DFB-Team bei der WM 2018 : Ein Trio sorgt für den Umschwung

Timo Werner, Marco Reus und Mario Gomez – eine Kombo, die noch nicht Weltmeister ist, bringt den bisweilen behäbig wirkenden Titelverteidiger in Schwung.

Marco Reus (Nr. 11) und Timo Werner (r.) sorgen für Belebung.
Marco Reus (Nr. 11) und Timo Werner (r.) sorgen für Belebung.Foto: imago/Moritz Müller

Neulich, vor dem Schweden-Spiel, als der Weltmeister aus Deutschland noch nicht das Eingangstor in das russische WM-Turnier gefunden hatte, saß Mario Gomez vor der internationalen Presse. Er sprach aber nicht wie der Mittelstürmer, der er noch immer ist, sondern wie ein Sportdirektor, der aus ihm mal werden könnte. Ob es denn ein Zeichen sei, dass er vor dem wegweisenden Spiel hier sitze, war Gomez gefragt worden. Ja, das könne ein Signal sein, führte er wohlüberlegt aus, „aber es kann auch ein Bluff sein“.

Es wurde dann ein bisschen von beidem. In das zweite Gruppenspiel, das für die deutsche Elf schon ein erstes Endspiel war, war Timo Werner als alleinige Sturmspitze gestartet. Zur zweiten Hälfte kam dann Mario Gomez, der sich ins Zentrum des deutschen Angriffs begab. Werner wich auf die linke Seite aus, was sich hinterher als siegbringende Rochade erweisen sollte.

Auf dem Flügel kam der rasende Werner viel besser zur Geltung als im Zentrum, wo er von schwedischen Verteidigern in Schrankformat umgeben und zugedeckt war. Als flinker Linksaußen bereitete Werner erst den Ausgleichstreffer durch Marco Reus vor, wobei Gomez seinen Fuß mit im Spiel hatte. Schließlich organisierte Werner auch noch jenen Freistoß, den Toni Kroos zum 2:1-Sieg nutzen konnte.

Müller sucht noch

Nach allgemeiner Auffassung hat das deutsche Team nun endlich ins Turnier gefunden, am Mittwoch steht das letzte Gruppenspiel in Kasan gegen Südkorea an. Und niemand kann sich eigentlich vorstellen, dass das ohne die stürmende Dreierkombo aus Werner, Gomez und Reus über die Bühne geht. Ein bisschen dürfen sie sich fühlen als Männer des Umschwungs, mit dem Siegtorschützen Kroos versteht sich, aber der spielt sowieso immer. Vor allem hat das Trio einen nicht zu unterschätzenden Antrieb, keiner von ihnen ist vor vier Jahren Weltmeister geworden. Das unterscheidet die Drei von Thomas Müller, dem vierten Offensivspieler, der noch immer seine WM-Form sucht.

Werner hat jetzt schon seinen Wert für die Mannschaft nachgewiesen und damit das, was Joachim Löw sich von ihm erhofft hatte. „Er ist in der Lage, unglaublich gute Wege zu gehen, das macht ihn so torgefährlich“, hatte der Bundestrainer während der WM-Vorbereitung gesagt. Dort hatte er den kleinen, wendigen und vor allem schnellen Werner in den Testspielen gegen die eigene U-20-Auswahl auf den Flügeln flitzen lassen. „Er tut unserem Spiel gut“, lautete des Bundestrainers Fazit.

Gomez ist längst nicht mehr nur ein Torjäger im klassischen Sinne, sondern ein Zielspieler in vorderster Front für seine Mitspieler. „Er hat die Brecher-Mentalität und eine für seine Gegenspieler beeindruckende Präsenz im Strafraum“, sagte Nils Petersen, der den Konkurrenzkampf um die zwei Stürmerplätze im deutschen WM-Kader gegen Werner und Gomez knapp verlor. Manches an Gomez, der in Bälde 33 wird, wirkt zwar vergleichsweise behäbig, dafür ist immer wieder beeindruckend, wie er seinen kolossalen Körper nutzt, um den Ball abzuschirmen. Und wie er die Ruhe bewahrt, selbst wenn er von mehreren Gegenspielern umzingelt ist, wie er in der Bundesligarückrunde beim VfB Stuttgart mit acht Toren bewies.

21 Pflichtspieltore für Leipzig

Beim VfB ist auch Timo Werner groß geworden. Er ist nicht nur zehn Jahre jünger als Gomez, sondern dieser sagte auch, dass Werner die Zukunft gehöre im deutschen Sturm. Werners größtes Plus ist seine Beschleunigungsfähigkeit aus dem Stand heraus, von null auf hundert sozusagen. 21 Pflichtspieltore erzielte er für RB Leipzig in der abgelaufenen Saison. Vor allem aber verfügt er über ein großes Nervpotenzial, wenn er permanent die gegnerischen Abwehrspieler zu ungewollten Pässen zwingt.

Zusammen mit dem ebenfalls schnellen Reus verleiht er dem deutschen Team eine viel größere Geschwindigkeit. Sie beleben das Offensivspiel des Weltmeisters, das ohne sie – sagen wir – behäbig, bestenfalls routiniert wirkte.

Neulich ist Joshua Kimmich ins Plaudern gekommen, noch so ein aufstrebender Spieler aus dem 95er/96er Jahrgang wie Werner. Auch er ist beim VfB fußballerisch sozialisiert worden. Er kenne „den Timo“, seit er 13 sei, erzählte Kimmich. Beide hätten mit dem VfB- und DFB-Nachwuchs viele Turniere gespielt, „und ich kann mich nicht erinnern, dass der Timo mal nicht Torschützenkönig geworden ist“. Zuletzt war das der Fall beim Confed-Cup vor einem Jahr hier in Russland. Am liebsten würde er auch hier gern fünf Tore schießen, „aber wenn wir gewinnen, ist mir das relativ egal“, sagt Werner. Vielleicht geht für ihn jetzt was gegen Südkorea. Ein Reporter aus diesem Land bat Reus dann auch, das Spielergebnis vorherzusagen. Reus erinnerte sich an Gomez’ Auftritt und gab sich diplomatisch: „Wenn wir befreit aufspielen, wird es Südkorea ziemlich schwer haben, gegen uns zu gewinnen.“

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