Ein Grenzfall : HSV genervt vom Hin und Her um Bakery Jatta

Der Hamburger SV sieht sich in der Affäre um die Identität von Profi Bakery Jatta zu Unrecht im Fokus. Im Pokal wird der Gambier zum Einsatz kommen.

Karsten Doneck
War was? Bakery Jatta.
War was? Bakery Jatta.Foto: DeFodi/Imago

Dieter Hecking mahnte zur Mäßigung. „Ich bitte Euch, das Ganze mal ein bisschen runterzufahren", wünschte sich der Trainer des Fußball-Zweitligisten Hamburger SV vor dem DFB-Pokalspiel am Sonntag (18.30 Uhr) beim Drittligisten Chemnitzer FC. Der immer wieder mal von heftigen Turbulenzen geschüttelte Klub hat nämlich aktuell ein Reizthema am Hals, mit dem er abseits des Sportlichen überregional für Aufsehen sorgt. Im Mittelpunkt steht dabei ein Flüchtling und hochtalentierter Profi: Bakery Jatta. Der kam im Sommer 2015 aus Gambia erst nach Bremen, später dann nach Hamburg, er soll sich angeblich mit falscher Identität und falscher Altersangabe in Deutschland eine Aufenthaltsgenehmigung erschlichen zu haben.

Der Fall ist mysteriös. Es gibt keine belastbaren Fakten, nur Verdächtigungen und größtenteils namenlose Zeugen. Aber der aufgeregte Medienrummel in dieser Angelegenheit führt dazu, dass der HSV seinem Ruf als ein von Ruhelosigkeit getriebener Verein wieder Ehre macht. Selbst das unfreiwillige Abtauchen in die Zweitklassigkeit bildet da kein Schutzschild vor ungewollter Aufmerksamkeit abseits des Rasens.

Der HSV – immer nahe am Chaos? Sicher, an Kapriolen herrschte in der jüngeren Vergangenheit kein Mangel. Etwa wenn Mäzen Klaus-Michael Kühne öffentlich gegen die Personalpolitik pöbelte: „Der HSV ist ein Phänomen, weil bei ihm immer die Luschen hängen bleiben.“ Oder wenn ein damals 19-jähriger Jungprofi wie Vasilije Janjicic mit 160 Stundenkilometern und 0,64 Promille im Blut nachts um ein Uhr nahe dem Elbtunnel einen Unfall verursachte, aber keinen Führerschein vorzeigen konnte – er besaß nämlich keinen. Unvergessen ist auch die Affäre um den damaligen Manager Peter Knäbel. Dessen Rucksack, gefüllt mit wichtigen Verträgen von Spielern und Trainern, fand eine Altenpflegerin herrenlos beim Spaziergang in einem Hamburger Stadtpark. Die Liste solcher Verfehlungen ließe sich fortsetzen.

Nun schlägt also die Causa Jatta hohe Wellen weit über Hamburg hinaus. „Da wird etwas von außen an uns herangetragen, worauf sich alle stürzen“, beschwert sich Hecking. Die „Sport Bild“ hatte die Sache ins Rollen gebracht. Jatta, stand dort zu lesen, hieße mit richtigem Namen Daffeh und sei bei seiner Einreise in Deutschland nicht – wie von ihm selbst angegeben – 17, sondern bereits 20 Jahre alt gewesen sein. „Spiegel Online“ legte nach. Unter Berufung auf die Enthüllungsplattform „Football Leaks“ hieß es dort, der HSV sei bereits im Januar 2016 von einem Spielervermittler über Zweifel an der Identität Jattas informiert worden. Ein Mitarbeiter des Klubs nahm sich der Sache an und soll seine Recherchen mit einer E-Mail abgeschlossen haben, in der er die Vermutung äußerte: „Es könnte sich bei dem Spieler tatsächlich um Bakary Daffeh handeln.“

Unberührt vom Hin und Her hat Hecking den Gambier mit nach Chemnitz genommen

Bakery Jatta kam im Sommer 2015 zunächst nach Bremen. Ohne Pass. Er forderte das Personaldokument aus seiner Heimat an. Nach einem Bericht des „Hamburger Abendblatts“ hat das Migrationsamt Bremen danach den per Post eingetroffenen Pass geprüft. Es gab keinerlei Beanstandungen. Auch das Honorarkonsulat Gambias habe die ordnungsgemäße Ausstellung des Passes bestätigt. Zudem tauche der Name Bakery Jatta, so meldete die „Bild-Zeitung“ am Samstag, auf einer offiziellen Transferliste des Weltverbandes Fifa auf.

Er sei von Februar 2014 bis Juni 2016 in Gambia als Amateurspieler bei Erstligist Brikama United gemeldet gewesen. Auch ein Bakary Daffeh gehörte dem Klub an, allerdings nur bis zum November 2013. Zumindest die von Jatta selbst verbreitete Geschichte, er sei nur Straßenfußballer gewesen und habe vor seinem Engagement beim HSV nie in einem Verein Fußball gespielt, ist damit hinfällig. Seit Juni 2016 steht Jatta beim HSV unter Vertrag. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) teilte mit, sie habe sich die Identität Jattas durch Gambias Fußballverband bestätigen lassen, um ihm die Freigabe zu erteilen und den Spielerpass auszustellen.

Unberührt vom Hin und Her hat Hecking den Gambier mit nach Chemnitz genommen. Dass die Aufregung die Konzentration auf das Spiel stören könnte, denkt Hecking nicht. „Ich spüre null Hektik.“ Und dann hat der Trainer in der Flüchtlingsfrage auch seinen ganz eigenen Ansatz. Hecking sagt: „Es gibt so viele Leute, die über die Grenze gekommen sind, bei denen man auch nachfragen könnte, ob alles in Ordnung ist.“

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