Deutsche Dominanz beim Ironman : Zeit und Geld schlagen Wille und Talent

Die deutschen Triathleten dominieren auch in diesem Jahr auf Hawaii. Doch mit teutonischen Tugenden hat das wenig zu tun. Ein Kommentar.

Leonard Brandbeck
Siegertyp: Jan Frodeno holte seinen dritten Sieg beim Ironman auf Hawaii.
Siegertyp: Jan Frodeno holte seinen dritten Sieg beim Ironman auf Hawaii.Foto: Marco Garcia/dpa

Am anderen Ende der Welt. Es gibt nicht viele Orte auf diesem Planeten, über die man das von Deutschland aus gesehen treffender behaupten kann, als über Hawaii. Und trotzdem hat sich die kleine Inselgruppe im Pazifik längst zu einer Art Heimstätte für einen Teil der deutschen Sportlandschaft entwickelt: Den Ironman auf Hawaii, das bedeutendste Triathlon-Rennen der Welt, dominieren die deutschen Männer bereits seit Jahren.

In den letzten fünf Jahren kam der Sieger jeweils aus Deutschland, Jan Frodeno siegte in diesem Jahr bereits zum dritten Mal, mit dem Dritten Sebastian Kienle landete ein weiterer Deutscher auf dem Treppchen. Und mit Anne Haug kommt in diesem Jahr auch bei den Frauen zum ersten Mal die Siegerin aus Deutschland, auf Platz vier landete ihre Landsfrau Laura Philipp.

Da stellt sich natürlich die Frage: Warum sind die Deutschen da so gut? In anderen Ausdauersportarten sieht es längst nicht so rosig aus: Im Radfahren liegen die wenigen deutschen Siege bei großen Rundfahrten schon Jahrzehnte zurück, in den Straßenlauf-Wettbewerben spielen deutsche Teilnehmerinnen und Teilnehmer nur eine Nebenrolle, nur im Freiwasserschwimmen sind die deutschen Athletinnen und Athleten regelmäßig vorne mit dabei. Wenn aber alles drei zusammenkommt, dann sieht es auf einmal fabelhaft aus. Woran liegt das?

Natürlich, die Trainingsmöglichkeiten, das Knowhow, die Ausbildung befinden sich in Deutschland auf einem Topniveau. Doch das ist kein Zufall, sondern hat auch viel mit sozioökonomischen und -kulturellen Zusammenhängen zu tun. Denn wer auf professionellem Niveau Ausdauersport betreiben will, benötigt vor allem zweierlei: Viel Zeit und viel Geld. Trainingsprogramme, Ausrüstung, Reisen, Erholungsmöglichkeiten – beiläufig lässt sich das nicht stemmen. Und privilegiert damit diejenigen, die es sich leisten können.

Das verraten nicht nur Untersuchungen über die sozioökonomischen Verhältnisse im Breitensport, sondern auch ein Blick auf das Teilnehmerfeld des diesjährigen Hawaii-Ironmans: Unter den Top 25 der Männer und Top 15 der Frauen findet sich sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern keine Athletin und kein Athlet aus Asien, Südamerika oder Afrika. Triathlon ist ein Geschäft der Sportlerinnen und Sportler aus Westeuropa, Nordamerika und Ozeanien, einfach gesagt: der westlichen Welt.

Strukturen und Vorbilder

Dort ermöglichen es die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse den Sportlerinnen und Sportlern, die Zeit und das Geld zu investieren, in gleich drei Disziplinen auf einmal zu trainieren. Hier finden sie die dafür nötigen Strukturen vor. Und außerdem Vorbilder, die den Anreiz zur Nachahmung geben.

Man kann davon ausgehen, dass es eher nicht an den vielbeschworenen teutonischen Tugenden wie Wille, Kampfgeist oder Zähigkeit liegt, dass deutsche Triathletinnen und -athleten regelmäßig so weit vorne landen. Auf eine Schwimmerin aus Kolumbien oder einen Radfahrer aus Kenia in der Weltspitze wird die Welt wohl noch eine Weile warten müssen. Davon profitieren die deutschen Triathletinnen und -athleten. Denn alle drei Teildisziplinen erfolgreich zu vereinen, erfordert mehr als nur Einsatz und Talent.

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