Sport : Einstudierte Größe

Die Reformen von Bayern-Coach Ottmar Hitzfeld entfalten beim Sieg über Real die gewünschte Wirkung

Stefan Hermanns[München]

Wahre Größe zeigt sich manchmal erst an vermeintlichen Kleinigkeiten, und niemand ist im Weltfußball eine wahrere Größe als Real Madrid. Im Achtelfinale der Champions League war Reals Verteidiger Sergio Ramos kurz vor der Pause mit Bayerns Stürmer Roy Makaay zusammengestoßen, er musste am Spielfeldrand behandelt werden, seine Nase blutete und das Trikot war voller roter Flecken. Kurz bevor Ramos aufs Feld zurückkehrte, wurde ihm ein neues Hemd gereicht. Es kann natürlich nicht sein, dass ein Spieler von Real das blütenweiße Trikot mit hässlichen Blutflecken tragen muss. Der Verein hat sich zuletzt mehr seiner Außendarstellung gewidmet als dem sportlichen Kerngeschäft; die globale Wertschätzung für den königlichen Klub hat darunter allerdings nur marginal gelitten. „Wir können sehr stolz sein, einen großen Verein geschlagen zu haben“, sagte Ottmar Hitzfeld, der Trainer des FC Bayern München nach dem 2:1-Sieg seiner Mannschaft und dem Einzug ins Viertelfinale.

Der Schatten, den Real wirft, ist inzwischen weitaus größer als die reale Bedrohung, die von dieser Mannschaft noch ausgeht. Doch die Bayern wollten sich nicht ausreden lassen, dass sie ein Monster besiegt hatten – weil es sie selbst mächtiger erscheinen ließ, als sie in Wirklichkeit sind. „Real Madrid war kein schwächelnder Gegner“, sagte Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge, und Manager Uli Hoeneß sprach sogar vom besten Auftritt der Bayern, den die Allianz-Arena in den anderthalb Jahren seit ihrer Eröffnung gesehen habe. Hoeneß fand, „dass die Mannschaft ein überragendes Spiel gemacht hat“.

Und dennoch geriet der Gesamterfolg der Münchner am Ende noch einmal in ernste Gefahr. Vielleicht aber macht genau das den Unterschied aus zwischen dem aktuellen FC Bayern und dem von vor fünf Wochen, als Ottmar Hitzfeld seinen Nothelferjob angetreten hat. Jetzt schießen die Münchner im Hinspiel gegen Real eben kurz vor Schluss das eminent wichtige 2:3 und retten im Rückspiel ihren Vorsprung mit etwas Glück über die Zeit. „Wenn wir das noch unentschieden gespielt hätten, hätte ich den Fußballgott nicht mehr verstanden“, sagte Hoeneß.

Der Fußballgott trägt wieder ein Bayern-Trikot. Dass die Münchner Deutscher Meister werden, gilt inzwischen als gesicherte Erkenntnis, doch mit dem Erfolg gegen Real Madrid hat der Verein auch international neue Ambitionen angemeldet. „Wir wollen noch nicht resümieren“, sagte Hoeneß, „das ist viel zu früh“, was darauf schließen lässt, dass die Bayern noch einiges vorhaben. „Wenn wir so weiter machen, ist alles möglich“, sagte Lukas Podolski. Neben Real haben auch andere prominente Mannschaften das Achtelfinale nicht überstanden: der künftige Italienische Meister Inter Mailand, die beiden Vorjahresfinalisten Barcelona und Arsenal, und der ewige Geheimfavorit Lyon. Zudem ist von den acht verbliebenen Mannschaften keine ohne Probleme ins Viertelfinale vorgestoßen. „Wir haben noch nichts erreicht, und wir sind nach wie vor nicht Favorit auf den Titel“, sagte Rummenigge. Allerdings: „Es gibt wahrscheinlich keinen Topfavoriten.“

Bei keinem anderen Klub sind derart extreme Stimmungsschwankungen in derart kurzer Zeit möglich wie bei den Bayern. Gerade noch wurden sie vom Schrecken Uefa-Cup geplagt, jetzt träumt die Boulevardpresse schon wieder vom Gewinn der Champions League. Die mediale Begleitung des Rekordmeisters neigt nun mal zum Überschwang. „Man sieht, dass die Mannschaft nicht so schlecht ist, wie sie gemacht wurde“, sagte Rummenigge. Man sieht allerdings auch, das Ottmar Hitzfeld die Mannschaft deutlich besser gemacht hat, als sie zuvor gespielt hat.

Hitzfeld hat mit Freude registriert, „dass wir uns steigern, dass die Körpersprache eine andere ist, dass wir wieder besser organisiert sind“. Seine Arbeit entfaltet ihre Wirkung. Lukas Podolski berichtete, er habe schon nach Hitzfelds erstem Spiel gesagt, „es braucht ein paar Wochen, bis alles einstudiert ist“. Dieser Zeitpunkt ist nun offenbar gekommen. Mark van Bommel lobte die taktische Basisschulung des Trainers, jeder Spieler wisse auf dem Platz, was er zu tun habe: „Er hat das Bewusstsein zurückgebracht, dass wir eine gute Mannschaft sind.“

Inzwischen ist nicht mehr auszuschließen, dass dieses Bewusstsein weiter trägt, als die Bayern selbst noch vor kurzem zu hoffen gewagt hätten. Ob die aktuelle Mannschaft mit der zu vergleichen sei, die 2001 die Champions League gewonnen habe, wurde Hitzfeld nach dem Sieg gegen Real gefragt. „So einen Vergleich kann man anstellen, wenn man mal im Finale ist“, antwortete er. Dass sich der Vergleich verbiete, hat Hitzfeld nicht gesagt.

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