Sorja will es in die K.-o.-Runde schaffen

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Der Gegner von Hertha BSC : Sorja Luhansk: Auswärts zu Hause
Denis Trubetskoy
Überraschender Erfolg. Am zweiten Spieltag der Europa League siegte Luhansk bei Athletik Bilbao.
Überraschender Erfolg. Am zweiten Spieltag der Europa League siegte Luhansk bei Athletik Bilbao.Foto: AFP

Das vorerst letzte Kapitel dieses Märchens war der sensationelle 1:0-Sieg gegen Athletic Bilbao, den Sorja Ende September im Baskenland feierte. „Das war ein hochverdientes Geschenk nach allem, was wir in den vergangenen Jahren geleistet haben“, sagte Wernidub. Dabei musste der 51-Jährige vor dem Europa-League-Spiel mit Verletzungspech kämpfen und ohne Stürmer im Kader gegen Athletic auftreten. Nach einer Ecke konnte Igor Charatin Sorja in Führung bringen, danach haben die Luhansker fast nur noch verteidigt – mit Erfolg.

Sorja belegt nach zwei Spielen mit drei Punkten den zweiten Rang in der Europa-League-Gruppe J – wohlgemerkt vor Bilbao und Hertha. „Wir wissen, dass es schwierig ist, aber wir wollen die K.-o.-Runde schaffen“, sagt Wernidub, für dessen Mannschaft es in der Liga in dieser Saison nicht so gut läuft. Einige Schlüsselspieler haben das Team im Sommer verlassen. Sorja liegt im Moment abgeschlagen auf Platz sieben. „Die Jungs, die bei uns spielen, sind richtige Männer. Das haben sie unter anderem in Bilbao bewiesen“, sagt Wernibud. „Weder die generell schwierige Situation noch der Tabellenplatz sollte für uns zum Problem werden.“

Doch Sorja macht auch außerhalb des Fußballfeldes und der politischen Lage rund um den Donbass von sich reden. So hat jener Generaldirektor Rafailow, der in der Ukraine als einer der solidesten Fußballmanager gilt, im vergangenen Jahr für große Empörung in England gesorgt, als die Luhansker bei Manchester United spielten. „Mir hat Manchester überhaupt nicht gefallen. Es ist eine schmutzige Stadt. Unser Hotel befand sich im Zentrum, doch sogar vor dem schliefen massenhaft Obdachlose“, sagte Rafailow. „Außerdem war es für mich irgendwie wild, den Männern zuzuschauen, die einfach so durch die Straßen bummeln und sich küssen. Ich glaube, unsere Befürworter der europäischen Integration sollten noch 20 Mal darüber nachdenken, bis wir den europäischen Weg tatsächlich gehen.“ Viele Fans macht er sich mit solchen Aussagen nicht.

Der Spielort Lwiw liegt näher an Berlin als an Luhansk

Die ganz große Frage bleibt bei Sorja jedoch, ob und wie es mit dem Verein weitergeht. „Die Hoffnung, dass wir bald nach Luhansk zurückkehren, ist nicht besonders groß“, sagt Cheftrainer Wernidub. „Wir stellen uns darauf ein, dass wir auf Dauer heimatlos bleiben.“ Sergej Rafailow sieht das ganz ähnlich „Wir müssen mit dem leben, was wir heute haben. Wir existieren vor allem deswegen, weil der Präsident uns unterstützt“, sagt der Generaldirektor. „Doch nirgendwo außer in Luhansk können wir regelmäßig viele Fans im Stadion haben – und das schränkt unsere wirtschaftlichen Möglichkeiten extrem ein.“

So kommt es zu der seltsamen Situation, dass die Anreise für Gegner Hertha BSC kürzer sein wird als für Sorja Luhansk. 1350 Kilometer liegen zwischen Luhansk und Lwiw. Zwischen Berlin und Lwiw sind es dagegen nur 920 Kilometer. „Irgendwann mal wird auch Luhansk solche Spiele sehen“, versichert Wernidub. Nur wie?

Der Krieg im Donbass will seit nunmehr dreieinhalb Jahren nicht aufhören. Und mit jedem Tag, an dem an der Front geschossen wird, verkleinert sich die Hoffnung darauf, dass der große Fußball bald in die zweitgrößte Stadt des Donbass zurückkehren wird.

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