Christina Schwanitz im Interview : „Meine Kinder würden sonst Tante zu mir sagen“

Kugelstoßerin Christina Schwanitz über ihre Rückkehr nach der Geburt von Zwillingen, ihren Alltag als Sportlerin mit Kindern – und ihr letztes Ziel.

Leonard Brandbeck
Volle Kraft voraus: Christina Schwanitz ist Deutschlands beste Kugelstoßerin.
Volle Kraft voraus: Christina Schwanitz ist Deutschlands beste Kugelstoßerin.Foto: Andrej Isakovic/AFP

Christina Schwanitz, 33, holte bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Katar Bronze im Kugelstoßen, nachdem sie zuvor wegen der Geburt ihrer Zwillinge eine längere Babypause genommen hatte. 2015 wurde sie bereits Weltmeisterin. Nur zu einer Medaille bei Olympischen Spielen hat es bisher noch nicht gereicht. Das soll sich im kommenden Jahr in Tokio ändern.

Frau Schwanitz, Sie sind bei der Bundeswehr verpflichtet. Wie steht es eigentlich um die Vereinbarkeit von Kind und Karriere beim Bund?
Ich kann ja nur aus meiner Warte als Sportsoldatin sprechen. Da war es für mich nie ein Problem, Kinder zu bekommen. Ich musste mir nie irgendwelche Gedanken um die – zumindest mal – nahe Zukunft machen. Das war sehr beruhigend.

Sie persönlich bekommen Kind und Karriere offenbar sehr gut auf die Reihe: Vor zwei Jahren haben Sie Zwillinge geboren und vergangene Woche dann bei der Leichtathletik-WM in Doha Bronze gewonnen.
Also einfach ist es nicht. Es bedarf sehr viel Organisation, Zeitmanagement, Planung und Hilfe. Ohne das alles wäre es gar nicht möglich.

Sie haben Ihren Bronzegewinn danach als „kleines Gold“ bezeichnet. Warum?
Für mich ist diese Medaille nach dem Gold 2015 die zweitwertvollste, die ich in meinem Leben gewinnen konnte, weil einfach so viel Arbeit und Herzblut darin stecken wie noch nie.

Dass Sie als Mutter eine Medaille gewonnen haben, hat viel Beachtung gefunden. Wird Ihnen das Thema vielleicht ein bisschen zu sehr aufgebauscht? Väter werden dazu ja kaum befragt.
Mein Mann macht unheimlich viel und opfert ganz viel Zeit, um mich, meinen Leistungssport und meine Arbeit unterstützen zu können. Aber ich als Frau würde behaupten, dass es noch einmal einen Tick schwerer ist, weil die Bindung zu den Kindern am Anfang des Lebens durch das Stillen, das Umhertragen und die permanente Aufopferung einfach viel größer ist. Abgesehen davon ändert sich für den Mann ja nicht viel, wenn er Papa wird. Bei einer Frau ändert sich der Körper: der Hormonhaushalt, die Einstellung zum Leben, der Stellenwert von Aufgaben, die auf einmal gefordert sind. Da verschieben sich die Prioritäten.

Sehen Sie sich denn in einer Art Vorbildfunktion?
Ich möchte gerne ein Vorbild sein, um zu zeigen: Wenn man sich das zutraut, dann schafft man das auch. Die erste Blockade beginnt ja im Kopf. Man muss ganz viel rundherum machen, man muss sich echt kümmern. Aber auch in der Elternrolle kann man sehr viel schaffen.

Haben Sie sich denn mit anderen Müttern aus dem Leistungssport ausgetauscht, wie man erfolgreich in den Sport zurückfindet?
Nein. Dafür sind die Sportlerinnen, die sich entscheiden eine Familie zu gründen, alle viel zu speziell. Man kann sich sicherlich mal fragen: „Wie hast du das denn gemacht?“, um zu schauen, ob die Wege ungefähr die gleichen sind. Aber grundsätzlich muss jede Familie für sich entscheiden, was richtig und was falsch ist.

