Deutscher Frauenfußball : Horst Hrubesch rettet die Gegenwart

Die deutsche Nationalmannschaft der Frauen hat sich zwar für die WM 2019 qualifiziert, aber der Frauenfußball braucht hierzulande neue Impulse.

Reingekniet. Horst Hrubesch führte das Nationalteam zur WM 2019.
Reingekniet. Horst Hrubesch führte das Nationalteam zur WM 2019.Foto: dpa

Berlin - Das Veilchen ist am Ende kaum noch aufgefallen. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Frauen fährt nach dem 8:0 gegen die Faröer als Gruppensieger zur Weltmeisterschaft 2019. Aber das überdeutliche Ergebnis darf nicht täuschen. Die deutschen Spielerinnen haben nur das Schlimmste verhindert. Sie sind mit einem blauen Auge davongekommen – zwischenzeitlich hätte es auch das Aus sein können in der Qualifikation. Dass es dazu nicht kam, ist vor allem Horst Hrubesch zu verdanken.

Dessen Intermezzo bei den Frauen wird nun sogar noch ein bisschen länger dauern, als ursprünglich geplant – weil seine Nachfolgerin Martina Voss-Tecklenburg mit der Schweiz durch ein enttäuschendes 0:0 gegen Polen die direkte Qualifikation für die WM in Frankreich verpasst hat und dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) erst nach einer Play-off-Runde mit Belgien, Dänemark und Europameister Holland zur Verfügung stehen wird. „Wir haben gewusst, dass dieses Szenario kommen könnte“, sagte Hrubesch.

Der 67-Jährige soll die deutschen Frauen nun noch in drei Test-Länderspielen im Oktober und November betreuen. „Darauf war auch ich vorbereitet, obwohl wir natürlich alle gehofft hatten, dass es Martina mit der Schweiz auch direkt zur WM schafft“, sagte Hrubesch. „Natürlich werden wir in den nächsten Wochen auch Kontakt zu Martina haben, ohne sie allerdings zu viel zu belasten, weil die Play-offs noch schwierig genug werden.“

Hrubesch hat nach dem Scheitern von Steffi Jones ein verunsichertes Durcheinander übernommen. Nach dem Viertelfinal-Aus bei der EM in Holland vor einem Jahr musste er erst wieder Ruhe in die Mannschaft bringen. Das hat er mit all seiner Erfahrung gut gemacht. Statistisch war die Bilanz makellos. „Wir haben ja gute Fußballerinnen und viel Qualität. Die Mannschaft hat wieder Sicherheit und weiß, was sie kann“, sagte er.

Doch die Faröer sind nicht der Maßstab. Da durften die Deutschen ohne Gegenwehr kombinieren. Sie hatten Chancen für ein gutes Dutzend weiterer Tore – ließen sie aber liegen. Andere Nationen sind nicht so großzügig, und auch den Angriff wird niemand einstellen, nur weil mit Deutschland ein mehrfacher Welt- und Europameister kommt.

Titel gehören erst einmal der Vergangenheit an. Das weiß auch die neue Bundestrainerin. „Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass man als Deutschland gewinnt“, sagt Voss-Tecklenburg. Folglich muss man, auch im Erfolgsfall, auf die Leistung schauen und nicht nur auf die Ergebnisse. Das ist in der Vergangenheit im DFB offenbar versäumt worden.

Bequemlichkeit hat zum Stillstand geführt. Im Frauenfußball in Deutschland sind auch die Zuschauerzahlen dafür ein Indiz. In Erfurt, Halle oder Osnabrück kommen zu Länderspielen mit Glück 4000 Menschen. Der Trend zeigt sich auch am Nachwuchs. Im Mai dieses Jahres: U-17-EM-Finale gegen Spanien – verloren. Im Juli: U-19-EM-Finale gegen Spanien – verloren. Im August: U-20-WM – Aus im Viertelfinale. Das A-Team hat den Absturz vorerst vermieden. Aber die Schwäche zieht sich durch die Generationen. Spanien, Frankreich und England sind an den Deutschen vorbeigezogen.

Martina Voss-Tecklenburg muss den Frauenfußball neu aufbauen. Druck kennt sie als 125-fache Nationalspielerin nur zu gut. Sie will ihren Spielerinnen auch Zeit geben zum Scheitern, sagt sie. Die 50-Jährige will nach vorn schauen. Und sie wird, wenn nötig, auch unbequem sein. Das wäre neu beim DFB – kann ihm auf dem Weg zurück zum Erfolg aber nur gut tun. Anne Armbrecht

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