DHB-Team der Frauen : Michael Biegler: "Das sind Ladies, keine Mädels"

Handball-Nationaltrainer Michael Biegler über die Wertschätzung der Frauen, richtige Ansprachen und die Ziele für die Heim-WM.

Michael Biegler, 56, trainierte schon etliche Männer-Teams. Mit den Frauen tritt er an diesem Samstag (Magdeburg) und Sonntag (Berlin) gegen die Niederlande an.
Michael Biegler, 56, trainierte schon etliche Männer-Teams. Mit den Frauen tritt er an diesem Samstag (Magdeburg) und Sonntag...Foto: Guido Kirchner/dpa

Herr Biegler, an diesem Wochenende feiert der Deutsche Handball-Bund 100 Jahre Handball. Wie lange fühlen Sie sich diesem Sport schon verbunden?

Ich bin vor 30 Jahren zum Handball gekommen. Meine Wurzeln liegen in der Leichtathletik.

Sie sind seit anderthalb Jahren Trainer der deutschen Frauen. Welchen Stellenwert hatten für Sie bis dahin die Frauen-Mannschaften?

Ich war zuvor Nationaltrainer bei den Männern in Polen, da war es üblich, dass sich die Mannschaft die Spiele der Frauen immer komplett angeschaut hat. So konnte ich zwischen 2012 und 2016 alle großen Turniere der Frauen verfolgen.

Die Frauen spielen in der öffentlichen Wahrnehmung keine große Rolle. Mussten Sie lange überlegen, ehe Sie für den Bundestrainerposten zusagten?

Ja, das war schon eine lange Überlegungszeit, über acht Wochen.

Was waren schließlich Ihre Gründe?

Vor meiner Entscheidung stand ich im intensiven Austausch mit Wolfgang Sommerfeld, dem Sportdirektor beim DHB. Wir haben uns in diesen Wochen Gedanken gemacht, uns angenähert. Diese Zeit hat mir so viel Spaß gemacht, dass wir letztendlich entschieden haben, dieses Projekt gemeinsam zu gestalten.

Mit „Projekt“ meinen Sie die Frauen- Mannschaft?

Wir wollten die 20 Monate bis zur Heim-WM nutzen, um nicht nur ergebnisorientiert zu arbeiten, sondern um auch strukturell Verbesserungen im Frauenbereich zu erwirken.

Das klingt nach einer ganz neuen Vision.

Die Ergebnisse und Platzierungen waren bis dahin nicht so vorzeigbar. Unsere Analyse hat damals dann ergeben: Wir wollen nicht mehr so viel differenzieren. Es ist die gleiche Sportart, es sind Leistungssportler – egal ob Sportlerinnen oder Sportler.

Also haben Sie Ihre bisherigen Trainingsmethoden von den Männern gar nicht verändert für die Frauen?

Nicht wirklich. Ich trainiere wie immer.

Und Ihre Ansprache? Auch zu Frauen und Männern gleich?

Da gab es vielleicht kleinere Modifikationen. Aber nicht in der Stringenz oder Gradlinigkeit, überhaupt nicht.

Sie nennen Ihre Spielerinnen „Ladies“. Wie kam es dazu?

Das ist einfach meine Art der Wertschätzung. Die Spielerinnen haben dann sogar ihren Schlachtruf danach auserkoren. Das Wort „Mädels“ erscheint mir zu despektierlich. Das sind gestandene Frauen, die im Berufsleben stehen, die Familien führen – und dann auch noch Leistungssport betreiben.

Inwiefern haben diese Umstände Ihre Arbeit als Trainer beeinflusst?

Die Ladies haben leider keine Möglichkeit, längere Zeiträume über das Handballspielen wirtschaftlich abzudecken. Das ist Fakt, und das sehen wir nicht als negativ an. Genauso wie die Vereine brauchen wir bei der Nationalmannschaft aber die Unterstützung der Arbeitgeber und auch der Familien. Es gibt Ladies, die bringen ihre Kinder mit zu den Lehrgängen – da müssen dann alle mithelfen. Für mich als Trainer ist daraus der Anspruch erwachsen, meinen Spielerinnen, wenn sie sich freigemacht haben und trainieren wollen, auch wirklich etwas anbieten zu können, anstatt ihre Zeit zu vergeuden.

Heute in Magdeburg und morgen in Berlin stehen nun gegen Holland die vorletzten WM-Testspiele an – unmittelbar nach den Duellen der Männer gegen Spanien.

Für diesen Doppelspieltag sind wir sehr dankbar, ansonsten wäre die Nachfrage nicht so groß gewesen. Es ist ein schönes Übungsfeld für unsere Spielerinnen, sich mal in diesen großen Hallen zu bewegen.

Die Frauen sind derzeit Weltranglistensechste. Was ist im Dezember Ihr WM-Ziel?

Wir wollen bis zum Ende dabei sein, das muss für eine Handballnation wie Deutschland einfach der Anspruch sein. Dass das kein Ziel ist, das man im Sitzen erreicht, ist aber klar.

Was stimmt Sie zuversichtlich?

Die Bemühungen der Spielerinnen sind extrem groß, sie sind sehr fokussiert. Wir haben eine sehr aufgabenorientierte Vorgehensweise mit den Ladies entwickelt, die sie wirklich vortrefflich lösen.

Nach der WM übernehmen Sie in Leipzig die Männer. Ihr Nachfolger steht mit dem Niederländer Henk Groener bereits fest. Gab es keine Frau, die in Frage kam?

Diese Frage müssen Sie den Verantwortlichen stellen. Aber ich habe den Frauenbereich jetzt kennengelernt, und ich kann sagen: Es gibt da schon ein paar Dinge, die man als Frau sicherlich besser leisten könnte. Man hätte ein viel näheres Dasein an der Mannschaft, am Zusammenleben, würde Schwingungen eher mitbekommen.

Welches Bild von Ihnen als Frauen-Trainer soll die nächsten 100 Jahre Handball überdauern?

Ich brauche keine Bilder. Ich würde mir wünschen, dass das, was alles um diese Mannschaft herum entstanden ist, auch die Wertschätzung, über die WM hinaus existiert. Meine Person ist das Unwichtigste an dem ganzen Projekt.

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