Was war bei Ihrer Rückkehr die größte Herausforderung?
Das waren mehrere Etappen. Die erste Frage war: Will ich überhaupt noch Sport machen? Ich hatte mir ja offengehalten, ob ich wieder anfangen möchte. Die erste Woche war dann auch megageil, das war eine der schönsten Sportwochen meines Lebens. In der zweiten Woche habe ich die erste dann aber sofort bereut. Als Leistungssportlerin hat man schon nicht alle Tassen im Schrank. Man muss verrückt sein, sonst traut man sich das gar nicht erst zu.

„Kleines Gold“: Für Christina Schwanitz ist die Bronzemedaille von Doha „die zweitwertvollste“ ihrer Karriere.
„Kleines Gold“: Für Christina Schwanitz ist die Bronzemedaille von Doha „die zweitwertvollste“ ihrer Karriere.Foto: Mustafa Abumunes/AFP

Wie ging es dann weiter?
Nachdem ich die ersten Monate überstanden hatte, war dieses Abgeben der Verantwortung an den Kindergarten schwer. Das zu lernen, hat bestimmt ein halbes Jahr gebraucht. Man hinterfragt ständig: Bin ich denn trotzdem noch eine gute Mutter, auch wenn ich egoistisch bin und weiter meinen Job machen will? Aber durch meinen Job kann ich meinen Kindern eine tolle Zukunft bieten – hoffe ich zumindest.

Wie war die Rückkehr ins Training?
Die allergrößte Herausforderung war es erst einmal, mich in allen Bereichen um das Kugelstoßen wieder auf den Stand vor der Schwangerschaft zu bringen. Bei den Kraftwerten habe ich tatsächlich anderthalb Jahre gebraucht, um an meine Leistung von 2016 heranzukommen. Bis ich den gleichen Trainingsumfang absolvieren konnte, hat es beinahe zwei Jahre gedauert. Außerdem trenne ich ja strikt zwischen Privatem und Beruflichem, und da ist es manchmal schwer gewesen zu sehen: Bis wohin bin ich Mama, ab wann bin ich Leistungssportlerin?

Um welche konkreten Fragen ging es?
Letztes Jahr bei der EM in Berlin wusste ich zum Beispiel, dass mein Mann und meine Kinder im Stadion sind. Ich habe es mir aber bewusst untersagt, vorher zu ihnen zu gehen. Es wäre mir sonst unheimlich schwergefallen, mich wieder von meiner Familie zu trennen und den Schalter zur Leistungssportlerin umzulegen.

Welche Unterstützung ist dafür nötig?
Ein Umfeld, auf das man hundertprozentig vertrauen kann. Wenn es bei uns am Dampfen ist, dann haben wir einen engen Freundeskreis, in dem jemand einspringt und unsere Kinder vom Kindergarten abholt. Der Arbeitgeber meines Mannes ist tolerant und ermöglicht ihm andere Arbeitszeiten, wenn ich im Trainingslager bin. Oder auch mein Trainer und mein Physiotherapeut, die beide ihre Pläne danach ausrichten, wenn ich zum Beispiel noch die Kinder in den Kindergarten bringen muss. Wenn ich diese Flexibilität nicht hätte, müsste ich nicht mal über Leistungssport nachdenken.

Das klingt eigentlich nach Herausforderungen, die viele berufstätige Eltern bewältigen müssen.
Warum sollte es bei uns im Sport auch anders aussehen? Wir sind ja ganz normale Menschen. Wir sind genauso auf unser Umfeld angewiesen wie alle anderen.

