"Es ist nie zu spät, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen"

Seite 2 von 2
Doping in der BRD : "Die Forscher sollen alles zugänglich machen"

Es berührt das Gerechtigkeitsempfinden in Ostdeutschland, dass beim DDR-Doping jeder verdächtige Name sofort durch die öffentliche Manege gezerrt wurde, während die Aufklärung im Westen erst einmal Jahrzehnte dauerte und jetzt immer noch diskutiert wird, welcher Name wie wo veröffentlicht werden darf.
Das kann ich verstehen, das liegt vor allem an der akribischen Dokumentation durch die Stasi. Aber schauen Sie, der DOSB ist 2006 gegründet worden, 2008 haben wir die Studie auf den Weg gebracht. Es ist sicherlich spät, das gebe ich zu. Aber es ist nie zu spät, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Der DOSB selbst konnte es kaum früher.

Ist es nicht ein Armutszeugnis für den westdeutschen Sport, dass es erst jetzt diese Bemühungen gab?
Man hätte die Initiative früher ergreifen sollen, ja. Aber andererseits haben Sie selbst gesagt, dass wir nicht bei null angefangen haben, es gab auch vorher schon Studien und Erkenntnisse.

Das waren aber private Initiativen. Gerhard Treutlein und Andreas Singler können viel davon berichten, wie sehr Sie bei Ihrer Aufklärungsarbeit auch von Sportverbänden behindert wurden.
Umso höher sind ihre Verdienste einzuschätzen, die Forschung durchgeführt zu haben. Jetzt war es richtig, einen umfassenden Überblick anzuregen.

Aber ist es dann nicht ein Vermittlungsproblem des DOSB, dass er seine aktive Rolle in diesem Prozess nicht darstellen konnte?
Wieso? Wir werden auch von den Berliner Forschern ausdrücklich dafür gelobt, dass und wie wir unsere Akten zur Verfügung gestellt haben. Wir haben voll kooperiert und da, wo es Schwierigkeiten gab, zu vermitteln versucht. Nur sind wir eben weder formeller Auftraggeber, noch diejenigen, die forschen. Das sollten unabhängige Leute tun, wir beschäftigen uns dann mit dem Ergebnis.

Was ist mit der Aufarbeitung des Dopings nach 1990? Es gibt noch keine Klarheit, warum dazu nicht mehr geforscht wurde?
Das Berliner Teilprojekt krankte von Beginn daran, dass der Projektleiter fachfremd war und vor Ende des Projekts aus der HU ausgeschieden war. Die Münsteraner Forscher haben Verlängerungsanträge zur Fortsetzung ihrer Forschung gestellt, diese Mittel sind auch bewilligt worden. Auch für das Berliner Projekt hätten Mittel zur Verfügung gestanden, aber sie sind nicht beantragt worden.

Was sind jetzt die nächsten Schritte?
Wir müssen die Studie jetzt sorgfältig auswerten. Das kann man nicht in wenigen Tagen. Wir haben aber in den vergangenen Jahren schon einiges gelernt. Das Doping-Kontrollsystem ist deutlich besser geworden. Die Gesetzgebung ist mit der in den 80er und 90er Jahren nicht mehr zu vergleichen. Die Abstände zu den Dopern sind geringer geworden.

Die Berliner Forscher fordern in ihrem Schlussteil weitere gesetzliche Maßnahmen. Und Sie?
Die Forderung hört sich erst einmal gut an, aber die Forscher leiten sie nicht her. Man muss wissen, dass die Gesetzgebung 2007 und 2013 verschärft worden ist. Wir haben alle Möglichkeiten bis hin zur Telefon- und Videoüberwachung, um an die Hintermänner heranzukommen und den Sumpf trocken zu legen. Unsere Auffassung ist bekannt, der Sport kann den gedopten Athleten mit einer internationalen Sperre schneller und effizienter bestrafen als der Staat. Diese Sperre trifft ihn härter als eine Geldbuße.

Am Anfang Ihrer Zeit als Generaldirektor beim DOSB haben Sie sehr pragmatisch eine Entschädigung für DDR-Dopingopfer ausgehandelt und damit einen quälenden Prozess beendet. Jetzt sieht Ihre Rolle anders aus.
Es gibt immer mal schwierige Situationen. Aber auch hier waren wir Handelnder, indem wir die Studie initiiert haben.

Werfen Sie sich in der Kommunikation zur aktuellen Studie etwas vor?
Als die „Süddeutsche Zeitung“ ihren Artikel am Samstag veröffentlicht hat, kannte ich die 800 Seiten Bericht noch gar nicht, weil der im wissenschaftlichen Projektbeirat lag und alle eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben haben.

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.

Artikel auf einer Seite lesen
Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!