• Chaos beim Fußball-Drittligisten: Der Chemnitzer FC stürzt in eine existenzielle Krise

Chaos beim Fußball-Drittligisten : Der Chemnitzer FC stürzt in eine existenzielle Krise

Nach der geplatzten Aufsichtsratswahl steht die Zukunft in Chemnitz auf dem Spiel. Der Verein ist führungslos, Investoren denken über Rückzug nach.

Zum Verstecken. Die Zukunft des Chemnitzer FC steht wohl auf dem Spiel.
Zum Verstecken. Die Zukunft des Chemnitzer FC steht wohl auf dem Spiel.Foto: Hannibal Hanschke/Reuters

Es war schon kurz vor Mitternacht, als auf der Tribüne plötzlich gebrüllt wurde. „Ihr Heuchler“, rief jemand aus den hinteren Reihen. „Euch liegt gar nichts am Verein“, rief ein anderer und zeigte mit dem Finger auf die Kandidaten für den Aufsichtsrat. Andere Menschen in blau-weißen Shirts und Vereinslogo hatten Tränen in den Augen und schüttelten immer wieder ungläubig den Kopf. „Ich schäme mich für den Verein“, sagte Klublegende Frank Sorge.

Was sich wie Szenen nach einer heftigen Niederlage auf dem Fußballplatz oder nach einem feststehenden Abstieg anhört, spielte sich am Montagabend in der Messehalle ab- bei der Mitgliederversammlung des Chemnitzer FC. Wie schon bei Hannover 96 oder beim VfB Stuttgart fand eines der wichtigsten Ereignisse für den Verein neben dem Fußballplatz statt. Doch im Vergleich zu den Zweitligaklubs geht es für den insolventen Drittligisten aus Chemnitz um die Existenz. Und die ist nach dem Abend in der Messehalle noch bedrohter als zuvor. Denn im letzten Moment scheiterte die Wahl des Aufsichtsrats. Der Verein steht nun weiterhin vor einer unsicheren Zukunft. In einer schwierigen Zeit, die durch die Insolvenz und die Fan-Choreographie zu Ehren des bekannten Neonazis Thomas Haller geprägt ist, hat der Chemnitzer FC keine ordentliche Führung.

Die Mitglieder haben zwar ihre Macht im Verein demonstriert - doch der Preis dafür könnte der Verein selbst sein. Dabei war das nicht unbedingt nötig, trotz des Chaos der letzten Monate.

Es ist kompliziert, dieses Chaos beim Chemnitzer FC kurz zusammenfassen. Auf der einen Seite steht der Insolvenzverwalter Klaus Siemon, dem viele Chemnitzer vorwerfen, den Verein kaputtzumachen, zum Beispiel durch seine geplante Schließung des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ). Auf der anderen Seite steht ein vom Amtsgericht eingesetzter Notvorstand, der gemeinsam mit dem Rückhalt vieler Fans versucht, den Verein am Leben zu halten, zum Beispiel durch die weitere Finanzierung des NLZs.

Diese Seiten in Chemnitz spielen heftig gegeneinander, unter anderem versuchte der Insolvenzverwalter, den Notvorstand verhaften zu lassen. Doch kurz vor der Mitgliederversammlung einigten sich beide Seiten auf eine Liste mit sieben Kandidaten für den Aufsichtsrat. Dabei forderte der Insolvenzverwalter, dass im Block über die Liste abgestimmt wird und drohte, den Verein sonst zu liquidieren - was wohl auch bedeuten würde, dass der CFC keine Lizenz mehr für die dritte Liga erhalten würde.

Fassungslos und wütend verlassen die Mitglieder die Messehalle

Viele Mitglieder wollten sich vom Insolvenzverwalter nicht erpressen lassen. Vor der Messehalle verteilten Fans Infozettel mit dem Aufruf, nur drei der sieben Kandidaten zu wählen und nicht für die zu stimmen, die sie als Gesellschafter und Investoren in der Nähe des Insolvenzverwalters sahen.

Aber der Satzung des Chemnitzer FC zufolge müssen fünf Personen in den Aufsichtsrat gewählt werden - eine Tatsache, die einigen Fans nicht bewusst war und über die sich selbst der ehemalige Vorstand und Journalisten in der Halle unsicher waren.

Trotzdem hätte es sogar fast noch geklappt mit einer zumindest etwas geregelteren Zukunft des CFC. Nachdem die Blockwahl abgelehnt wurde, waren vier Kandidaten bereits einzeln gewählt worden, zwei unliebsame bekamen nicht genug Stimmen. Eine Abstimmung stand noch aus, über einen Kandidaten, den die starke Fangruppierung sogar auf ihren Flugblättern empfohlen hatte. Er wäre der fünfte gewesen, das hätte gereicht, Chemnitz hätte zumindest einen Aufsichtsrat gehabt.

Doch der letzte Kandidat schritt plötzlich nach vorne ans Saalmikrofon. „Ich trete zur Wahl nicht mehr an“, sagte er. Er hätte durch die Liste gewählt werden wollen, nun sei er nicht mehr bereit - und beerdigte die Träume von einem neuen Aufsichtsrat. Männer vom Sicherheitsdienst eilen herbei, doch es bleibt bei Beleidigungen durch andere Mitglieder. Fassungslos und wütend verließen die danach die Messehalle.

Wie es weitergeht, ist unsicher. Am Montag zeigten die Fans ihre Macht - jetzt könnte der Insolvenzverwalter seine zeigen.

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