• Die U 21 versammelt viel Talent: Der letzte gute Jahrgang des deutschen Fußballs?

Die U 21 versammelt viel Talent : Der letzte gute Jahrgang des deutschen Fußballs?

Die Deutschen starten an diesem Montag gegen Dänemark als einer der Favoriten in die U-21-EM. Für die kommenden Jahre sieht es nicht mehr ganz so gut aus.

Willkommen zurück. Trainer Stefan Kuntz kann bei der U-21-EM auf Kapitän Jonathan Tah setzen, der vorige Woche noch bei der A-Nationalmannschaft war.
Willkommen zurück. Trainer Stefan Kuntz kann bei der U-21-EM auf Kapitän Jonathan Tah setzen, der vorige Woche noch bei der...Foto: dpa

Manche Probleme ändern sich nie. Zum Beispiel die eines U-21-Nationaltrainers beim Deutschen Fußball-Bund. Knapp 37 Jahre ist es her, dass das älteste Nachwuchsteam des DFB zum ersten Mal in einem EM-Finale stand. Der Wettbewerb wurde damals noch im K.-o.-System ausgetragen, das Finale in Hin- und Rückspiel entschieden. Natürlich hätte U-21- Coach Berti Vogts damals gerne seine stärkste Elf aufgeboten, doch Jupp Derwall, der Bundestrainer, beorderte Gerd Strack, Lothar Matthäus und Rudi Völler im Oktober 1982 lieber zur A-Nationalmannschaft – für ein Freundschaftsspiel gegen England. Im Jahr 2006 war es ähnlich: Die U 21 traf in den Play-offs auf England, doch Piotr Trochowski, einer ihrer Führungsspieler, fehlte, weil Bundestrainer Löw ihn lieber in einem Testspiel gegen Georgien debütieren lassen wollte.

Wenn die aktuelle U 21 an diesem Montag (21 Uhr, live in der ARD) gegen Dänemark in die Europameisterschaft startet, wird auch Stefan Kuntz auf prominentes Personal verzichten müssen. Als die A-Nationalmannschaft vorige Woche ihre Länderspiele gegen Weißrussland und Estland bestritt, standen sieben Spieler im Kader, die noch für die U 21 spielberechtigt wären. Doch nur Jonathan Tah und Lukas Klostermann verstärken bei der EM-Endrunde in Italien und San Marino das Team von Stefan Kuntz. Alle anderen – unter anderem Kai Havertz und Julian Brandt – sind dem Nachwuchs längst entwachsen.

Titel im U-Bereich sind wichtig – weil sie den Siegeswillen einer Generation dokumentieren und auch befördern können; aber sie sind für den DFB kein Selbstzweck. Im Zweifel steht die A-Nationalmannschaft über allem. Das war so. Ist so. Und wird vermutlich immer so blieben. Daran ändert auch die Erinnerung an den Sommer 2009 nichts, als die deutsche U 21 in Schweden erstmals den EM-Titel holte. Das Turnier gilt als die Geburtsstunde der Weltmeister von 2014. Sechs von ihnen – Manuel Neuer, Mats Hummels, Jerome Boateng, Benedikt Höwedes, Mesut Özil und Sami Khedira – waren fünf Jahre zuvor in Schweden dabei.

Die Erfahrungen bei der U-21-EM haben vielen Spielern einen unglaublichen Boost verschafft; denn anders, als es heute in der Rückschau erscheint, ist das Team von Horst Hrubesch damals keineswegs als großer Favorit durch das Turnier gerauscht. Aber schon ein Jahr später standen sechs U-21-Europameister im Aufgebot für die WM in Südafrika, ein siebter (Andreas Beck) schaffte es immerhin in das vorläufige Aufgebot. Insgesamt zwölf Spieler aus dem 2009er-Team sind für die A-Nationalmannschaft zum Einsatz gekommen, vier weitere (Böhnisch, Ben-Hatira, Johnson und Dejagah) entschieden sich später für andere Nationen.

Eine solche Häufung an Talent ist so selten, dass man von einem einmaligen Glücksfall sprechen kann. Das zeigt schon der Vergleich zu den U-21-Europameistern von 2017. Kein einziger stand im Jahr darauf im WM-Kader; nur Thilo Kehrer hat seitdem in der A-Nationalmannschaft debütiert. Niklas Stark von Hertha BSC wurde zuletzt immerhin zweimal von Bundestrainer Löw nominiert, wartet aber noch auf sein erstes Länderspiel.

Ziel der Deutschen ist das Halbfinale

Die aktuelle U 21 ist vom Potenzial her wohl irgendwo in der Mitte zwischen 2009 und 2017 anzusiedeln. „Wir brauchen uns nicht vor den anderen Nationen zu verstecken“, sagt Verteidiger Timo Baumgartl. „Wir sind als Titelverteidiger auch ein Titelanwärter.“ Vier Europameister von 2017, Mahmoud Dahoud, Nadiem Amiri, Levin Öztunali und Waldemar Anton, sind noch dabei. Insgesamt 31 Spieler hat Nationaltrainer Kuntz im aktuellen U-21-Zyklus bei sich debütieren lassen. „Es ist schon eine gute Entwicklung zu sehen in den letzten beiden Jahren“, sagt er. Ziel ist der Einzug ins Halbfinale, der zugleich die Qualifikation für Olympia in Tokio bedeuten würde.

Kuntz’ Kader versammelt viel Talent. Aber möglicherweise ist die U 21 der vorerst letzte hochwertige Absolventenjahrgang, den die um die Jahrtausendwende begonnene Akademisierung des deutschen Fußballs hervorbringt. Dahinter klafft eine große Lücke. Die U 17 ist bei der EM in der Vorrunde ausgeschieden, die U 19 war nicht mal qualifiziert; und vor einem Jahr war es genauso. „Das ist schon eine Zustandsbeschreibung“, sagt Stefan Kuntz.

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