Das Pokalaus von Turbine Potsdam : Eine einsame Angelegenheit

Die Fußballerinnen von Turbine Potsdam verlieren das Pokal-Viertelfinale gegen Essen. Es war das erste Geisterspiel im KarLi.

Kein blaues Wunder. Das Karl-Liebknecht-Stadion erlebte 44 Jahre nach seiner Eröffnung sein erstes Geisterspiel – ohne Erfolg.
Kein blaues Wunder. Das Karl-Liebknecht-Stadion erlebte 44 Jahre nach seiner Eröffnung sein erstes Geisterspiel – ohne Erfolg.Foto: Matthias Koch

Quirliges Leben am frühen Mittwochnachmittag in der Babelsberger Karl-Liebknecht-Straße. In den Straßen- und Eiscafés des Kiezes kurbeln die Gäste nach wochenlangem Coronavirus-Lockdown die Umsätze an, auch die Mittagstische sind gut besetzt. Am Ende der Straße jedoch einsame Stille. Das Karl-Liebknecht-Stadion erlebt 44 Jahre nach seiner Eröffnung sein erstes Geisterspiel. Vor leeren Rängen spielen die Frauen des 1. FFC Turbine Potsdam gegen die SGS Essen um den Einzug ins Halbfinale im DFB-Pokal. Und am Ende schallt es ungedämpft hinüber in den Babelsberger Park, als der Stadionsprecher das Potsdamer Aus zusammenfasst. Vier Tage nach der 2:3-Last-Minute-Niederlage gegen den SC Freiburg beim Re-Start der Bundesliga verliert Turbine auch das Pokalspiel 1:3.

„Hätten wir zweimal gewonnen, könnte ich mich vielleicht an Geisterspiele gewöhnen“, sagte Turbines Trainer Matthias Rudolph nach dem Abpfiff mit bitterem Lächeln. Gewöhnlich zählen Heimspiele des 1. FFC Turbine Potsdam zu den publikumsträchtigsten in der Frauen-Fußballbundesliga. 1400 Zuschauer kommen im Schnitt. Und Potsdams Spielerinnen hätten sie gut gebrauchen können – ihre treuen Turbine-Fans. Ihre Trommeln und Fanfaren haben sie in so mancher Schlacht zum Sieg getrieben. Es hätte ein weiteres Kapitel werden können, wie es schon häufig im „KarLi“ geschrieben wurde, als die Heimmannschaft – sei es Turbine oder der SV Babelsberg 03 – zurücklag und angepeitscht vom Publikum das Ding noch drehte.

Potsdam musste eine knappe halbe Stunde in Unterzahl spielen

Angerichtet war die Pokalpartie am Mittwochnachmittag dafür. Die SGS Essen hatte Turbines Führung, die Sophie Weidauer mit einem schönen Drehschuss erzielt hatte, durch einen Doppelschlag von Nicole Anyomi und Lea Schüller in der 45. Minuten und der Nachspielzeit der ersten Halbzeit in ein 2:1 gewandelt und kurz nach Wiederanpfiff durch Marina Hegering auf 3:1 ausgebaut. Das sind eigentlich genau die Zutaten, aus denen Legenden gestrickt werden. Noch immer schallt es „drei zu zwei, drei zu zwei“ durch den Kiez, wenn die Männer des SV Babelsberg 03 wie einst gegen den 1. FC Union 0:2 in einer Partie zurückliegen und daran erinnert werden, dass – wie damals – ein 3:2-Sieg noch möglich ist. Vor einigen Monaten waren es die Frauen, die in der Bundesliga einen 2:3-Rückstand gegen Freiburg in letzter Sekunde noch in ein 4:3 wandelten. Doch am Mittwochnachmittag war niemand da, der lautstark an Wunder von einst erinnern konnte. Der Rückhalt blieb aus.

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So kämpferisch Matthias Rudolph seine Mannschaft auch sah, die es nach dem Platzverweis von Abwehrchefin Johanna Elsig nach wiederholtem Foulspiel ab der 65. Minute noch schwerer hatte, so verdient ist der Sieg der Gäste. Mit Ruhe und Übersicht agierte die SGS von Beginn an, während die junge Turbine-Elf meist etwas forsch und ungeduldig spielte. Die jugendliche Naivität nannte die selbst erst 18-jährige Marie Höbinger als einen Grund, dass Turbine immer wieder Gegentore in schneller Folge kassiert. „Wir hadern dann zu lange, anstatt es schnell abzuhaken“, sagte sie nachdem Viertelfinal-Aus. Trainer Rudolph übte trotz der „riesengroßen Enttäuschung“ viel Nachsicht: „Wir sind die jüngste Mannschaft in der Bundesliga, da passieren immer wieder Fehler.“ Stark sei hingegen, was seine Spielerinnen an Chancen herausspielt haben, befand der 37-Jährige, der im vierten Jahr seiner Amtszeit gern das Halbfinale erreicht hätte, das kommenden Mittwoch nun Bayer Leverkusen gegen Essen und Arminia Bielefeld gegen Wolfsburg bestreiten.

Es tröstet Maria Höbinger nur wenig, dass der Pokal-K.-o. nun im straffen Programm bis zum Saisonende eine englische Woche weniger bedeutet. „Es war unser großes Ziel weiterzukommen“, sagt sie, „umso bitterer ist, dass wir raus sind.“ Es bleiben drei Tage Zeit, um die Niederlage zu verdauen, dann kommt der FC Bayern München zum Bundesligaspiel ins „KarLi“. Es wird erneut eine einsame Angelegenheit am Ende der Babelsberger Karl-Liebknecht-Straße.

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