Doping im Sport : Athleten sind nicht Opfer ihrer Verhältnisse

Hauptschuldiger des Skandals um das Nike Oregon Projekt ist Trainer Salazar. Dabei machen die Athleten bewusst mit. Ein Kommentar.

Claudia Lepping
Sifan Hassan gewann bei der WM in Doha zweimal Gold. Auch sie war Teil der Trainingsgruppe des Nike Oregon Projects.
Sifan Hassan gewann bei der WM in Doha zweimal Gold. Auch sie war Teil der Trainingsgruppe des Nike Oregon Projects.Foto: AFP/Kirill KUDRYAVTSEV

Die amerikanische Antidoping-Agentur Usada beschuldigt Trainer Alberto Salazar, "auf gefährliche Weise die Leistung seiner Athleten gesteigert" zu haben. Eine der entscheidenden Fragen lautet: Wie sollte das den Athleten entgangen sein? Zur Wahrheit gehört: Die Sportler machen das bewusst mit.

Doping-affine Trainingsgruppen funktionieren seit jeher durch komplette Abschottung nach außen und durch vollständiges Abtrainieren jedes Unrechtsbewusstseins nach innen.

Am Nike Oregon Project zeigt sich einmal mehr – die Hauptnebenwirkung von Doping ist Schizophrenie. Freilich im übertragenen Sinne: Athleten spalten ihre Persönlichkeit, als hätte Doping mit ihnen selbst nichts zu tun. Der Ablauf ist verläuft meist gleich: Angelockt durch vermeintlich neue oder originelle Methoden eines erfolgreichen Trainers, der die Sportler auserkoren hat, führt der sie beiläufig und der Binnenlogik der Selbstoptimierung folgend auch an unerlaubte Mittel heran. Mit dem immer wiederkehrenden Motiv: Doping sei Notwehr, weil es doch ohnehin alle tun. Und dafür bietet dieser Trainer dann in einer Attitüde von Fürsorge und Allmachtphantasie einen geschützten Raum.

Immer wieder fallen junge Talente auf perfide Trainertypen herein

Alles perfide und wahrlich nicht neu. Und doch neu: Denn es sind immer wieder neue junge Talente, die auf solche skrupellose Trainertypen stoßen. Es liegt im Wesen eines Leistungssportlers, seinen Sport gewiss nicht zur Gesunderhaltung auszuüben. Er trägt das Potenzial zum Selbstschinden und Verschieben eigener Leistungsgrenzen in sich. Aber der Sportler allein trägt die Verantwortung, wie weit er in diesem Streben geht. Wenn er dopt, dann verantwortet er auch das selbst.

Weder haben Trainer die Lizenz zum Ausbeuten, noch sind Athleten ihnen ausgeliefert. Es ist schon an jedem Sportler selbst zu erkennen und sich einzugestehen, in welchem Umfeld er Hochleistungssport treibt – und zu entscheiden, ob er dopt oder nicht. Athleten sind ausdrücklich nicht Opfer der Verhältnisse im Sport, sondern die entscheidenden Hauptpersonen. Sie haben es in der Hand zu bestimmen, unter welchen Bedingungen sie an den Start gehen. Ob sie dopingfrei trainieren, dem Coach aber sehr wohl abverlangen, sich individuelle und damit optimierte Trainingsmethoden einfallen zu lassen. Oder ob sie dopen und gezielt betrügen. Es ist allein ihre Entscheidung.

Claudia Lepping war selbst Leistungssportlerin. Sie wurde Deutsche Vizemeisterin und Elfte bei den Europameisterschaften über 200 Meter.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

1 Kommentar

Neuester Kommentar