Sport : Eine Familie taucht auf

Das Trio Lurz bildet den ungewöhnlichsten Clan im deutschen Schwimmen

Frank Hollmann[Würzburg]

Breitbeinig läuft Stefan Lurz am Beckenrand des Würzburger Wolfgang-Adami-Schwimmbads entlang. Die Füße sind leicht gespreizt, der Gang erinnert an eine Ente auf Land, die das Wasser sucht. Lurz blickt manchmal geradezu sehnsuchtsvoll zum Wasser. Und wenn er dann auch noch über seine Vergangenheit spricht, wird er melancholisch. „Wenn ich Thomas Rupprath sehe, denke ich mir manchmal, ich hab’ zu früh das Handtuch geschmissen. Er ist mein Jahrgang. Als Jugendlicher war ich oft schneller als er.“ Rupprath ist vielfacher deutscher Meister und mehrfacher Kurzbahn-Weltmeister.

Bei der Schwimm-WM in Melbourne, Australien, die am Sonntag beginnt, ist er allerdings kein Medaillenkandidat. Einer der deutschen Favoriten heißt Lurz, Thomas Lurz. Der Bruder von Stefan Lurz. Und Athlet des Trainers Stefan Lurz. Der steht am Beckenrand, Thomas Lurz pflügt vor ihm durchs Wasser, Kilometer um Kilometer. Thomas Lurz ist Langstreckenschwimmer, fünf Kilometer sind für ihn fast ein Sprint.

Seit der Ältere den Jüngeren trainiert, beherrscht dieser das Freiwasser-Feld. 2004 wurde Thomas erstmals Weltmeister über zehn Kilometer, ein Jahr später auch über fünf Kilometer. 2006 räumte Thomas Lurz dann alles ab, zweifacher Europameister, zweifacher Weltmeister, Worldcupsieger, Weltschwimmer des Jahres im offenen Wasser. In Melbourne ist er Favorit, bei den Olympischen Spielen soll er Gold holen. Dass sein Trainer aus der eigenen Familie kommt, ist Thomas Lurz seit vielen Jahren gewohnt. Die Brüder schwammen schon als Kinder zusammen, damals stand ihr Vater am Beckenrand.

Wenn andere Kinder Ferien machten, trainierten Stefan und Thomas unter der Leitung von Peter Lurz. „Schwimmen konnte ich mir noch nie ohne meinen Bruder vorstellen“, sagt Thomas Lurz. „Ich bin auch keiner, der einen Tritt in den Hintern braucht. Mich muss man eher bremsen.“ Auch das ist die Aufgabe des Älteren, der den Erfolg auch als Ersatz für verpasste eigene Siege empfindet: „Die Arbeit mit meinem Bruder und mit Annika gibt mir ein bisschen Befriedigung.“

Annika ist Annika Lurz, geborene Liebs. Seit Sommer 2006 ist sie die Frau von Stefan Lurz, seine Athletin ist sie schon seit zwei Jahren. Stefan Lurz hat sie als 25-Jährige noch zur Weltklasseschwimmerin geformt. Sie ist zweifache Staffel-Europameisterin und Vize-Europameisterin über 200 Meter Freistil. Über diese Strecke hat sie den Weltrekord nur knapp verpasst. Die späte Leistungsexplosion schuf Platz für Dopingspekulationen. Aber Annika Lurz sagt nur: „Ich trainiere hart und motiviert.“ Privates und Sport zu trennen, haben sie inzwischen auch gelernt.

„Meine Schwiegertochter hat in Melbourne Medaillenchancen“, sagt Peter Lurz. Er ist auch in offizieller Funktion in Australien, als Teamleiter Freiwasser des Deutschen Schwimmverbands. Er wird auf dem Boot die Rennen seines Sohnes Thomas verfolgen. So einen Clan, zwei Athleten, ein Trainer und ein Teamleiter, das hat es im deutschen Schwimmen bis jetzt noch nicht gegeben.

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