Champions League Kolumne Kit’s Corner : Zu Kunden degradiert

In England meckern die Fans wie Kunden bei der Reklamation. Es ist ihnen nicht zu verübeln, findet unser Kolumnist.

Ein Dier im Manne. Der Spurs-Spieler schnappt sich den Fan.
Ein Dier im Manne. Der Spurs-Spieler schnappt sich den Fan.Foto: dpa

Ein Gespenst namens Corona geht um in Europa, und in der Champions League gibt es nun die ersten Geisterspiele. Am Mittwoch in Paris wird Dortmund vor leeren Rängen spielen. Tottenhams Verteidiger Eric Dier dürfte sich indes ärgern, dass beim Rückspiel zwischen Leipzig und den Spurs Fans im Stadion sind. Denn seit seiner Konfrontation mit einem Anhänger am Mittwoch hat Dier die Nase voll.

Im englischen Fußball ist der direkte Kontakt zwischen Spielern und Fans eine Rarität, und das nicht erst seit dem Coronavirus. Als Dier unmittelbar nach dem Pokal-Aus gegen Norwich über die Werbebande und über die Stühle hoch kletterte, wackelten auf der Insel die Teeuntertassen im Schrank. Seit dem Kung-Fu- Tritt von Eric Cantona 1995 hatte es kein Spieler mehr gewagt, einen Anhänger derart anzugehen. Die Details sind noch ungeklärt, aber angeblich wollte Dier seinem Bruder zur Seite springen. Dieser hätte selbst mit dem Fan gestritten, weil er den Nationalspieler aufs Übelste beschimpfte.

Es war nur das letzte und bei weitem nicht das hässlichste Beispiel von Missverhalten in einem Fußballstadion Englands. Vor allem der Rassismus ist auf den Rängen wieder präsent, zuletzt durch Affenlaute gegen Antonio Rüdiger.

Die deutschen Fans agieren als Gruppe

Dass auch in Deutschland Rassisten und Vollidioten die Anonymität der Masse ausnutzen, um andere zu beleidigen, kann unter anderem Jordan Torunarigha von Hertha BSC bestätigen. Und nicht-rassistische Pöbeleien, wie Eric Dier sie erlebt hat, gehören auch für Schalkes Torwart Alexander Nübel inzwischen zum Alltag.

In England lässt sich so etwas aber schwerer bekämpfen, weil die Fans nicht als mündige gesellschaftliche Gruppe wahrgenommen werden, sondern eben nur als pöbelnde Masse. Das Selbstverständnis ist entsprechend anders. Die englische Crowd ist spontaner und manchmal witziger als die deutsche Kurve, aber sie hat nicht dieselbe Fähigkeit, entschieden als Gruppe zu agieren.

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Wie auch immer man zu den Protesten gegen Kollektivstrafen, den DFB und Dietmar Hopp steht: die organisatorische Kraft der deutschen Fanszene ist bewundernswert. Die Fans protestieren dezidiert, solidarisch und – meistens – auch eloquent. Sie verstehen sich in jedweder Debatte als verantwortungsvoller Akteur, mit dem es zu sprechen gilt. In einer solchen Kultur ist es für die Gruppe einfacher, sich einzelnen Vollidioten entgegenzustellen. In Münster wurde vor ein paar Wochen ein schwarzer Spieler beleidigt, in Frankfurt gab es zuletzt Pöbler während der Schweigeminute für die Opfer von Hanau. In beiden Fällen hallte es „Nazis raus!“-Rufe.

In England heißt es oft auch, die Fans sollten sich selbst kontrollieren. Aber wie soll aus dem Nichts eine kollektive Verantwortung entstehen? Ob durch Alkohol- und Stehplatzverbote oder durch hohe Ticketpreise, die englischen Fans wurden jahrelang wie eine gefährliche Masse individueller Konsumenten behandelt, und nicht als verantwortungsbewusste Gemeinschaft von Menschen.

Es wurde gemeckert wie ein Kunde bei der Reklamation

Im Hinspiel gegen Tottenham haben übrigens die Leipziger Fans solidarisch gegen die hohen Ticketpreise der Premier League protestiert. Das hat viele Londoner Fußballhipster verwirrt, weil sie gehört hatten, RB-Fans seien nur schamlose Fußballkonsumenten. In Wahrheit sind es aber die englischen Fans, die zu Kunden degradiert worden sind.

Ein englischer Freund ist gerade, nach mehreren Jahren in Berlin, wieder nach Hause gezogen. Als er dort wieder zum Fußball ging, war er erstaunt, dass die meisten Fans vor allem die Stimme erheben, um sich über die eigene Mannschaft zu beschweren. Von Unterstützung konnte kaum die Rede sein. Es wurde gemeckert wie ein Kunde bei der Reklamation. Und warum nicht? Als englischer Fan wird einem eben ein Produkt für sehr viel Geld verkauft, und wenn das Produkt nicht gefällt, darf man auch meckern. Damit aber wird das Fantum an sich zu etwas Negativem, sowohl für den schimpfenden Fan als auch für den beschimpften Spieler.

Bei aller berechtigten Kritik an manchen Ultras für ihr Verhalten in der Causa Hopp muss man also weiterhin feststellen: Lieber eine mündige Fangemeinde, die manchmal Grenzen überschreitet, als das giftige Kunden-Dasein der Engländer. Die leeren Ränge in der Champions League werden eine Erinnerung daran sein, dass Fußball ohne Fans nun wirklich Unsinn ist.

Kit Holden schreibt an dieser Stelle in den Spielwochen der Champions League aus britischer Sicht über Europas Fußball.

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