Die Rückkehr haben Sie also größtenteils selbst gestemmt. Wären da nicht auch die Verbände und Vereine gefragt?
Wenn ich im Frühjahr in kurzen Abfolgen mehrmals im Trainingslager bin, habe ich zum Beispiel die Möglichkeit, meine Kinder und meinen Mann mitzunehmen. Meine Kinder würden sonst irgendwann Tante zu mir sagen, wenn ich acht Wochen am Stück weg wäre. Auch vor der WM konnte ich jetzt noch mal eine andere Art von Trainingslagervorbereitung machen, damit ich nicht drei Wochen am Stück unterwegs bin. Also von Seiten der Verbände und des Vereins wird das, was möglich ist, auch umgesetzt.

Die Tennisspielerin Serena Williams hat es einmal öffentlich bereut, die ersten Schritte ihrer Tochter verpasst zu haben, weil sie währenddessen trainierte. Haben Sie sich mit Ihrer Rückkehr genug Zeit gelassen?
Wenn ich noch einmal schwanger werden würde und dann auch noch einmal vorhätte, Sport zu machen, würde ich es genauso wieder tun. Aber wenn noch ein Kind kommt, dann nicht mehr in der Sportkarriere. Das möchte ich dann tatsächlich auch voll genießen.

Wird es in Zukunft leichter, weil die Kinder älter werden? Oder schwieriger – weil Sie älter werden?
Grundsätzlich denke ich, dass es leichter wird, weil man immer mehr mit den Kindern kommunizieren kann. Ich kann zum Beispiel, wenn ich ins Trainingslager fahre, noch nicht sagen: „Die Mama geht auf die Arbeit.“ Ich muss das anders sagen, weil auf die Arbeit zu gehen bei den anderen Kindern bedeutet: Mama bringt mich morgens in den Kindergarten und Papa holt mich abends wieder ab. Bei uns ist es so: Wenn ich ins Training gehe, dann gehe ich auf die Arbeit, und wenn ich ins Trainingslager fahre, dann bin ich bei der Oma. Damit die Kinder das unterscheiden können. Aber je älter sie werden, desto einfacher wird das.

Sie selbst werden bald 34. Im nächsten Jahr stehen für Sie die Olympischen Spiele an.
Das war eigentlich auch der größte Antrieb weiterzumachen. Ich bin noch nicht ganz fertig, mir fehlt noch was: Ich wünsche mir noch eine Olympia-Medaille.

Sie planen jedoch offensichtlich noch weiter voraus. Seit einem Jahr studieren Sie Sozialpädagogik.
Das Problem ist einfach, dass man von der Leichtathletik kaum leben kann, selbst wenn man zur Weltspitze gehört. Bevor ich zur Bundeswehr gekommen bin, habe ich schon eine Berufsausbildung zur Verwaltungswirtin gemacht. Mein großer Traum ist jetzt aber, einen Kindergarten zu eröffnen, der Sport und Knigge anbietet. Deshalb das Studium.

Studium, Leistungssport, Bundeswehr, Kinder – haben Sie denn noch Zeit für sich selbst?
Wir haben nebenbei noch einen Garten, der ist dieses Jahr aber sehr kurz gekommen, weil einfach zu wenig Zeit war. Daran habe ich auch gemerkt, dass das Programm, das ich in diesem Jahr abgespult habe, doch einen Tick zu viel war.

Heißt das, dass wir uns jetzt Sorgen um Ihren Garten machen müssen?
Naja, also manche Pflanzen sind schon eher knusprig. Aber ich habe schon mit meiner Hochschule und meinem Trainer gesprochen: Ich werde das Pensum jetzt deutlich senken.

Haben Sie inzwischen eigentlich auch wieder ein, zwei Bierchen getrunken?
Nach meinem Wettkampf bei der WM sind mein Trainer und ich tatsächlich von der Führungsriege des Verbands auf ein Bierchen eingeladen worden. Wir haben dann morgens um drei zusammengesessen und unser Feierabendbier genossen.

Sie hatten sich beschwert, dass man in Doha kaum an Alkohol kommt.
Das war sogar ein Bier von vor Ort – und es hat geschmeckt!

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!