich noch am ehesten als Stammspieler führen, aber der ist schon lange nicht mehr das kleine Hermännchen. Herrmann geht in die elfte Spielzeit seit seinem Bundesligadebüt im Januar 2010 und feiert im Laufe dieser Saison seinen 30. Geburtstag.

Es wird also Zeit für ein paar neue, junge, unverbrauchte Gesichter. Nach einigen eher schwächeren Jahrgängen aus dem Fohlenstall kommen tatsächlich einige Talente nach. Am nachdrücklichsten hat in der Vorbereitung Rocco Reitz, 18, auf sich aufmerksam gemacht. Er spielt seit der U 9 für die Gladbacher, ist in der Jugend aber ein bisschen unter dem Radar geflogen. Ein einziges Junioren-Länderspiel (2017 in der U 16) steht in seinem Lebenslauf. „Ein sehr spannender Junge“, sagt Trainer Rose über den Mittelfeldspieler. „Er bringt ein Paket mit, das richtig gut ist.“

Was ist in dieser Saison möglich?

Am Ende der vergangenen Spielzeit haben sich die Gladbacher mit Leipzig und Leverkusen einen harten Dreikampf um die beiden verbliebenen Plätze in der Champions League hinter Bayern und Dortmund geliefert. Doch während Leipzig (Werner, Schick) und Leverkusen (Havertz, Volland) wichtige bis wichtigste Spieler verloren haben, konnten die Gladbacher ihren Kader weitgehend zusammenhalten. Das heißt nicht, dass sie Leverkusen und Leipzig nun locker abhängen werden; es heißt aber, dass Borussia in der Lage sein sollte, sich auch in der neuen Saison wieder einen harten Dreikampf mit Leipzig und Leverkusen zu liefern.

Und sonst?

Haben die Gladbacher ausgesprochenes Glück mit dem Spielplan. Das Schlimmste werden sie schon am späten Samstagabend hinter sich haben: das Auswärtsspiel in Dortmund. Gegen den BVB haben die Gladbacher zuletzt zehn Mal hintereinander in der Liga und ein weiteres Mal im Pokal verloren. Eine derartige Negativserie gab es nie zuvor für die Borussia.

Bisher erschienen:

Teil 1: VfB Stuttgart – sympathisch und unerfahren wie nie
Teil 2: Arminia Bielefeld ist immer für eine Überraschung gut
Teil 3: Werder Bremen will endlich wieder Spaß
Teil 4: Der FC Augsburg sucht eine neue Hierarchie
Teil 5: Glück allein wird dem 1. FC Köln nicht reichen
Teil 6: Mainz 05 will aus der Jugend eine Tugend machen
Teil 7: Auf Schalke glänzt nur noch die Knappenschmiede
Teil 8: Der 1. FC Union ist auf allen Ebenen aktiv
Teil 9: Hertha BSC und ein Sack voller Zweifel
Teil 10: Bei Eintracht Frankfurt tragen sogar die Stars Preisschilder
Teil 11: Der SC Freiburg und die Grenzen der eigenen Möglichkeiten
Teil 12: Der VfL Wolfsburg muss plötzlich auf jeden Euro achten
Teil 13: Die TSG Hoffenheim setzt alles auf Attacke - wie immer
Teil 14: Bei Bayer Leverkusen steht der nächste Havertz schon bereit

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