Sport : Ein Retter rettet sich

Littmann kann Präsident bei St. Pauli bleiben – von ihm hängt der Stadionbau ab

Dagny Lüdemann

Berlin - Viele halten Corny Littmann für einen Chaoten. Jetzt hat der Präsident des FC St. Pauli mit einer wohlüberlegten und seit längerem geplanten Aktion seine Chancen deutlich verbessert, das Machtspiel beim Hamburger Regionalligisten zu gewinnen. Nur wenn er als Präsident im Amt bleibt, ist die Finanzierung des Neubaus der bereits abgerissenen Südtribüne gesichert, verkündete Littmann auf einer Pressekonferenz. Das sei die vertragliche Bedingung des Investors, der die fehlenden vier Millionen Euro für den Stadionbau bereitstellen wolle.

Dieses Argument könnte die Mitglieder des Hamburger Kiezklubs überzeugen, die bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung am Sonntagnachmittag im Congress Centrum Hamburg (CCH) über die Zukunft des Vereins entscheiden werden. Acht Anträge auf Abwahl der Aufsichtsratsmitglieder wurden im Vorfeld eingereicht. Dass dieser Termin im CCH wie geplant stattfindet, verdanken die Fans einer Entscheidung des Hamburger Landgerichts vom Montag. Eine von Littmann erwirkte einstweilige Verfügung wurde bestätigt, seine vorzeitige Entlassung durch den Aufsichtsrat für unwirksam erklärt. „Eine Abberufung des Präsidiums ist nur bei einer Mitgliederversammlung möglich“, begründete die Vorsitzende Richterin den Beschluss. Nach diesem Teilerfolg hatte Littmann seinen schon vor mehreren Wochen angekündigten Rücktritt widerrufen. „Es geht hier um die Verwirklichung eines Projekts, auf das die Vereinsmitglieder seit 30 Jahren warten“, sagte Littmann. Damit das Stadion endlich gebaut werden könne, stehe er dem Verein weiterhin zur Verfügung.

Obwohl Littmann die Vorwürfe des Aufsichtsrats, seine Pflichten verletzt zu haben, bisher nicht entkräften konnte, hat er gute Chancen, als Präsident bestätigt zu werden. Denn als „Retter“ von St. Pauli hat er bei den Fans einen Vertrauensvorschuss: Nach dem Abstieg in die Regionalliga bewahrte der Chef der Varieté-Theater Schmidt’s und Schmidt’s Tivoli den Kultklub vor vier Jahren mit einer unvergessenen Aktion vor dem Konkurs: Durch den Verkauf von knapp 150 000 T-Shirts und weitere „Retter“-Aktionen spülte Littmann nicht nur die knapp zwei Millionen Euro in die Vereinskasse, mit denen der Klub damals verschuldet war. Er erwirtschaftete sogar ein Plus und ließ den seit Jahrzehnten geträumten Traum vom Stadionneubau erstmals greifbar werden.

Außerdem hatte Littmann Glück, dass die groben Pflichverletzungen, die er laut Aufsichtsrat begangen haben soll, vor Gericht nicht im Detail erörtert wurden. Ob er also wirklich ohne Zustimmung des Kontrollgremiums die Stadionbetriebsgesellschaft gegründet, Verträge abgeschlossen und Gelder für das Bauvorhaben verwendet hat, wissen die Fans immer noch nicht. Für den Beschluss am Montag war das nämlich nicht entscheidend: Nur wenn durch ihn eine unmittelbare Gefahr für den Verein bestanden hätte, sei der Aufsichtsrat berechtigt gewesen, Littmann zu entlassen, erklärte das Gericht. Was der Präsident zuvor gemacht habe, sei „salopp formuliert Schnee von gestern“, sagte die Richterin dem „Hamburger Abendblatt“.

Das Chaos beim FC St. Pauli wurde also nicht geordnet, der Streit nicht geschlichtet. Dennoch kann der 54-jährige Cornelius Littmann darauf hoffen, dass die Vereinsmitglieder den Aufsichtsrat am Sonntag abwählen. Denn dass der in seiner derzeitigen Besetzung den Vier-Millionen-Euro-Vertrag mit dem Geldgeber genehmigen würde, glauben die Fans nicht. Und noch ist man am Millerntor nicht bereit, den Traum vom neuen Stadion aufzugeben. Mit chaotischen Methoden zu dessen Erfüllung hat man im verruchten Stadtteil St. Pauli dagegen nicht so große Probleme.

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