Der Holländer steht vor seinem Länderspieldebüt : Javairo Dilrosun: Der Rakenstarter von Hertha BSC

Javairo Dilrosun von Hertha BSC steht vor seinem ersten Länderspiel für Holland - ausgerechnet in einer Phase, in der es für ihn gar nicht mehr gut läuft.

Steht vor seinem ersten Länderspiel: Herthas Dilrosun.
Steht vor seinem ersten Länderspiel: Herthas Dilrosun.Foto: Patrik STOLLARZ / AFP

Manchmal geht es den Holländern auch nicht besser als uns Deutschen. Am vergangenen Freitag war Javairo Dilrosun per Skype aus seinem Hotelzimmer in Düsseldorf in eine Fußballsendung des holländischen Fernsehsenders NOS zugeschaltet, und die erste Frage, die der Moderator dem Offensivspieler von Hertha BSC stellte, war die, ob er seinen Namen auch richtig ausgesprochen habe.

Javairo Dilrosun, geboren in Amsterdam, fußballerisch ausgebildet bei Ajax, ist in seiner Heimat sogar noch ein bisschen unbekannter als in Deutschland. Aber das könnte sich bald schon ändern. Erst vor einem Monat gab der 20-Jährige sein Debüt für Hollands U-21-Nationalmannschaft und erzielte gleich ein Tor. An diesem Freitag in Rotterdam gegen Weltmeister Frankreich oder am Montag gegen Deutschland im letzten und vielleicht noch entscheidenden Gruppenspiel der Nations League steht er dann sogar bereits vor seinem ersten Einsatz für die A-Nationalmannschaft.

Dilrosun hat von seinen Eltern von der Berufung erfahren. Sie haben Zugriff auf seinen E-Mail-Account und ihn am vergangenen Freitag angerufen, als er gerade bei Hertha in der Kabine saß. Sie weinten vor Freude. „Gerührt war ich auch, aber weinen musste ich nicht“, hat Dilrosun erzählt. „Trotzdem war es ein sehr schöner Moment für mich.“ Seine Eltern und seine Oma Liesbeth werden sowohl an diesem Freitag als auch am Montag in Gelsenkirchen auf der Tribüne sitzen.

Aber nicht nur für die Familie Dilrosun, auch für den holländischen Fußball insgesamt besitzen die beiden anstehenden Begegnungen eine große Bedeutung. Sie bieten der Elftal die Chance zur Rehabilitierung, nachdem sie sich zuletzt weder für die EM- noch für die WM-Endrunde qualifizieren konnte. Dass Dilrosun in solchen Spielen dabei sein darf, ist zwar auch dem Notstand auf seiner Position geschuldet; es ist aber auch Ausdruck einer gewissen Wertschätzung, die er sich in den vergangenen Wochen erarbeitet hat. „Die Chance ist da, dass er Minuten kriegt“, sagt Bondscoach Ronald Koeman über den jungen Spieler der Berliner, der der elfte Debütant seiner noch kurzen Amtszeit werden könnte. „Ich bin neugierig.“

In seiner Heimat war er bisher komplett unbekannt

Als Dilrosun 16 war, wechselte er von Ajax in die Jugend von Manchester City. In seiner Heimat verschwand er damit komplett vom Bildschirm, und erst in den vergangenen Wochen tauchte er dort wieder auf – dank seines Kickstarts in der Bundesliga. Sollte Dilrosun für Oranje debütieren, wäre er der vierte Nationalspieler nach Jordi Cruyff, Jerrel Hasselbaink und Rob Reekers ohne vorherigen Einsatz in der heimischen Ehrendivision.
Im Sommer ist der Linksfuß für kleines Geld (250.000 Euro Ausbildungsentschädigung) aus der U 23 von Manchester City nach Berlin gekommen. Die Erwartungen an ihn waren überschaubar, obwohl Trainer Pal Dardai seine Qualitäten schon früh lobend hervorgehoben hat. Einen Spieler seiner Art – schnell, technisch gut, stark in Eins-gegen-eins-Situationen – habe Hertha nicht, sagte der Ungar, weder im Profikader noch in der Akademie. Trotzdem galt der junge Holländer als Spieler, der eher mittel- als kurzfristig für die Bundesliga in Frage kommen würde.

Es brauchte dann nur ein Spiel und fünf Minuten, bis er gegen Schalke eingewechselt wurde. Und weitere zehn Minuten für seine erste Torbeteiligung.
Javairo Dilrosun war zu Saisonbeginn so etwas wie die Entdeckung in der Bundesliga und nicht unwesentlich an Herthas gutem Start beteiligt. Beim „Kicker“ wurde er zeitweise als notenbester Feldspieler geführt, inzwischen taucht Dilrosun auf Position 71 auf. „Schön, dass er eingeladen ist. Ich hoffe auch, dass er seine Einsätze kriegt“, hat sein Vereinstrainer Pal Dardai am Wochenende gesagt. „Aber ich habe schon früher gesagt: Nicht dass das alles zu früh kommt. Ich finde, er ist viel zu früh hochgejubelt worden. Wenn er bis Weihnachten so gespielt hätte wie in den ersten zwei, drei Spielen, dann wäre es okay gewesen.“

Hat er aber nicht. Nach zwei Toren und drei Assists in den ersten vier Einsätzen für Herthas Profis folgte in den sieben Pflichtspielen danach keine einzige Torbeteiligung mehr. Dardai setzte den Holländer zuletzt sogar zweimal auf die Bank, und seine beiden jüngsten Startelfeinsätze – in Darmstadt und Düsseldorf – fand er insgesamt zu dünn. Es wirkt fast so, als seien Dilrosuns Spiel und seine Stärken bereits so weit entschlüsselt, dass der Gegner sich entsprechend auf ihn einstellen kann. „Wenn dir nichts Neues einfällt, wird es schwierig“, sagt Herthas Trainer. „Jeff hat riesiges Potenzial. Wenn er gut mitmacht, kann es was werden. Aber er muss viele Dinge ändern, sich weiterentwickeln und nicht nur mit dem linken Fuß dribbeln.“

Dardais Aussagen sind auch bei der holländischen Nationalmannschaft vernommen und mit Verwunderung zur Kenntnis genommen worden. Dilrosun selbst sagte, er wisse nicht, was er dazu sagen solle. „Vielleicht will er mich ein bisschen kitzeln, oder er hat Angst, dass ich abhebe“, sagte er. „Ich hoffe, dass ich bei den Länderspielen ein paar Minuten kriege. Ich will den Leuten zeigen, dass es nicht zu schnell gegangen ist.“
Diese Einstellung dürfte auch Pal Dardai gefallen.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!