Deutsche Eishockey-Nationalmannschaft : Lernen bei den Besten

Immer mehr junge deutsche Eishockeyspieler werden im Ausland ausgebildet – die Nationalmannschaft kann davon schon bei dieser WM profitieren.

Lean Bergmann, 20, stammt aus dem Sauerland und begann mit dem Eishockey in Iserlohn. Bergmann wechselte 2012 zu den Adler Mannheim. Mit 14 schrieb er mit Hilfe seines Vaters Bewerbungen an 30 Klubs in Schweden, von dreien bekam er eine Antwort – darunter war Spitzenklub Frölunda. In Schweden spielte er sehr erfolgreich im Nachwuchs und wechselte 2016 in die USA, bevor er 2018 zu seinem Heimatklub in Iserlohn ging. Dort wurde er einer der besten Stürmer des Teams, nun hat ihn Mannheim verpflichtet.
Lean Bergmann, 20, stammt aus dem Sauerland und begann mit dem Eishockey in Iserlohn. Bergmann wechselte 2012 zu den Adler...Foto: imago images / osnapix

Die ersten Tage in Schweden waren hart für den 14 Jahre alten Lean Bergmann. Anderes Land, andere Sprache und vor allem: anderes Training. „Du wusstest, dass du am Ende des Trainings kotzen musst“, sagt er. Mitleid habe da keiner gehabt, interessiert habe das keinen Trainer. Durchbeißen, zu den Besten gehören. In Schweden, dem Land des aktuellen Weltmeisters, ist Eishockey Volkssport. Unumstritten Nummer eins im Sport. Da kommen nur die Harten durch, Bestseller-Autor Fredrik Backman hat in „Kleine Stadt der großen Träume“ prägnant geschildert, wie das funktioniert. Der Protagonist des Romans ballert jeden Tag Tausende Pucks durch den elterlichen Garten, um besser zu werden.

Einer der Besten im U-16-Team des Spitzenklubs Frölunda HC war in der Saison 2013/2014 der Junge aus Iserlohn: Lean Bergmann kämpfte sich durch, war in der Hauptrunde besagter Spielzeit treffsicherster Torschütze im Team aus Göteborg.

Vier Jahre später ist Bergmann in die Heimat zurückgekehrt, nach der Zeit in Schweden war er in den USA. In Iserlohn freuten sie sich vor der Saison über den 19 Jahre alten Stürmer, Manager Karsten Mende sagte aber auch: „Natürlich hat er noch viel zu lernen, allerdings ist Leans Ausbildung hervorragend. Wir freuen uns darauf zu sehen, ob und wie er sich in unserer Mannschaft durchsetzen wird.“

Er setzte sich nicht nur durch, sondern spielte fast alle anderen an die Wand: Bergmann schoss in seiner ersten Saison in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) 20 Tore und ist nun nach Mannheim gewechselt. Zu gut für das Sauerland, noch nicht gut genug für die beste Liga der Welt, die NHL. Aber bald wird es ihn womöglich auch dorthin verschlagen. Er ist 20 Jahre alt und steht für eine neue Generation von deutschen Eishockeyspielern, die der Nachwuchsarbeit in der Heimat nicht so getraut haben und sich dort haben ausbilden lassen, wo im Nachwuchs Eishockey-Weltklasse ausgebildet wird.

Die Nationalmannschaft, mit der Bundestrainer Toni Söderholm am Sonnabend mit einem 3:1 gegen Großbritannien in die WM in der Slowakei gestartet ist, spiegelt diese Entwicklung wider. Von bis Sonnabend 23 gemeldeten Spielern haben 14 in  Nordamerika gespielt, acht von ihnen in ihrer Teenagerzeit in den USA, Kanada oder Schweden im Nachwuchs.

Moritz Seider, 18, stammt aus Zell an der Mosel und kam einst über Erfurt nach Mannheim. Als einziger junger Nationalspieler im Team hat Seider seine gesamte Ausbildung in Deutschland absolviert. Schon im Kindergartenalter ging er aufs Eis. Bereits mit 17 Jahren spielte er in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) für die Adler Mannheim, kurz vor Ende der gerade abgelaufenen Spielzeit wurde er 18 Jahre alt und wenige Tage später dann auch Deutscher Meister mit den Adlern. Das U-20-Nationalteam hat er als Kapitän vor Kurzem in die A-Gruppe geführt. Seider steht auf dem Sprung in die NHL, für den sogenannten Draft der nordamerikanischen Profiliga wird er hoch gehandelt.
Moritz Seider, 18, stammt aus Zell an der Mosel und kam einst über Erfurt nach Mannheim. Als einziger junger Nationalspieler im...Foto: City-Press GmbH

Noch deutlicher wird die Entwicklung bei den Jahrgängen ab 1995, da verbrachten von sieben Spielern im Kader gleich sechs die finale Zeit ihrer Ausbildung zum Profi im Ausland. Leon Draisaitl, Star der Nationalmannschaft, hat noch nicht ein einziges Spiel in der DEL absolviert. Dies hat der Center von den Edmonton Oilers mit Dominik Bokk gemein. Der gebürtige Bayer Bokk hat wie der Kölner Draisaitl als Profi noch nicht in Deutschland gespielt, er stürmt in Schwedens erster Liga. Kurz vor der WM hat Söderholm den erst 19 Jahre alten Bokk zwar aussortiert, aber es ist offensichtlich, dass ihm die Zukunft gehört. Mit den St Louis Blues hat sich ein Klub aus der NHL die Rechte an dem Talent gesichert. Bokk wurde 2018, Draisaitl 2015 bereits in der ersten Runde von der NHL gedraftet, Gleiches wird in diesem Frühjahr wohl Moritz Seider widerfahren.

