Der THW Kiel will wieder angreifen : Im Norden viel Neues

Die Ära von Trainer Alfred Gislason beim THW Kiel ist vorbei. Jetzt muss Filip Jicha beweisen, dass er den Handballklub wieder nach vorne führen kann.

Filip Jicha (links) hat viel vor in Kiel.
Filip Jicha (links) hat viel vor in Kiel.Foto: dpa

Für Handball-Trainer gehören Medizinbälle zu den bevorzugten Folterinstrumenten in der Saisonvorbereitung. Alfred Gislason, der langjährige Coach des THW Kiel, hat sie regelmäßig aus dem Schrank geholt und seine Profis damit geqüält – und auch Filip Jicha wird nicht darauf verzichten. Allerdings setzt der Nachfolger des legendären Isländers die schwere Lederkugel eher in spielerischer Form ein und nicht explizit zur körperlichen Ertüchtigung, wie ein kürzlich im Internet veröffentlichtes Video belegt.

Es zeigt die Kieler beim sogenannten Treibball: Dabei stehen sich auf einem Feld zwei Teams gegenüber, die versuchen, den Medizinball mit Handbällen zu treffen und so zu bewegen, dass er über die gegnerische Linie rollt. Ganz offensichtlich hat Jichas neue Mannschaft einen Heidenspaß an der Übung. Es ist eine kleine, vermeintlich unwichtige Beobachtung, die einiges über Filip Jicha und seine Herangehensweise beim größten und wichtigsten deutschen Handball-Verein aussagt. „Ich kenne und schätze Alfred, das weiß jeder“, sagt Jicha, „aber jeder Trainer hat seine eigene Persönlichkeit, seine eigene Philosophie. Ich will meinen eigenen Weg gehen.“

Wohin dieser führen kann, wird sich zum ersten Mal am Mittwoch zeigen, wenn die Kieler im sogenannten Supercup zum 100. Nordderby gegen den Lieblingsfeind SG Flensburg-Handewitt antrete (19.30 Uhr). Am Sonntag greift der THW dann gegen Göppingen zum ersten Mal ins in dieser Saison ins Bundesliga-Geschehen ein (16 Uhr, live bei Sky). Viele, viele Augen werden dann auf Filip Jicha gerichtet sein, den Welthandballer von 2010, den einstmals besten halblinken Rückraumspieler, der zwei Jahre nach dem Karriereende in seine erste Saison als verantwortlicher Cheftrainer geht.

Für den 37 Jahre alten Tschechen, der zu den besten Freunden des ehemaligen Füchse-Torhüters Petr Stochl zählt, könnten Fußstapfen und Erwartungshaltung kaum größer sein. Sein Vorgänger Alfred Gislason hat die erfolgreichste Ära in der an Erfolgen nicht gerade armen Geschichte des THW geprägt: In elf Jahren gewann er 19 Titel mit dem Verein aus Schleswig-Holstein, darunter zwei Mal die Champions League (2010, 2012) – und verewigte sich darüber in den Statistiken der Handball-Bundesliga.

Die Saison 2011/12 beendeten die Kieler mit der unfassbaren Bilanz von 68:0 Punkten. Ganz standesgemäß verabschiedete sich Gislason im Frühjahr 2019 aus Kiel – mit einem Titel im DHB-Pokal und dem Sieg im EHF-Cup. Zum potenziellen Triple fehlten lediglich zwei Punkte auf die SG Flensburg-Handewitt, die ihren Meistertitel aus dem Vorjahr verteidigte.

Womit Jichas perspektivische Aufgabenstellung schon ziemlich genau umrissen ist. Unter dem neuen Trainer wollen die erfolgsverwöhnten Kieler endlich mal wieder die Meisterschaft gewinnen: Zuletzt haben die Rhein-Neckar Löwen (2016, 2017) und eben Flensburg (2018, 2019) ihre Vormachtstellung im deutschen Handball genommen. Mit einem Blick auf das Selbstverständnis des Vereins muss man sich das ungefähr so vorstellen, als ob der FC Bayern in der Fußball-Bundesliga vier Jahre lang keinen Titel gewinnt – eine mittelschwere Katastrophe.

Andererseits findet Jicha in Kiel nicht nur exzellente Bedingungen, sondern auch ein extrem starkes Aufgebot vor. Abgesehen von Torhüter Andreas Wolff hat kein Spieler von Format den Verein verlassen, der hochbegabte Kader ist im Kern zusammengeblieben und wird im kommenden Sommer mit dem norwegischen Ausnahmekönner Sander Sagosen ergänzt. „Kiel ist mein Titelfavorit Nummer eins“, sagt der Ex-Trainer der Rhein-Neckar Löwen, Nikolaj Jacobsen, der von 1998 bis 2004 selbst beim THW gespielt hat. „Sie sind wieder reif für den Titel". Für Filip Jicha ist die Sache weniger klar: „Wenn ich einen Meister tippen soll, würde ich Flensburg nennen“, sagt der THW-Coach. So viel Understatement kennt man vom Branchenführer aus Norddeutschland normalerweise nicht.

 

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