Sport : Die Erben des Calle Del’Haye

Stefan Hermanns

Berti Vogts kann wahrlich nicht behaupten, dass die Deutschen ihn immer richtig verstanden haben. In dieser Woche aber durfte er sich einmal ganz eins fühlen mit seinen Landsleuten. Vogts hat nämlich vehement seine Meinung vertreten, dass Jan Schlaudraff es bei den Bayern ganz sicher nicht in die Startformation schaffen werde.

Mit einer solchen Einschätzung macht man sich in Deutschland zurzeit nur wenige Feinde, doch sie entspringt eher einem Reflex als echter Reflexion. Wann immer ein junger Spieler mit glänzenden Karriereaussichten zu den Bayern wechselt, gerät er automatisch unter Calle-Del’ Haye-Verdacht. (Nur zur Erinnerung: Del’Haye stürmte recht erfolgreich für Borussia Mönchengladbach, ehe er 1980 zu Bayern München wechselte und dort fortan meistens auf der Bank saß.) Dass nun auch Schlaudraff unter Verdacht gerät, kommt nicht unbedingt überraschend; seltsam ist nur, dass Lukas Podolski vor einem Jahr von ähnlichen Verdächtigungen weitgehend verschont geblieben ist. Auch Podolski wechselte von einem Abstiegskandidaten zu den Bayern, an seiner Befähigung für höhere Aufgaben wurde damals jedoch kaum gezweifelt. Warum eigentlich nicht?

Wenn man die individuellen Fähigkeiten einmal nüchtern analysiert, wäre die Skepsis bei Podolski viel eher angebracht gewesen. Podolski kann mit seinem linken Fuß wunderbar schießen, er ist vor dem Tor kalt wie kaum ein zweiter Stürmer, und er ist eben unser aller Poldi. Aber sonst? Schlaudraff hingegen: ist schnell, mit und ohne Ball, stark im Dribbling, hat einen guten Schuss, links wie rechts, und besitzt – anders als der in dieser Hinsicht völlig unbeleckte Podolski – ein gutes taktisches Spielverständnis.

Ob Jan Schlaudraff es bei den Bayern schaffen wird? Keine Ahnung. Aber die Wahrscheinlichkeit ist bei ihm wesentlich größer als bei Lukas Podolski.

schreibt an dieser Stelle im Wechsel mit Philipp Köster.

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