Deutsche Tennisspielerinnen bei den US Open : Trau keiner unter 30

Für das deutsche Frauentennis ist der Absturz vorprogrammiert, wenn die Generation um Angelique Kerber und Andrea Petkovic geht. Ein Kommentar.

Mit der Kraft der Erfahrung. Andrea Petkovic bejubelt ihren Einzug in die dritte Runde bei den US Open.
Mit der Kraft der Erfahrung. Andrea Petkovic bejubelt ihren Einzug in die dritte Runde bei den US Open.Foto: Eduardo Munoz Alvarez/AP/dpa

Wer es böse mit dem deutschen Tennis meint, der könnte behaupten, dass Spielerinnen mindestens 30 Jahre alt sein müssen, bevor sie bei einem Grand-Slam-Turnier starten dürfen. Die Betrachtung der deutschen Starterinnen bei den laufenden US Open in New York lässt diesen Schluss nämlich zu. Sportlich schlug sich die alte Garde eher durchwachsen. Angelique Kerber (31 Jahre) und Tatjana Maria (32) schieden in Runde eins aus, Laura Siegemund (31) in Runde zwei. Julia Görges (30) und Andrea Petkovic (31) stehen dafür immerhin in Runde drei. Die jungen deutschen Spielerinnen oder gar Talente im Feld von Flushing Meadows, die gab es nicht: Zurzeit ist keine deutsche Tennisspielerin unter den besten 100 in der Weltrangliste unter 30 Jahren alt.

Der unvermeidliche Boris Becker hat sich auch schon zu Wort gemeldet und verlautbart, dass er Durchhaltewillen und Engagement auch beim weiblichen Teil der jungen Generation „vermisse“. Barbara Rittner, die Chefin des deutschen Tennis bei den Frauen, hofft derweil, dass die ältere Generation noch ein paar Jahre dranhängt.

Das ist nicht ausgeschlossen in einer Zeit, in der die beherrschenden Figuren im Welttennis immer älter werden. Bei den Männern hat seit 2016 kein Spieler unter 31 Jahren mehr ein Grand-Slam-Turnier gewonnen, bei den Frauen ist Serena Williams mit 37 Jahren immer noch beherrschende Figur in der Szene. Gut möglich, dass die älteren Spielerinnen das deutsche Tennis noch über die nächsten fünf Jahre retten können – aber was passiert dann?

Rittner hofft auf von ihr beobachtete Spielerinnen, die zur Zeit um die 14 Jahre alt sind. Aber es kann noch viel passieren, bis so ein Megatalent erwachsen ist. Die Zeiten haben sich auch im Tennis bei den Frauen geändert, angesichts der stärkeren Physis der Spielerinnen heutzutage ist die Luft für Teenager an der Spitze dünner als früher.

So schnell kommt da keine oben an. Die Kanadierin Bianca Andreescu, bei den US Open in Runde drei, wird mit 19 Jahren noch als Talent gehandelt. In dem Alter hatten einst frühere Ausnahmetalente wie Steffi Graf, Aranxta Sanches, Monica Seles, Martina Hingis oder Maria Scharapowa schon längst ein Grand-Slam-Turnier gewonnen – aber das ist alles lange her. Bei den Frauen hat seit Scharapowa 2006 (mit 19 bei den US Open) kein Teenager mehr einen Grand-Slam-Titel errungen.

Es ist normal, das die besten Spielerinnen älter sind

Das Tennis hat sich geändert, insofern ist es normal, das die besten Spielerinnen älter sind. Allerdings hat sich auch die Einstellung nachrückender Generationen zum aktiven Sport geändert, fürchtet Barbara Rittner. Sie hat jüngst gesagt, dass es den deutschen Tennis-Talenten zu gut gehe. Unter dem Strich sei das ein Spiegelbild der Gesellschaft. Niemand sei mehr bereit, wirklich Anstrengungen in Kauf zu nehmen und auch mal dauerhaft die eigene Komfortzone zu verlassen. Tatsächlich ist es wohl so, dass Sport in jungen Generationen vom Stellenwert her an Boden verliert.

Für das deutsche Tennis bei den Frauen ist der Absturz vorprogrammiert, wenn die Generation Kerber geht. Es sei denn, es gibt noch einen neuen Tennisboom bis dahin. Aber den haben auch schon drei Grand-Slam-Titel von Angelique Kerber seit 2016 nicht entfachen können.

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