Die Coronavirus-Krise als Chance für den E-Sport? : „Viele Fans und Athleten müssen sich jetzt erst daran gewöhnen“

Der Sport ruht im Analogen, die Welt wandert ins Digitale. Kommt nun also die große Zeit des E-Sports? Hans Jagnow vom E-Sport-Bund Deutschland im Interview.

Leonard Brandbeck
Von Spiel zu Spiel: Sport-Wettbewerbe finden gerade fast ausschließlich online statt.
Von Spiel zu Spiel: Sport-Wettbewerbe finden gerade fast ausschließlich online statt.Foto: Christian Charisius/dpa

Hans Jagnow, 31, ist der Präsident des E-Sport-Bundes Deutschland (ESBD). Der Verband wurde 2017 gegründet und sieht sich als Interessenvertretung von E-Sportlerinnen und -Sportlern im deutschen Amateur- und Spitzenbereich. Jagnow studierte Rechtswissenschaften und arbeitet seit mehreren Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter zum Thema Digitalisierung und Netzpolitik im Berliner Abgeordnetenhaus.

Herr Jagnow, im Analogen sind praktisch alle Sportveranstaltungen abgesagt, im Digitalen boomen Videokonferenzen, Konzertstreams oder Online-Lesungen – eine riesige Chance für den E-Sport, oder?
In einer Zeit wie dieser von Chancen zu sprechen, ist unangebracht, weil wir als gesamte Gesellschaft mit einer Bedrohung von Menschenleben umgehen müssen. Normalerweise benutzen wir in schweren Zeiten Worte wie „zusammenstehen“, „zusammenrücken“ – und jetzt sollen wir Distanz halten. Da kommen wir dann aber vielleicht zu neuen Möglichkeiten: Der E-Sport kann soziale Nähe über digitale Kanäle schaffen, die gleichzeitig sichere physische Distanz wahren.

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Kann denn ein simuliertes Fußballspiel am PC oder der Konsole die ausgefallene Bundesliga-Begegnung ersetzen?
Wir sehen, dass Menschen gerade sehr viel mehr Videospiele spielen und E-Sport-Streams anschauen. Insbesondere in den USA werden auf den großen Sportsendern inzwischen sehr viele E-Sport-Events übertragen, besonders im Motorsport. Da bewegen sich sogar etablierte und traditionelle Formate wie das Nascar-Racing auf einmal im virtuellen Raum. Auch die Formel 1 stellt auf Sim-Racing, eine Unterform des E-Sports, um.

Was fehlt denn dazu in Deutschland? Ist das eine Kulturfrage?
Wir haben in den letzten Jahren eine sehr langsame Diskussion um das Thema E-Sport geführt. Ich glaube, da gibt es noch viele Vorbehalte. Wir haben aber zum Teil auch eine ganz andere Sportkultur, und viele Fans und Athleten müssen sich jetzt erst daran gewöhnen, dass es dort vielleicht auch neue Chancen gibt. Das ist aber auch unsere Aufgabe als ESBD, dass wir diese Chancen sichtbar machen.

Das klingt nicht so, als würde sich der E-Sport nun ein goldenes Näschen verdienen.
Auch der E-Sport ist durch diese Krise getroffen. Veranstaltungen in großen Arenen, vor tausenden Menschen, die in den letzten Jahren viel von der Magie des E-Sports ausgemacht haben, konnten wir nur in einem ganz reduzierten Betrieb abhalten. Gleichzeitig haben wir den Vorteil, dass die Veranstaltungen nicht ersatzlos ausfallen. Wir können uns ins Digitale begeben und Online-Angebote schaffen. Das sind natürlich andere Rahmenbedingung als im traditionellen Sport.

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Können diese Online-Angebote denn die Schäden der Krise auffangen?
Wir wissen noch gar nicht, wohin die Reise geht. Wir sind als E-Sport ganz stark an die Gesamtkonjunktur gebunden. E-Sport ist ein Geschäftsfeld, das stark von Sponsoring und Partnerschaften abhängig ist. Viele Firmen überdenken zurzeit ihre Budgets und schauen, wo gespart werden kann.

Wenn nun das Wachstum ausbleibt, könnte es also auch für den E-Sport düster aussehen.
Im Gegensatz zu althergebrachten Industrien sind wir auch bei den Maßnahmen der Bundesregierung jetzt ein Stück weit im Nachteil. Die Kreditrahmen und Bedingungen der KfW sind in einer so investitionsgetriebenen Branche gerade einfach nicht ausreichend. Da ist es wichtig, dass die Bundesregierung noch mal nachbessert, um unseren digitalen Vorsprung und die Arbeitsplätze im E-Sport zu sichern, für die Zeit nach der Krise.

Die Szene im Blick: Hans Jagnow, 31, ist der Präsident des E-Sport-Bundes Deutschland.
Die Szene im Blick: Hans Jagnow, 31, ist der Präsident des E-Sport-Bundes Deutschland.Foto: Alina Ehmann

Jetzt geht es also erst einmal um rein wirtschaftliche Themen, bevor wieder über die Gemeinnützigkeit und Anerkennung von E-Sport diskutiert werden kann.
Ich glaube, jetzt ist gerade nicht die Zeit für politische Finessen. Das Thema Gemeinnützigkeit ist in der Politik gerade verständlicherweise nachrangig, da müssen wir uns erst einmal eine Zeit lang in Bescheidenheit üben. Es geht jetzt darum, dass wir gemeinsam mit denjenigen, die besonders unter der Krise leiden – und das ist eben auch der traditionelle Sport –, neue Konzepte schaffen, die zum allgemeinen Vorteil sind.

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Einige Profivereine wie Hertha BSC oder der FC Schalke 04 haben ja inzwischen eigene E-Sport-Abteilungen aufgebaut. Können denn diese Klubs nun davon profitieren?
Wir beraten im Breitensport immer wieder Vereine dabei, den richtigen Einstieg zu finden. Und eine unserer Kernbotschaften ist: Man muss schauen, welche Ziele man erreichen möchte, und ob die Angebote dafür auch geeignet sind. Wenn ich neue Vereinsmitglieder gewinnen möchte, aber durch meine Spielauswahl diejenigen anspreche, die sowieso schon im Verein sind, dann ist das nicht sehr effektiv. Und das gilt auch für die Bundesligaklubs – die Ziele und die Identität muss mit der Auswahl von Spielen und der Handlungsstrategie abgeglichen werden. In vielen Vereinen sind jetzt die E-Sportler als einzige Abteilung noch aktiv und schaffen für Fans und Sponsoren neue Stories durch ihre sportliche Aktivität.

Sind die E-Sport-Angebote solcher Klubs denn dann aber mehr als nur Instrumente zum Marketing?
Von der Nutzung von E-Sport als reine Marketingmaßnahme für andere Sportarten raten wir prinzipiell ab. E-Sport ist eine Sportart für sich. Eine Sportart zu nutzen, um für eine andere Sportart zu werben, das funktioniert nicht. Ich werde auch nicht Basketball anbieten, um neue Fußballer zu gewinnen. Und wir sehen, dass die E-Sportler in vielen Vereinen inzwischen als eigene Helden gefeiert werden.

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