• Der Unmut im Berliner Fußball wächst: „Wir brauchen kein Verständnis, wir brauchen Klarheit“

Der Unmut im Berliner Fußball wächst : „Wir brauchen kein Verständnis, wir brauchen Klarheit“

Wann darf in Berlin wieder normal Fußball gespielt werden? Der BFV versteht die Haltung des Senats nicht, erklärt Geschäftsführer Kevin Langner im Interview.

Nix los im Berliner Fußball. Für die Klubs in der Stadt gelten weiterhin weitgehende Einschränkungen.
Nix los im Berliner Fußball. Für die Klubs in der Stadt gelten weiterhin weitgehende Einschränkungen.Foto: promo

Während in Brandenburg sogar schon wieder vor Zuschauern gespielt werden darf, gelten im Berliner Amateurfußball wegen der Coronavirus-Pandemie weiterhin strenge Regeln. Nicht mal normales Training ist erlaubt. Das versteht der Berliner Fußballverband nicht, wie BFB-Geschäftsführer Kevin Langner im Interview erklärt.

Herr Langner, waren Sie schon zum Fußball in Brandenburg?
(lacht) Leider noch nicht. Ich würde gerne, aber meine vorrangige Aufgabe ist im Moment, dass wir auch in Berlin wieder Fußball spielen können. Es wird Zeit.

Ab wann erwarten Sie denn Brandenburger Verhältnisse in Berlin?
Wir wünschen uns natürlich so schnell wie möglich den Wiedereinstieg in den Fußball und damit Brandenburger Verhältnisse auch für Berlin. Wir können doch keiner Fußballerin und keinem Fußballer in der Stadt erklären, warum in Brandenburg der Kontakt auf dem Platz möglich ist und bei uns nicht. Dafür fehlt uns als Verband jedes Verständnis. Deshalb wünschen wir uns vom Senat einfach Klarheit und einen konkreten Termin, damit alle Beteiligten planen können.

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Wie ist die Stimmung an der Basis?
Wir bekommen jeden Tag diverse Mails und Anrufe. Alle wollen wissen, wann es weitergeht. Und wir müssen immer das Gleiche antworten.

Nämlich?
Dass wir in intensiven Gesprächen mit dem Senat und der Sportverwaltung sind. Die Vereine haben auch unser Schreiben an den Sportstaatssekretär erhalten, mit dem wir Anfang der Woche die Freigabe des Trainings- und Spielbetriebs beantragt haben. Wir meinen, dass wir gute Sachargumente geliefert haben, warum auch in Berlin wieder Fußball gespielt werden kann.

Welche Argumente sind das?
Erstens haben wir niedrige Infektionszahlen, die das ermöglichen. Zweitens hat der Berliner Fußball alle Maßnahmen der Politik mitgetragen und alles getan, was nötig war, um die Pandemie einzudämmen. Und drittens haben wir mit unserem Hygienekonzept als größter Sportverband mit 170.000 Mitgliedern unsere Hausaufgaben gemacht.

Daher können wir nur einen deutlichen Appell an die Politik, an die Sportverwaltung und den Regierenden Bürgermeister richten, endlich Klarheit zu schaffen, wann, wie uns wo wir wieder Fußball spielen können. In den Gesprächen, die wir in den vergangenen Wochen geführt haben, wurde immer Verständnis für unsere Forderungen geäußert. Das ist schön. Aber wir brauchen kein Verständnis, wir brauchen einfach Klarheit.

Wie sah die Reaktion auf Ihren Antrag auf Spielfreigabe aus?
Die Antwort war sehr unbefriedigend. Wir wurden vertröstet, uns bis Ende Juli zu gedulden. Es gibt wohl Überlegungen, dann den Trainingsbetrieb wieder zuzulassen. Aber das ist viel zu spät. Wir erkennen an, dass wir uns in einer Pandemie befinden. Wir erkennen auch das Ziel des Senats an, dass alle drei Ampeln auf Grün stehen. Dieses Ziel verfolgen wir alle.

Aber wir wollen auch nicht die Infektionsschutzverordnung aushebeln. Wir wollen nur, dass auch Amateursportler an der frischen Luft wieder in Kontakt treten dürfen. Auf dem Sportplatz. Um den Platz herum – auf der Auswechselbank, in der Kabine, im Vereinsheim – sollen weiterhin die Abstandregeln eingehalten werden, sollen Mund- und Nasenbedeckungen getragen werden, soll mit Desinfektionsmitteln gearbeitet werden.

