Die Analyse der verkorksten WM : Joachim Löw sucht seine goldene Mitte

Er gibt sich selbstkritisch, spricht von Versagen, von zu viel Risiko. Doch zwei Monate nach der WM sagt Bundestrainer Joachim Löw auch: Ich ändere mich nicht.

Joachim Löw am ersten Spieltag der WM in Russland.
Joachim Löw am ersten Spieltag der WM in Russland.Foto: Ina Fassbender/dpa

Er hat die Arme verschränkt, drückt das Kreuz durch und reckt sein Kinn vor. Als er ein bekanntes Gesicht im Publikum entdeckt, nickt er gönnerhaft und lächelt. Joachim Löw, der Bundestrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, hat noch kein Wort gesagt. Einen ersten Eindruck aber hat er schon hinterlassen: Löw wirkt entschlossen. Und nahbar. Es hätte schlechter beginnen können. Bevor Löw anfängt zu sprechen, nimmt er noch einen Schluck stilles Wasser. Espresso gibt es nicht.

Der Bundestrainer hat im Presseraum der Münchner Arena Platz genommen. Es ist ein riesiger Raum mit der Anmutung eines Uni-Hörsaals, acht leicht ansteigende Sitzreihen mit je 20 Plätzen. Unten hält Professor Löw seine Antrittsvorlesung.

Dass er sich in München erklärt, hat in erster Linie logistische Gründe. Aber München liegt auch auf halber Strecke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Am Abend zuvor hat Bastian Schweinsteiger, Weltmeister von 2014, in diesem Stadion sein Abschiedsspiel bestritten, am Donnerstag kommender Woche werden Löw und seine Mannschaft hier ihren ersten Auftritt nach der verkorksten WM in Russland haben. Der neue Weltmeister Frankreich kommt. Größer kann die Fallhöhe nicht sein, zumal diese Begegnung kein Test- oder Freundschaftsspiel ist, sondern ein Pflichtspiel in der neu geschaffenen Nations League. „Es ist ein Top-Auftaktgegner in dieser Situation“, sagt Löw. Ja, wenn man gewinnt. Aber was ist, wenn die Nationalmannschaft dieses Spiel verliert? Wie viel Zukunft wird dem Bundestrainer noch gewährt nach einem weiteren Rückschlag?

Joachim Löw ist von oben gekommen. Der Bundestrainer hat den Medienraum nicht wie sonst üblich durch die Tür am Rand auf ebener Erde betreten. Er erscheint hinter der Armada von Kameras, die schon auf das Podium gerichtet sind. Fotografen umschwirren ihn, die Fernsehkameras nehmen ihn ins Bild. Zehn Stufen sind es nach unten, von dort fünf hinauf aufs Podium, wo er in der Mitte Platz nimmt, zwischen dem Pressesprecher der Nationalmannschaft und Oliver Bierhoff, deren Manager. Man kann das durchaus symbolisch verstehen.

Von Özil ist er enttäuscht

Löw, 58 Jahre alt, will noch einmal zeigen, dass er es besser kann. Das ist die Botschaft, um die es hier und heute geht, bei seinem ersten öffentlichen Auftritt seit seiner Rückkehr aus Russland. Das Podium ist in DFB-Grün ausgeleuchtet. Grün wie die Hoffnung.

Knapp 25 Minuten braucht Löw für sein Eingangsreferat, in dem es noch einmal um die Vergangenheit geht. Er gibt sich selbstkritisch. „Wir haben in der Summe alle bei der WM versagt“, sagt er. „Wir sind alle unter unseren Möglichkeiten geblieben und haben zu Recht die Quittung bekommen.“ Er äußert sich zum ersten Mal auch über Mesut Özil, mit dem er seit der WM nicht mehr gesprochen hat. Von dessen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erfuhr er nur von dessen Berater. Seit knapp zwei Wochen versucht er nun vergeblich, Özil zu erreichen. „Es ist eine Enttäuschung in mir“, sagt er. Und: „Mit seinem Vorwurf des Rassismus hat Mesut ganz einfach auch überzogen.“ Dieses Thema habe Kraft gekostet. „Es war nervenaufreibend, weil es immer wieder da war“, sagt Löw. Als Ursache für das WM-Aus sei es aber „nicht entscheidend“ gewesen.

Sich selbst und seinen Plan für die WM nennt Löw „fast schon arrogant“. Natürlich weiß er, dass solche Aussagen von ihm erwartet werden. Er weiß auch ohne Spickzettel, was er sagen will. Und muss.

