Ein Jahr nach Silber bei Olympia : Eishockey-Wunder gibt’s nicht alle Tage

Vor einem Jahr holte Deutschland bei Olympia in Pyeongchang sensationell Silber im Eishockey. Der ganz große Boom ist danach aber ausgeblieben.

Pure Freude. Bei Olympia gewannen die deutschen Spieler die Silbermedaille.
Pure Freude. Bei Olympia gewannen die deutschen Spieler die Silbermedaille.Foto: Michael Kappe/dpa

Vor einem Jahr befand sich ein ganzes Land im Eishockey-Fieber. Die Menschen waren derart berauscht, dass sie sich für morgens, 5 Uhr, den Wecker stellten, um das olympische Finale anzuschauen. Dort standen sich erwartungsgemäß Russland und völlig überraschend Deutschland gegenüber. Das Spiel entwickelte sich zum Thriller, drei Minuten und 16 Sekunden vor dem Ende traf Verteidiger Jonas Müller von den Eisbären Berlin zum 3:2 für den Außenseiter. „Ich dachte das reicht zu Gold und sagte: Kommt Jungs, das schaffen wir“, erinnerte sich Müller kürzlich im Interview mit dem Tagesspiegel an den größten Tag in der deutschen Eishockey-Geschichte.

Mit dem Olympiasieg wurde es dann doch nichts, die Russen glichen in Unterzahl 55,5 Sekunden vor dem Ende aus und trafen in der Verlängerung zum 4:3-Sieg. Trotzdem hielt die Enttäuschung danach nur kurz an, das deutsche Eishockey hatte mit Silber mehr gewonnen als die größten Optimisten in ihren kühnsten Träumen erwartet hatten. Die Mannschaft wurde am Ende des Jahres zu Deutschlands Sportteam des Jahres gewählt, Müller in Berlin sogar zum Einzelsportler des Jahres. „Silber im Eishockey, das wirkt halt nach“, sagte Müller danach. Genau ein Jahr später stellt sich allerdings schon die Frage, ob das tatsächlich so ist.

Ein kleiner Boom fand unbestritten statt, Silber hat sich finanziell für den Verband ausgezahlt. Das Fördergeld aus dem Bundesinnenministerium wurde in neue Trainerstellen investiert. Auch im Nachwuchs ist der Olympia-Effekt spürbar: Der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) meldete für das erste Halbjahr 2018 einen spürbaren Zuwachs an Neuanmeldungen.

Jonas Müller von den Eisbären ließ Deutschland damals sogar von Gold träumen

Sportlich allerdings verblasst das Silber so langsam. Nach dem Olympia-Coup erklärten mehrere altgediente Spieler wie Kapitän Christian Ehrhoff ihren Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Und Erfolgscoach Marco Sturm folgte dem Ruf der besten Liga der Welt und ist mittlerweile Assistenztrainer bei den Los Angeles Kings in der National Hockey-League (NHL). Unter seiner Leitung hatte die deutsche Mannschaft bei der Weltmeisterschaft in Mai ihre Grenzen aufgezeigt bekommen und das Viertelfinale verpasst.

Siegerlächeln. Der frühere Bundestrainer Marco Sturm, der inzwischen in der NHL angeheuert hat.
Siegerlächeln. Der frühere Bundestrainer Marco Sturm, der inzwischen in der NHL angeheuert hat.Foto: Monika Skolim/dpa

Inzwischen ist der Finne Toni Söderholm für das Nationalteam verantwortlich, es wird sich zeigen, ob er die Fraktion der deutschen Nordamerika-Legionäre für eine Teilnahme an der WM 2019 in der Slowakei motivieren kann. Schon jetzt ist klar, dass Deutschland dann nicht um Medaillen mitspielen wird. Die olympischen Spiele in Pyeongchang waren in dieser Hinsicht ein Ausreißer, weil die Topnationen abgesehen von Russland nur mit drittklassigen Teams ohne Profis aus der NHL am Start waren. Auch deshalb wird DEB-Präsident Franz Reindl etwas wehmütig, wenn er an Olympia zurückdenkt: „So etwas passiert nur einmal im Leben. Das wird sich nicht noch einmal wiederholen.“

Ehrhoff, Sturm und bald Reindl? Die Helden von 2018 sind bald alle weg

Reindl hat sich während seiner Amtszeit um das deutsche Eishockey verdient gemacht. Mit Marco Sturm gelang ihm ein Glücksgriff auf dem Bundestrainer- Posten, das Reformprogramm „Powerplay 2026“ trägt seine Handschrift – und führte vorzeitig zum Erfolg. Medaillen waren eigentlich erst für die mittelfristige Zukunft angepeilt. Ob das mehr als nur Wunschdenken bleibt, ist allerdings fraglich. Erst recht, da Reindl wohl 2020 sein Amt als DEB-Präsident aufgeben wird und es gegen den Vorsitz beim Weltverband IIHF eintauschen könnte.

Reindl hat Türen geöffnet, er war das Gesicht des Verbandes. Eines, mit dem viele Menschen etwas anfangen konnten, weil er 1976 zum Team gehörte, dass den bis dahin größten Erfolg mit Olympia- Bronze einfahren konnte. Seine Nachfolge könnte Stefan Schaidnagel übernehmen, der im Moment noch Sportdirektor im DEB ist, aber bereits jetzt die Generalverantwortung im Verband hat.

Letztlich aber sind es die Spieler, die im Fokus stehen. In dieser Hinsicht hat Deutschland mit Leon Draisaitl einen Topstar in der NHL. Mit 36 Saisontreffern ist er – Stand heute – der drittbeste Torschütze in der nordamerikanischen Liga. Mit seinem Team, den Edmonton Oilers, droht er allerdings die Play-offs zu verpassen – und würde damit dem Nationalteam bei der WM zur Verfügung stehen. Ob er dort aber spielt, lässt Draisaitl offen. Sagt er ab, könnte andere Spieler folgen – und Söderholm hätte ein Problem. Damit der Boom im deutschen Eishockey länger als nur ein paar Monate anhält, sind aber dauerhafte Erfolge nötig. Zum Beispiel eine vorzeitige neuerliche Olympia-Qualifikation.

„Jetzt muss man sehen, wie das weitergeht“, sagte Jonas Müller im Dezember. Gut möglich, dass es künftig im deutschen Eishockey wieder kühne Träume braucht, damit aus Realisten Optimisten werden. (mit dpa)

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