Am Sonnabend startete Deutschland mit einem 3:1 gegen Großbritannien in die WM

Seider, ein kräftiger junger Mann mit jugendlichen Gesichtszügen, gilt als einer der weltbesten Verteidiger seines Jahrgangs. Er ist im WM-Team der einzige Spieler aus der jungen Generation, der noch nicht im Ausland war. Dass Seider aber bald in Nordamerika aktiv sein wird, davon ist Draisaitl seit der WM-Vorbereitung überzeugt. „Ich habe sofort gesehen, was für Anlagen er hat“, sagt Draisaitl. „Aber er ist gerade erst 18 Jahre alt geworden, man sollte noch nicht zu viel von ihm verlangen.“

Dass nunmehr schon der dritte deutsche Spieler binnen fünf Jahren bei den Spähern der NHL ganz hoch im Kurs steht, belegt eine positive Entwicklung. Die deutschen U-Mannschaften sind in dieser Saison quasi durchweg aufgestiegen, die Breite an Talenten ist viel Größer geworden – zumal in Nordamerika noch viele junge deutsche Spieler unterwegs sind, wie etwa der Berliner Leon Gawanke (auch von der NHL gedraftet) oder die jungen Stürmer Parker Tuomie und Marc Michaelis, Topscorer im Team der Minnesota State University. Für die WM hat es bei den jungen Angreifern allerdings noch nicht gereicht, Söderholm schickte sie nach der Vorbereitung nach Hause. Der Universitätsabschluss sei erst einmal das Wichtigste, hieß es.

So hoch wie Leon Draisaitl, 23, wurde noch kein deutscher Spieler in der NHL gedraftet, nämlich an dritter Stelle. Mit 16 Jahren ging er von Mannheim nach Kanada, mit 18 gab Draisaitl bereits sein Debüt in der besten Profiliga der Welt. In dieser Saison reifte er bei den Edmonton Oilers zu einem der besten Spieler der Liga und schoss 50 Tore in 82 Spielen. Bei dem kanadischen Team verdient Draisaitl neun Millionen Dollar im Jahr, mehr als jeder andere deutsche Eishockeyprofi.
So hoch wie Leon Draisaitl, 23, wurde noch kein deutscher Spieler in der NHL gedraftet, nämlich an dritter Stelle. Mit 16 Jahren...Foto: City-Press GmbH

Der Exodus an jungen starken Spielern wird wohl weiter anhalten, auch wenn in Mannheim – die Hälfte aller Nationalspieler war dort einmal im Nachwuchs aktiv –, und seit geraumer Zeit in der in Salzburg stationierten sogenannten „Red-Bull-Academy“ sehr gut ausgebildet wird. Seider ist ein junger Beleg für Mannheim, Justin Schütz ein Beleg für die zusammengelegte Nachwuchsarbeit von Salzburg und München. Schütz wurde vergangenes Jahr von den Florida Panthers gedraftet und wird nächste Saison in der DEL für RB München spielen.

Der Austausch mit Nordamerika und Schweden ist für das deutsche Eishockey in jedem Fall befruchtend. Es sind ja nicht nur die Spieler, die sich dann in der NHL wie Draisaitl, Dominik Kahun (Chicago), Korbinian Holzer (Anaheim) oder der am Sonntag zum Team stoßende Torwart Philipp Grubauer (Colorado) durchsetzen konnten und dem Team jetzt bei der WM durch ihre Klasse weiterhelfen, sondern auch eben die, die es in Nordamerika nicht in die NHL schafften (Marcel Noebels, Marcus Eisenschmid, Frederik Tiffels) oder nur ein paar Spiele in der NHL (Torwart Niklas Treutle) hinter sich gebracht haben. Die internationale Ausbildung im Team hilft in Spielen gegen starke Gegner. Das große Eishockey rückt zusammen, wenn die Spieler verschiedener Nationen schon im Nachwuchs oder eben in der NHL in einem Team sind.

So eine Zeit im Ausland ist eine Erfahrung fürs Leben. Lean Bergmann hat in seiner Zeit in Schweden Härte und Fleiß gelernt, zum Schaden der heimischen Garage. In ihr steht ein kaputt geschossenes Eishockeytor, die Wand dahinter hat große Löcher. Im Sommer feuert Bergman Tausende von Schüssen ab, das Üben könnte sich auch für das Nationalteam lohnen bei dieser WM. In seinen bislang elf Einsätzen im Nationaltrikot hat Bergmann neun Treffer erzielt. Wenn er im Nachwuchs nur in Iserlohn gespielt hätte, hätte er das kaum geschafft.

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