Sport : Echte Ärzte, falsche Rezepte

Sebastian Moll

Der Fall Barry Bonds ist ein Alptraum für Ligenchef Bud Selig. Schon seit Monaten kann er nicht mehr ruhig schlafen, weil er irgendwann vermutlich den bulligen Schlagmann der San Francisco Giants für seinen ewigen Homerun-Rekord ehren muss, obwohl der Baseballstar Bonds vor Gericht den Konsum von Anabolika zugegeben hat. Das ist peinlich für den Baseball, weil es die Macht- und Willenlosigkeit des Sports aufdeckt, das Dopingproblem konsequent anzugehen. Und dennoch könnte Bonds bald die geringste von Seligs Sorgen sein. Anders als die Verantwortlichen in den Profiligen haben US-Staatsanwälte nämlich nicht vor, den offensichtlich allgegenwärtigen Missbrauch von Steroiden, des Wachstumshormons und Schlimmerem auf sich beruhen zu lassen. Seit Ende 2005 untersuchen mehrere Staaten, wie die verschreibungspflichtigen Drogen auf den Schwarzmarkt und so an die Sportler kommen. Da ist etwa die Apotheke „Signature Pharmacy“ in Florida, die vor 14 Tagen von Beamten hochgenommen wurde. Signature hat 2006 rund 40 Millionen Dollar an Medikamentenverkäufen umgesetzt und man vermutet, dass ein Großteil dieser Summe aus den Taschen von bezahlten und unbezahlten Athleten stammte.

In vielen Baseball- und Footballmannschaften hat seit der Razzia das große Zittern begonnen, welche Namen die Behörden auf den Festplatten und in den Akten von Signature finden werden. Ziel der Ermittler sind allerdings nicht die Endverbraucher – die fallen in die Zuständigkeit der Sportoberen und haben deshalb wohl ebenso wenig zu befürchten wie Bonds. Viel mehr interessieren den Staat die Vertriebsnetzwerke. Dabei gewinnt folgendes Bild zunehmend an Schärfe: So genannte Anti-Aging-Kliniken – in denen es meist nichts gibt außer ein paar Telefone und Faxgeräte – bieten per Internet Wachstumshormon und verwandte Produkte an, die ein Athlet dort bestellen kann. Das Rezept wird per Fax von einem an ein Untergrund-Netzwerk angeschlossenen Arzt ausgestellt, dem von der „Klinik“ 20 bis 50 Dollar pro Verschreibung bezahlt werden. Der Athlet bekommt das Medikament ohne je einen Mediziner gesehen zu haben. Nach Ansicht von Insidern erwerben etwa 30 Prozent der US-Profis sowie zehntausende von Amateuren auf diesem Weg regelmäßig ihre Drogen. Gegen Bluttests, mit denen beispielsweise das Wachstumshormon nachgewiesen werden könnte, wehren sich jedoch die Ligen noch immer standhaft.

An dieser Stelle erklären die US-Korrespondenten Matthias B. Krause und regelmäßig Phänomene aus dem nordamerikanischen Sport.

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