Eine ähnliche Situation hat er schon einmal im Amt erlebt. Sechs Jahre ist das her. Bei der Europameisterschaft 2012 scheiterte die Nationalmannschaft an Italien. Es war immerhin das Halbfinale, aber auch damals gab es harsche Kritik am Trainer, an seiner Taktik, an angeblich fehlender Identifikation jener Spieler, die die Nationalhymne nicht mitsingen wollten. Auch vor sechs Jahren verschwand Löw erst einmal wochenlang von der Bildfläche. Selbst für seine Mitarbeiter war er nicht zu erreichen, niemand wusste, ob er im Amt bleiben würde und wo er steckte. Sein Arbeitgeber, der Deutsche Fußball-Bund, war kurz davor, eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Erst 46 Tage nach der Halbfinalniederlage erklärte sich der Bundestrainer.

Diesmal hat er 63 Tage gebraucht.

63 Tage, in denen in Dauerschleife über die verkorkste WM diskutiert wurde, in denen die Nationalmannschaft und ihre Außendarstellung zerpflückt wurden, dem DFB Rassismus vorgeworfen wurde. Und in denen mit Özil einer der für Löw wichtigsten Spieler seinen Rücktritt erklärte. Vom Bundestrainer war zu all dem kein klärendes Wort zu vernehmen. 63 Tage lang. „Es hat für einige lange gedauert“, sagt er nun, „für manche zu lange.“

Löws Problem ist, dass mit jedem Tag die Erwartungen noch ein bisschen größer geworden sind: Was muss das für eine voluminöse Analyse werden, an der Löw so lange gearbeitet hat? Natürlich kann er diese Erwartungen nicht erfüllen. Was zum einen an den Erwartungen liegt, aber eben auch an der komplizierten Gesamtkonstellation: Neuanfang – ja. Allerdings mit dem alten Personal. Löw versucht sich an dem Kunststück, sich von sich selbst zu distanzieren, ohne sich und seine Arbeit gänzlich infrage zu stellen. „Es gibt für mich nicht die Situation, mich völlig zu ändern. Die Vision von unserem Spiel dürfen wir auf keinen Fall aufgeben und verlieren“, sagt er. „Ich bin überzeugt von unserer Klasse und von unserer Qualität.“

Im Grunde reduziert sich Joachim Löws Selbstanklage auf einen Vorwurf: Ich wollte zu viel.

Er spricht von der goldenen Mitte, die sein Team bei der WM 2014 gefunden habe, von der perfekten Balance zwischen defensiver Stabilität und offensivem Mut. In Russland habe er die Dominanz, den Ballbesitzfußball auf die Spitze treiben wollen und dabei zu viel Risiko gesucht. Die Defensivarbeit, so hört man, hat in der kompletten Vorbereitung keine Rolle gespielt. Man kann das für arrogant halten wie Löw selbst. Oder auch für schrecklich naiv. Das Thema Mesut Özil habe er unterschätzt, gibt Löw zu. Dazu sei es ihm nicht gelungen, das nötige Feuer in der Mannschaft zu entfachen.

Die Veränderungen sind marginal

Löw redet jetzt von Themen, die er selbst früher auf den Index gesetzt hat, von „Einsatz, bedingungslosem Kampf, Zweikampfstärke“. Er spricht von „den anderen Tugenden“, die er selbst einmal auf den Müllhaufen der Fußballgeschichte verbannte, als er verfügte, dass Spielfreude und schöner Fußball jetzt die neuen deutschen Tugenden seien. Löw sagt: „Wir sind sehr strukturell und strategisch an die Dinge herangegangen.“ Die strukturelle und strategische Herangehensweise waren genau das, was ihn ausgezeichnet hat. Es scheint, als habe auch Joachim Löw seine goldene Mitte noch nicht wiedergefunden.

Der Bundestrainer kündigt einige personelle Veränderungen an. Thomas Schneider, sein erster Assistent, wird jetzt Chefscout, dessen bisherige Position wird erst einmal nicht mehr besetzt. Der vierte Physiotherapeut fällt weg – und auch bei den Pressesprechern wird eine Stelle eingespart. Eine Revolution sieht anders aus. Im Kader für das Länderspiel gegen Frankreich steckt ebenfalls noch sehr viel Vergangenheit. Von den 23 WM-Teilnehmern sind 17 wieder dabei. Es fehlen lediglich der dritte Torhüter Kevin Trapp, der verletzte Marvin Plattenhardt, Mario Gomez und Mesut Özil, die von sich aus ihren Rücktritt erklärt haben, Sebastian Rudy und der 31 Jahre alte Sami Khedira. „Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn im Moment nicht nominiere“, sagt Löw. Im Moment. Dafür kehren Nils Petersen und Leroy Sané zurück, Kai Havertz, 19, Thilo Kehrer, 21, und Nico Schulz, 25, wurden erstmals berufen.

