Champions League : Warum der FC Liverpool gegen Madrid Favorit ist

Tormaschine aus Liverpool: Weil die Offensive Spiele gewinnt, fährt das Team von Jürgen Klopp als Favorit zum Finale gegen Real Madrid nach Kiew. Ein Kommentar.

Stark im Abschluss. Roberto Firmino (l.) und der FC Liverpool.
Stark im Abschluss. Roberto Firmino (l.) und der FC Liverpool.Foto: Alberto Pizzoli/AFP

Worum es im Fußball geht, ist den meisten Menschen halbwegs bekannt: Darum nämlich, möglichst ein Tor mehr als der Gegner zu schießen. Ein 1:0 muss deshalb nicht viel schlechter sein als ein 3:2. Hauptsache gewonnen! So ungefähr ist die Haltung eines überwiegenden Teils der Klubs in der Fußball-Bundesliga. Eben frei nach einer alten Erfolgsformel, wonach Offensive zwar Tore schieße, die Defensive aber Spiele gewinne. Stabil stehen, lauern, kontern, passiv statt aktiv.

Die beiden Halbfinal-Spiele zwischen der Roma und Liverpool, in denen zusammen 13 (!) Tore fielen, haben die Offensive-schießt-Tore-Defensive-gewinnt-Spiele-Formel ad absurdum geführt; ja selbst das Treffen des europäischen Hochadels zwischen den Münchner Bayern und Real Madrid, das "nur" sieben Tore nach Hin- und Rückspiel generierte, belegt dies. Natürlich schießt Offensive immer noch Tore, sie gewinnt auf internationalem Topniveau aber auch Spiele.

Für Jürgen Klopp, den Trainer des FC Liverpool, ist das eine gute Nachricht. Dank der beiden Tore durch Mané und Wijnaldum beim 2:4 in Rom hat Klopps Elf einen neuen Torrekord aufgestellt. 46 Treffer in einer Champions-League-Saison hatte zuvor noch kein Team geschafft, der Einzug ins Finale ist deshalb nur folgerichtig. Die alten Heldenkicker des ruhmreichen FC Barcelona um Patrick Kluivert, Rivaldo oder Luis Figo schossen in der Saison 1999/2000 45-mal ins gegnerische Netz. Den Cup damals aber krallte sich Erzrivale Real Madrid.

Real hat an Souveränität eingebüßt

Real Madrid steht nun wieder im Endspiel, zum dritten Mal in Folge. Nicht wenige glauben, dass diese Mannschaft auch den Titel-Hattrick schaffen wird. Abgezockter, erfahrener, besser besetzt. Und überhaupt: Wer Paris, Juve und Bayern aus dem Wettbewerb kegelt, schafft Liverpool sowieso.

Es stimmt schon, Real hat einen Kader voll gespickt mit Welt- und Europameistern und anderen Titelhamstern; Ronaldo, Modric, Kroos, Bale, Benzema, Marcelo und wie sie alle heißen. Aber das Team hat einiges an Spritzigkeit, Klasse und Souveränität eingebüßt. Die Stars sind älter geworden, langsamer. Das zeigt das schwache Abschneiden in der Liga - Platz drei, 15 Punkte hinter Barcelona! -, das zeigte das Rückspiel gegen Juventus (1:3), das offenbarte sich auch in beiden Duellen mit den Bayern (2:1/2:2). Nur wussten die das nicht zu nutzen.

Liverpools Angriffsreihe mit Mohamed Salah, Roberto Firmino, Sadio Mané dagegen hat die Power, Real auseinander zu nehmen. Es ist ein schnelles Trio, harmonisch, uneigennützig - vor allem: kaltschnäuzig. Es versteht die Kunst, bei hohem Tempo die richtigen Entscheidungen zu treffen. Eine Qualität, die eigentlich Real verkörpert, das bisher 30 Tore in dieser Champions-League-Saison erzielt hat, 15 durch Ronaldo. Die beiden Zahlen sind aber unerheblich, dann jedenfalls, wenn Liverpool auch im Finale von Kiew aufs Tore schießen statt aufs Tore verhindern setzt. Klopps Team muss dann nicht automatisch als Außenseiter gelten, sondern vielmehr als Favorit.

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