Sport : „Der Sport muss sozialer werden“

Sportwissenschaftler Brettschneider über Versäumnisse und Herausforderungen der Vereine

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Im Verein ist Sport am schönsten. So haben die Sportverbände bisher geworben. Aber die Vereine haben schwer zu kämpfen. Sie müssen sich gegen kommerzielle Konkurrenz behaupten, sie haben es mit einer Gesellschaft zu tun, die immer älter wird, in der viel Bewegungsarmut herrscht und neue soziale Konflikte auftauchen, etwa durch Migration. In den vergangenen Wochen haben wir Berliner Vereine vorgestellt, die modellhaft diese Herausforderungen annehmen. Heute beschließen wir unsere Serie und lassen Wolf-Dietrich Brettschneider zu Wort kommen, den profiliertesten Sportvereinsforscher in Deutschland.

Herr Brettschneider, vor gut fünf Jahren haben Sie mit Ihrer Studie den Vereinssport erschüttert. Ihre Studie hat gezeigt, dass der Verein die körperliche und soziale Entwicklung von Jugendlichen zum Teil kaum fördert. Was ist von der Aufregung geblieben?

Es war eine völlig kuriose Entwicklung. Erst musste ich mit standrechtlichen Erschießungen rechnen. Dann hieß es bei den Verbänden: Mensch, der Brettschneider, der meint es doch nicht böse mit uns. Schließlich sind die Ergebnisse positiv gewendet worden, als Steilvorlage für eine Neuorientierung.

Hat es sich der Sport zu leicht gemacht?

Ich kann nicht sagen, ob es Kalkül war oder Überzeugung. Der Sport hat jedenfalls eine schnelle Kehrtwende gemacht, als die Leute die Studie gelesen haben, die sich mit der Materie auskennen.

Hat Ihre Studie etwas verändert?

Lassen Sie mich eitel sein und diese Frage mit ja beantworten. Die Reaktion hält auch immer noch an. Vor der Studie hieß es: Der Sport ist verantwortlich für alles Gute, für alles Schlechte ist die Gesellschaft verantwortlich.

Sieht sich der Sport heute anders?

Er ist selbstkritischer geworden. Andererseits gibt es immer noch die naive Annahme: Treibe Sport und dein Selbstwertgefühl steigt. Oder: Treibe Sport und dein Drogenkonsum sinkt. Man muss den Umweg wählen und über den Sport Könnenserlebnisse vermitteln. Es geht um eine positive Tönung des Selbstkonzepts.

Könnenserlebnisse, das klingt wunderbar akademisch. Aber wie geht das?

Es geht über den Sportverein zum Beispiel. Er ist in zweifacher Hinsicht Ressource: Erstens direkt als Institution mit seinem Angebot, zweitens als Mittler, um Freunde zu gewinnen. Das muss der Verein aber auch ausfüllen.

Was muss er dafür tun?

Die Übungsleiter sind überfordert. Sie sollen Experten sein für die Vermittlung von Sport, auf der anderen Seite Sozialhelfer, die Rechtsradikalismus bekämpfen, Gewalt- und Suchtprävention leisten. Aber die traditionelle Übungsleiterausbildung ist technisch und taktisch dominiert. Zum Glück gibt es Veränderungen, und das ist wohl die wichtigste Reaktion auf die Studie. Die Deutsche Sportjugend hat sofort eine Reform der Ausbildung durchgesetzt. Jetzt wird Sozialkompetenz und pädagogische Kompetenz explizit behandelt, um psycho-soziale Ressourcen zu mobilisieren.

Waren alle gleichermaßen reformfreudig?

Nein, die großen Verbände haben alle gut reagiert. Mit einer Ausnahme: dem Fußball. Er ist geblendet vom Erfolg.

Wie wirkt sich das aus?

Im Kinder- und Jugendbereich wird falsch trainiert. Es findet eine zu frühe Konzentration auf Technik statt. Aber zahlreiche Studien haben gezeigt, dass gerade diejenigen, die früher die besten Leistungen erbracht haben, eher aus dem Sport aussteigen als die, die später begonnen und erst vielseitig trainiert haben. Wenn der DFB mit einer Pampers-Liga schon Drei- und Vierjährige kicken lassen will, produziert er gezielt „Drop outs“, also die Sportaussteiger von morgen. Auch andere Ansätze im Fußball sind rückständig.

Welche meinen Sie?

Zum Beispiel die Drogenprävention. Die DFB-Auffassung lautet: Es wird überall gesoffen und geraucht – nur nicht im Fußball. Das deckt sich schon im Jugendbereich leider nicht mit der Wirklichkeit. Nirgendwo wird so viel getrunken und geraucht wie im Fußball und im Handball. Die Hemmschwellen zu harten Drogen werden durch frühen Alkohol- und Nikotinkonsum immer geringer.

Sie fordern dafür eine Stärkung des Selbstbewusstseins. Aber Sport heißt immer auch Leistung. Wie kann man jemandem ein positives Selbstbild in einem Leichtathletikverein vermitteln, der zehn Sekunden langsamer läuft als die anderen?

Ich gehöre zu denen, für die Leistung immer wichtig war. Aber es muss auch möglich sein, Leistung zu relativieren.

Wie denn?

Die Antwort ist einfach, aber die Umsetzung schwierig: Die Höhe der Aufgaben in Passung zu bringen mit dem persönlichen Kompetenzniveau, jemanden nicht zu überfordern und nicht zu unterfordern. Man muss dafür Gruppen mit unterschiedlichen Niveaus einrichten. Aber das findet nicht überall Befürworter. Die Pole wandern schließlich immer weiter auseinander. Auf der einen Seite stehen immer mehr Eliteschulen, auf der anderen Seite Konzepte, die auch weniger Begabten eine Chance geben.

Was haben Sie aus Ihrer Studie gelernt?

Ich habe mein Bild von den Aufgaben des organisierten Sports relativiert. Die Eliteförderung stand und steht bei mir nicht in Frage, aber ich habe mir zu wenig Gedanken gemacht um jene, die im Schatten stehen: übergewichtige Kinder etwa. Man muss sie emotional ansprechen. Man muss Frusterlebnisse vermeiden. Und man muss ihnen vermitteln: Ich kann das.

Muss der Sport also sozialer werden?

Das kann man so sagen. Zumal der Vereinssport nach wie vor die Domäne der Mittelschicht ist. Das muss sich ändern, etwa über die Betreuung von Migrantenkindern. Die Migranten sind der Teil der Bevölkerung, der beim Nachwuchs einen immer höheren Anteil ausmacht.

Was sind die größten Herausforderungen für die Vereine?

Die größte Aufgabe liegt darin, den Sport im Verein so zu inszenieren, dass möglichst viele Heranwachsende einen Ort finden, auf den sie sich freuen. Die Vereine müssen sich besonders um diejenigen kümmern, die bisher außen vor waren, wie die „kleinen Dicken“. Wir müssen uns außerdem mehr um die Mädchen kümmern. Ab dem Jugendbereich überwiegen männliche Übungsleiter. Auch inhaltlich müssen sich die Vereine an den Bedürfnissen der Mädchen orientieren. Es sind vor allem die ästhetischen Aktivitäten, die gefragt sind, also etwa Angebote mit Choreographie, und es muss mehr individuelle Betreuung geben.

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel. Bisher erschienen: Die Turngemeinde in Berlin und ihr Angebot zum Fitnesssport (18.2.), der FC Internationale und seine Integrationsarbeit (25.2.), der SV Empor Köpenick und sein Vorschulsport (4.3.) und Kietz für Kids Freizeitsport mit seinem Angebot für Senioren (11.3.).

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