Überall wird gebaut, dabei ist die Stadt auffallend gut gepflegt

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Deutsches WM-Quartier: Praktisch statt idyllisch : Watutinki: Jammern gilt nicht
Sebastian Rauball

Überall wird gebaut. Moskau boomt, die Menschen brauchen Wohnraum. Straßen werden saniert, Grünflächen angelegt und die letzten Laternen vor dem Quartier der deutschen Mannschaft aufgestellt. Watutinki ist eine typische russische Kleinstadt, allerdings auffallend gut gepflegt. Im Zentrum sieht man überwiegend sogenannte Ziegel-Chruschtschowki, renovierte, fünfstöckige Wohnblocks, die nach dem ehemaligen sowjetischen Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow benannt sind. Es gibt ein Sport- und Kulturzentrum mit einer kleinen Bibliothek. Eine junge Frau erzählt, dass dank der Eingliederung in die Stadt Moskau der Lebensstandard in Watutinki gestiegen sei. Auf die Frage aber, wo man etwas essen könne, antwortet sie: in Troitsk. Das ist die nächstgrößere Stadt, fünf Kilometer entfernt.

Bundestrainer Löw mag es abgeschieden und ruhig

Jürgen Klinsmann, Löws Vorgänger als Bundestrainer, hatte noch Quartiere mitten in der Stadt bevorzugt. Löw hat diese Entwicklung längst wieder zurückgeschraubt. Er liebt es eher beschaulich, abgeschieden und ruhig. Das Campo Bahia stand auf einer kleinen Insel und war nur mit einer klapprigen Fähre zu erreichen. Morgens um sechs Uhr früh zog es Löw an den Strand. Die Bilder, wie er in Shorts und T-Shirt, mit Pilotensonnenbrille auf der Nase gedankenverloren am Atlantik spazieren geht, haben schon fast ikonischen Charakter. Umso verwunderter waren viele, dass es die Nationalmannschaft nicht wieder nach Sotschi an die Schwarzmeerküste gezogen hat, wo sie vor einem Jahr während des Confed-Cups untergebracht war.

Abflug nach Russland. Am Dienstag bestieg Joachim Löw zusammen mit seinem Kader das Flugzeug nach Moskau. Um bei der Platzsuche zu helfen, war jeder Sitz mit dem passenden Spielernamen bestickt.
Abflug nach Russland. Am Dienstag bestieg Joachim Löw zusammen mit seinem Kader das Flugzeug nach Moskau. Um bei der Platzsuche zu...Foto: dpa

Es gibt unterschiedliche Mutmaßungen, warum sich die Deutschen stattdessen für den Großraum Moskau entschieden haben. Mal heißt es, sie hätten bei Witali Mutko, dem ehemaligen Chef des russischen Verbandes, schon früh im Wort gestanden. Ein andere Erzählung besagt, dass Mutko, der starke Mann des russischen Fußballs, den Umbau der Anlage in Watutinki mit dem klaren Ziel in Auftrag gegeben habe, dass dort während des Turniers der amtierende Weltmeister zu logieren habe. Der DFB wiederum erklärt, die Wahl sei ganz pragmatisch wegen der logistischen Vorteile getroffen worden.

„Unsere Entscheidung ist bewusst für Moskau gefallen“, sagt Löw. Sollten die Deutschen das WM-Finale erreichen, würden sie dort im Idealfall drei ihrer sieben Spiele bestreiten, könnten sich also lange Reisen durch das riesige Reich ersparen. Zudem müssten sie vor dem Halbfinale und dem Endspiel nicht umziehen, sondern könnten in ihrem Stammquartier wohnen bleiben. „Sotschi war sicherlich schöner, mit der Wetterlage, mit Strand und Meer“, sagt Julian Draxler, der beim Confed-Cup Kapitän des deutschen Teams war. „Aber am Ende ist so ein Turnier sehr lang. Vom Reiseaufwand ist Moskau die bessere Wahl.“

Das Motto lautet: "Jammern gilt nicht"

Trotzdem wissen sie beim DFB, dass die Spieler in den kommenden Wochen eine hohe Frustrationstoleranz aufbringen müssen. Die Ablenkungsmöglichkeiten außerhalb des Hotels sind überschaubar, die Gefahr, dass der Lagerkoller ausbricht, ist entsprechend groß. „Vielleicht klappt nicht immer alles, vielleicht stecken wir manchmal im Verkehr, vielleicht ist auch dieses und jenes nicht immer ganz zu unserer Zufriedenheit“, sagt Löw. „Aber wir versuchen es so herzurichten, dass es passt, dass die Arbeitsverhältnisse stimmen. Wenn man anfängt, über gewisse Situationen zu lamentieren, verliert man viel Energie und Konzentration. Das ist fehl am Platze.“

Und Manager Bierhoff hat die Nationalspieler noch einmal daran erinnert, worauf es in den nächsten Wochen ankommen wird: „Wir gehen da ja nicht zum Urlaub hin“, sagt er. „Wir wollen ein Turnier gewinnen.“ Um die Wahrscheinlichkeit dafür zu erhöhen, wird die Nationalmannschaft kommende Woche einen kurzen Urlaub von Watutinki einlegen. Zum zweiten Gruppenspiel gegen Schweden wird sie schon vier Tage vorher an den Spielort reisen. Nach Sotschi.

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