Das, was der Bundestrainer in der Münchner Arena vorträgt, hat er auch schon sechs Tage zuvor den wichtigsten Managern aus der Bundesliga präsentiert, Leuten wie Karl-Heinz Rummenigge von den Bayern, Michael Preetz von Hertha BSC, Rudi Völler aus Leverkusen, Michael Zorc von Borussia Dortmund und dem Gladbacher Max Eberl. Auch da zeigte sich Löw selbstkritisch, was keinen der Anwesenden überrascht hat. Er gab Fehler in der Vorbereitung zu, körperliche Defizite des Teams, falsche Schwerpunkte im Training. Über Mesut Özil redete er nicht. Anschließend folgte eine zum Teil emotionale Diskussion, in der es eher um das große Ganze im deutschen Fußball ging als um Themen, die Löw und seine Arbeit betreffen. Der DFB vermeldete später den Schulterschluss zwischen Liga und Nationalmannschaft. Aber in den Verlautbarungen des Verbandes ist die Welt in diesen Wochen ohnehin ein Hort der Harmonie.

Für den Moment mag vielleicht alles wieder halbwegs gut sein, aber ob das auf Dauer so bleiben wird, hängt nun ausschließlich von Löw ab. Der Bundestrainer arbeitet vorerst auf Bewährung. „Wir stehen jetzt alle unter besonderer Beobachtung und einem besonderen Druck“, sagt er. „Dessen sind wir uns bewusst.“ Die Klubs, auf deren Spieler der Bundestrainer angewiesen ist, werden sehr genau beobachten, ob er seine Ankündigungen auch umsetzt. Ob er wieder konsequenter in seinen Entscheidungen wird. Ob er für die Liga wieder nahbarer wird und sich um eine regelmäßige Kommunikation mit den Vereinen bemüht, die zuletzt vollständig abgebrochen war.

Joachim Löw hat zuletzt zumindest seinen Willen zu Veränderungen kundgetan, durch Worte ebenso wie durch Taten. Der Auftritt in München ist das Ende seiner Roadshow durch die deutschen Lande. In der vergangenen Woche war Löw in Frankfurt am Main bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Er war am Freitag in München, um dem Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes Rede und Antwort zu stehen. Und er hat sich am Wochenende drei Bundesligaspiele angesehen.

Es geht in diesen Tagen und Wochen natürlich auch darum, die richtigen Bilder zu erzeugen. Andere als jene, die von der WM geblieben sind, als Löw bereitwillig auf der Strandpromenade von Sotschi für die Fotografen posierte. Ach, schau an, wie lässig der Jogi auch mitten in der Krise ist! Das war die Botschaft, die beim Publikum ankommen sollte. Stattdessen entstand eher das Gefühl, dass Löw nun endgültig die Bodenhaftung verloren habe und in seinem eigenen Kosmos unterwegs sei. Von der offensiven Lässigkeit, von Jogi Cool, wie ihn der Boulevard mal genannt hat, haben die Leute erst einmal genug. Vielleicht gibt es auch deshalb in München keinen Espresso für den Bundestrainer.

Löw ist nach der WM vorgeworfen worden, dass er es sich gut gehen lasse in diesem schönen und üppig bezahlten Job; dass er bequem geworden sei, es ihm an Eifer mangele und er sich nicht mehr für Details begeistere, weshalb er unter anderem auch viel zu selten zu Weiterbildungszwecken in fremden Stadien gesehen werde. Am vergangenen Samstag dann, am ersten Spieltag der neuen Bundesligasaison, saß Löw nachmittags in Düsseldorf in der Arena und am frühen Abend schon wieder in Mönchengladbach. Geht doch!

Von dem Treffen mit den wichtigsten Bundesligamanagern gibt es Bilder, die Löw beim Verlassen der DFL-Zentrale in der Frankfurter Innenstadt zeigen, das Sakko überm Arm, das Handy am Ohr. Die Aufnahmen wirken wie Paparazzi-Fotos, leicht verschwommen und aus dem Hinterhalt geschossen. Um Löw zu erwischen, muss man ihm schon regelrecht auflauern. Seit der WM hat er nicht mehr posiert. Von der alten, oft auch gespielten Selbstsicherheit ist nichts geblieben. Löw wirkt auf diesen Fotos scheu und verstört, unsicher und fast ein bisschen verschreckt.

In München streicht Löw mit den Fingerspitzen über die Mikrofonhalterung, einmal blickt er scheinbar gedankenverloren nach oben. Aber das liegt daran, dass unter der Decke der Monitor hängt, auf dem die Charts seiner Powerpoint-Präsentation zu sehen sind. Der Pressesprecher schiebt ihm die Ausdrucke zu. 110 Minuten dauert die Pressekonferenz, so lange wie keine zuvor in der Geschichte der deutschen Nationalmannschaft.

Kurz vor Schluss wird Joachim Löw gefragt, wie es ihm eigentlich gehe. Der Bundestrainer schaut ein wenig irritiert. „Gut“, antwortet er und macht eine kurze Pause. „Oder erwecke ich einen anderen Eindruck?“

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