Christian Gaebler : „Das Gemecker geht mir durchaus auf den Keks“

Christian Gaebler spricht im Interview über seine Doppelrolle als Chef der Berliner Senatskanzlei und Fußball-Schiedsrichter im Amateurbereich.

Laurenz Schreiner
Christian Gaebler ist der Chef der Berliner Senatskanzlei - und auch Schiedsrichter.
Christian Gaebler ist der Chef der Berliner Senatskanzlei - und auch Schiedsrichter.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

„Wenn du Angst vor großen Namen hast, bleib doch im Bett“, habe einmal ein Trainer zu Christian Gaebler gesagt. Gaebler ist Chef der Berliner Senatskanzlei. An den Wochenenden ist er der Chef auf dem Platz: Als Fußballschiedsrichter pfeift er seit 2016 im Berliner Fußballverband.

Herr Gaebler, warum wechseln Sie immer wieder die Rollen und pendeln zwischen dem Roten Rathaus und dem Fußballplatz?
Auf dem Fußballplatz ist alles vertreten, was es in der Gesellschaft gibt. Das hat auch manchmal seine Tücken. Aber letztlich müssen alle miteinander klarkommen und wenn ich als Schiedsrichter dazu beitragen kann, dann ist das gut und ich mache es gerne. Manchmal frage ich mich aber auch, warum ich bei Regen und Schnee durch Berlin fahre, um mich von Leuten anschreien zu lassen.

Was erleben Sie auf den Berliner Plätzen?
Ich habe noch keine Extremerfahrungen erlebt, also wurde noch nicht bedroht oder tätlich angegangen. Das Gemecker auf dem Platz geht mir aber durchaus auf den Keks. Ich merke, dass die Vereine das in den Griff kriegen wollen – das klappt während des Spiels aber nicht immer. Ein Spieler hat mal in der 94. Minute vor mir auf den Boden gespuckt, weil er einen Freistoß wollte. Da verstehe ich den Spieler nicht. Ich habe ihm Rot gegeben und der ist kommentarlos vom Platz gegangen.

Wie treten Sie auf dem Platz auf?
Ich lasse viel laufen. Und manchmal höre ich auch bewusst weg. Wir haben Regeln und die muss man durchsetzen. Aber es ist ja das Spannende, in manchen Momenten sein Fingerspitzengefühl einzusetzen.

Gibt es auch schöne Erlebnisse?
Es gab mal einen Spieler, der das gesamte Spiel kommentiert hat. Nach dem Spiel kam er zu mir und meinte: „Ich habe heute mehr Fehler gemacht als Sie.“ Das war ein schönes Entgegenkommen, weil Spieler natürlich auch Fehler machen.

Sehen Sie Parallelen zwischen der Tätigkeit als Schiedsrichter und als Politiker?
Das lässt sich nicht eins zu eins übersetzen, aber es gibt ein paar Parallelen. Du hast in beiden Fällen eine hohe Verantwortung. Und du musst jeweils überlegen, wie weit du gehen kannst und wo du mit anderen kooperieren musst. Es gibt Fähigkeiten, die man in beiden Bereichen braucht.

Welche?
Zum Beispiel ist die Außenwirkung als Schiedsrichter enorm wichtig. Wie trete ich auf? Autoritär oder zurückhaltend? Das muss man von der Spielatmosphäre abhängig machen. Wenn man als Schiedsrichter unsicher wirkt, ist das immer schlecht, weil die Akzeptanz deutlich sinkt. In der Politik ist es manchmal ähnlich, auch hier müssen Entscheidungen verkauft werden. Wenn man einen Vorschlag macht, muss man auch dazu stehen. Wichtig ist, sich nicht verunsichern zu lassen und sich, wenn überhaupt, kontrolliert aufzuregen. Als Schiedsrichter gucke ich schließlich auch, dass ich nicht mit gelben Karten um mich werfe und mit drei Elfmetern rausgehe, sondern im Spielverlauf und in der konkreten Situation ein bisschen abwäge, was angebracht ist.

Und andersrum gefragt, nutzen Fähigkeiten aus dem politischen Betrieb als Schiedsrichter?
In der Politik habe ich gelernt, die unterschiedlichen Charaktere einzuschätzen und zu schauen, dass alle einigermaßen zu ihrem Recht kommen. Politische Erfahrung kann also Schiedsrichtern durchaus helfen. Der Vorteil als Schiedsrichter ist, dass man alleine entscheiden kann. Das ist in der Politik ein bisschen anders.

Wie wäre es, wenn es mehr Schiedsrichter in der Politik gäbe?
Schiedsrichter sind eigentlich nicht dazu da, um zu gestalten, sondern um einen vernünftigen Ablauf zu regeln. Politik geht noch weiter: Es geht darum, eigene Gestaltungsideen einzubringen. An manchen Stellen in der Politik wäre es aber gut, wenn alle gewisse Regeln kennen und die dann konsequent durchsetzen würden.

Christian Gaebler, 54, ist Chef der Berliner Senatskanzlei. Er ist fast jeden Sonntag als Schiedsrichter in der Bezirksliga oder als Assistent in der Landesliga

unterwegs.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben