Das DFB-Team kommt nicht voran : Warum der Neuanfang so schwer ist

Das Teamgefüge der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hat sich stark verändert – sportlich braucht der Umbruch jedoch weiter Zeit.

Zwei Seiten. Julian Brandt (links) und Matthias Ginter sollen die Nationalmannschaft in Zukunft prägen.
Zwei Seiten. Julian Brandt (links) und Matthias Ginter sollen die Nationalmannschaft in Zukunft prägen.Foto: dpa

Joachim Löw lehnte lässig an der Wand. Er verfolgte die Ausführungen seines Nachfolgers mit Interesse und fachlichem Wohlwollen. Der neue Bundestrainer sprach über das anstehende EM-Qualifikationsspiel gegen Weißrussland, er referierte über die Konterstärke des Gegners, über die daraus resultierende Pflicht zu einer seriösen Restverteidigung.

Als er fertig war, erhob sich Matthias Ginter, um auf dem Podium Platz zu machen für Joachim Löw. „Du kannst für mich bleiben“, sagte Löw. Ginter lachte.

So viel Umwälzungen wie im Moment hat der deutsche Fußball lange nicht erlebt. Nur einer erweist sich in all den Umbrüchen als irgendwie unantastbar. Joachim Löw wird natürlich auch an diesem Samstag in Mönchengladbach wieder als Bundestrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft auf der Bank sitzen.

Nachdem er sich eine Zeitlang mehr mit der Verwaltung der Zustände als mit deren Gestaltung beschäftigt hat, versucht sich Löw in seinem 14. Dienstjahr als Bundestrainer gerade daran, sich und die Mannschaft ein weiteres Mal neu zu erfinden – unter Bedingungen, die so kompliziert sind wie vielleicht nie zuvor.

Der Umbruch, den der 59 Jahre alte Löw anleitet, geht weit über das Sportliche hinaus. Das Ansehen und die Haltung der Nationalmannschaft sind ebenso im Wandel begriffen wie die Wahrnehmung von außen. Wenn es gut läuft, kommen gegen Weißrussland 30.000 Menschen in den Borussia-Park, um Löws Team zu sehen – weniger Zuschauer gab es bei einem Pflichtspiel in diesem Stadion zuletzt vor zehn Jahren, als der FC Wegberg-Beeck in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen Alemannia Aachen spielte.

Wir sind noch nicht an dem Punkt, wo wir im Sommer sein wollen“

Dass die Nationalmannschaft an Strahlkraft eingebüßt hat, liegt natürlich auch (aber nicht nur) an ihren sportlichen Auftritten inklusive der verkorksten WM vor einem Jahr. „Wir sind noch nicht an dem Punkt, wo wir im Sommer sein wollen“, sagt Kapitän Manuel Neuer mit Blick auf die Europameisterschaft im kommenden Jahr. Und die Frage ist, ob die Mannschaft diesem Punkt in diesem Jahr entscheidend nähergekommen ist.

Joachim Löw hat vor dem Duell mit den Weißrussen noch einmal auf die Probleme verwiesen, mit denen er aktuell zurechtkommen muss. Und auch wenn er es nicht so explizit ausgesprochen hat, konnte man seine Worte so deuten, dass dieses Jahr 2019, das mit dem Auswärtssieg in Holland recht verheißungsvoll begonnen hatte, eher ein verlorenes war. Verletzungen, so der Bundestrainer, waren in diesem Jahr „ein ständiger Begleiter“, sodass die Arbeit an taktischen Feinheiten, an Systemsicherheit und Automatismen deutlich zu kurz gekommen ist.

Neues Personal, neues System

Mit Blick auf die starke Gegnerschaft bei der EM will Löw „ein bisschen weg“ vom bisherigen Ballbesitzfußball. „Es gibt eine neue Idee für unser Spiel“, sagt der Bundestrainer. In Ansätzen ist die Umsetzung auch schon gelungen, eine Halbzeit gegen Holland, eine gegen Argentinien, aber gerade gegen hochwertige Gegner eben noch nicht über ein komplettes Spiel. „Da müssen wir hinkommen“, sagt Löw.

Die fehlende Konstanz hängt auch mit den personellen Bedingungen zusammen. Vor dem letzten Länderspielblock des Jahres mit den finalen EM-Qualifikationsspielen gegen Weißrussland und am Dienstag in Frankfurt gegen Nordirland plagen den Bundestrainer erneut arge Personalprobleme: Insgesamt fallen neun Spieler aus.

Ginter zu oft unter dem Radar

So darf sich an diesem Samstag Matthias Ginter als Chef der deutschen Abwehr fühlen – unabhängig davon, ob er in der Viererkette neben Robin Koch oder Jonathan Tah verteidigt.

Ginter steht beim Tabellenführer Borussia Mönchengladbach unter Vertrag, er gehörte schon bei der WM 2014 dem deutschen Kader an und war Stammspieler beim erfolgreichen Confed-Cup 2017; trotzdem fliegt der 25-Jährige nach eigener Einschätzung immer noch ein bisschen unter dem Radar der Öffentlichkeit hinweg. Zu Unrecht, wie Bundestrainer Löw findet.

Ginter ist ein gutes Beispiel, wie sich das Gefüge innerhalb des Teams verändert, wie Spieler plötzlich in eine exponierte Position geraten, die zuvor eher schüchtern am Rand standen. „Jeder Einzelne, der länger dabei ist, ist in der Hierarchie ein bisschen geklettert“, sagt Joshua Kimmich. Mit der Ausbootung von Mats Hummels, Jerome Boateng und Thomas Müller, nachweislich besonders starken Persönlichkeiten also, hat Löw diesen Prozess aktiv unterstützt. Er hat der nachrückenden Generation Freiräume geschaffen, die diese nun nach und nach besetzt.

„Die Energie in der Mannschaft ist sehr gut“, sagt Joachim Löw. Damit – so zumindest die Hoffnung – kann sie sich über so manches sportliches Defizit hinweghelfen. Klarer Favorit würden die Deutschen im kommenden Sommer bei der EM nicht sein, glaubt der Bundestrainer. Dafür fehlt es dem deutschen Fußball im Moment an herausragender Qualität und Talent. Aber: „Mit der Mannschaft ist schon einiges möglich“, sagt Joachim Löw. „Daran müssen wir arbeiten. Daran müssen wir glauben.“

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