Der Senat hält seine Auslegung der Infektionsschutzverordnung schon für so sportfreundlich wie möglich.
Ich spreche den Kolleginnen und Kollegen aus der Sportverwaltung nicht ab, dass sie sehr bemüht sind. Aber sie haben natürlich auch wahrgenommen, was inzwischen in Brandenburg möglich ist, wo sogar schon wieder vor Zuschauern gespielt wird. Da haben sie natürlich wenig Argumente, warum das in Berlin nicht der Fall sein darf.

Wir haben Schwierigkeiten, den Leuten zu erklären, warum hinter der Landesgrenze Testspiele möglich sind, warum ganz viele Berliner Vereine nach Brandenburg fahren, um dort zu trainieren – das wird der Sportmetropole Berlin nicht gerecht. Bemühen reicht jetzt einfach nicht mehr.

Kevin Langner ist seit 2017 Geschäftsführer des Berliner Fußballverbandes.
Kevin Langner ist seit 2017 Geschäftsführer des Berliner Fußballverbandes.Foto: imago/Matthias Koch

Wie sieht es in anderen Bundesländern aus?
Im nordostdeutschen Fußball sind wir ab nächster Woche der einzige Verband, wo weiterhin kein Kontakttraining möglich ist. Überall sonst kann gespielt werden. Selbst in Bayern und Baden-Württemberg, die zu Beginn der Pandemie schwer getroffen worden sind, sind Kontakte auf dem Fußballplatz wieder möglich. Warum das in Berlin nicht geht, dazu habe ich noch keine klare Antwort bekommen und kein schlüssiges Argument gehört.

Welche Konsequenzen hat das für den Berliner Fußball?
Man muss sich auch mal in die Lage der verantwortlichen Personen in den Vereinen hineinversetzen, die gerade versuchen, den Betrieb wieder in Gang zu bringen. Da verstehe ich jeden Einzelnen, der von uns verlangt, dass wir Klarheit schaffen. Aber wir müssen diesen Schwarzen Peter an die Politik weitergeben, weil wir nicht wissen, wann wir wieder auf den Platz dürfen. Dass es Ende Juli wieder mit dem normalen Trainingsbetrieb losgehen kann, ist bisher ja auch noch nichts anderes als eine Absichtserklärung. Über den Spielbetrieb haben wir da noch gar nicht gesprochen.

Wann soll die neue Saison starten?
Mitte, spätestens Ende August – das wäre unser Wunsch. Aber man muss den Spielerinnen und Spielern auch genügend Zeit geben, um sich auf den Wettbewerb vorzubereiten. Das hieße, dafür müsste schon im Juli wieder mit Kontakten trainiert werden dürfen.

Haben Sie auch schon einen Plan B im Kopf?
Wir haben unsere Hausaufgaben in alle Richtungen gemacht. Wir haben verschiedene Szenarien durchgespielt, wann die Saison starten kann, abhängig von der Freigabe durch die Politik. Wir haben Pläne für den Fall, dass es eine zweite Welle gibt und zum Beispiel einzelne Mannschaften aufgrund steigender Fälle unter Quarantäne gestellt werden. Trotzdem macht es natürlich einen Unterschied, ob wir schon im August wieder spielen können oder erst im September oder Oktober.

[Eine Stadt, zwei Bundesligisten: Alle Entwicklungen rund um den 1. FC Union und Hertha BSC finden Sie bei uns in jeweils eigenen Newsblogs.]

Wie sieht nun Ihr weiteres Vorgehen aus?
Das entscheidende Problem ist: Wir haben gemerkt, dass wir auf der Ebene der Sportverwaltung nicht weiterkommen. Aber wenn die Sportverwaltung sich nicht in der Lage sieht, auf die Infektionsschutzverordnung einzuwirken, müssen eben der Sportsenator Geisel oder der Regierende Bürgermeister Müller die entsprechenden Schritte einleiten. Wir haben deshalb mit dem Landessportbund vereinbart, unsere Schlagkraft zu bündeln und gemeinsam auf den Regierenden Bürgermeister zugehen – auch weil der Sportsenator wohl gerade im Urlaub ist.

Was für den Fußball gilt, gilt ja auch für viele andere Sportarten. Es ist den Leuten schlicht nicht mehr zu erklären, warum Sport an der frischen Luft nicht möglich ist. Alle Studien belegen, dass das Infektionsrisiko sehr gering ist. Der Sportsenator und der Regierende Bürgermeister sind jetzt einfach in der Pflicht, für die vielen Sportlerinnen und Sportler in der Stadt Klarheit zu verschaffen.

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