Eisbären-Fanbogen : Kommerz statt Folklore

Das letzte Stück Wellblechpalast in der Nähe der Arena am Ostbahnhof droht zu verschwinden. Für die Fans ist das ein doppeltes Dilemma. Ein Kommentar.

Hotels, Büros und die handelsüblichen Kettenläden: So sieht es inzwischen aus vor der Heimarena der Eisbären Berlin.
Hotels, Büros und die handelsüblichen Kettenläden: So sieht es inzwischen aus vor der Heimarena der Eisbären Berlin.Foto: Thilo Rückeis

Es geht um ein paar rustikale Baucontainer. Sie sind nicht schön, aber wichtig für die Fans der Eisbären, denn sie sind ein Stück Identifikation, das an ihre alte Heimat, den Wellblechpalast in Hohenschönhausen, erinnert. Vor und nach den Heimspielen des Eishockeyklubs sind sie Treffpunkt vor allem der Anhänger aus der Stehkurve, die ein paar hundert Meter weiter in der modernen Riesenarena bei Heimspielen des Klubs ausgefahren wird. Die seit einem Jahrzehnt stehende Halle ist inzwischen von der Umgebung verschluckt, dort ragen Hotels, Büros und die East Side Mall in den Himmel, mit den handelsüblichen Kettenläden. Das kleine Refugium der Eisbären-Fans wirkt am Rande des US-amerikanischen Kommerzareals wie ein Anachronismus. Und es ist kein Wunder, dass diese Insel aufgrund weiterer Baumaßnahmen weichen muss: Im kommenden Jahr sollen die Container und der Fanbogen abgebaut werden. Damit verschwindet das letzte kleine Stück Wellblechpalast in der Nähe der Arena am Ostbahnhof.

Für die Fans der Eisbären ist das ein großes Dilemma, mit ihrer Initiative „#fanbogenbleibt“ kämpfen sie für ihr Refugium. Und hoffen auf Gehör bei Eigner Anschutz. Die Gespräche mit den Eisbären laufen auch schon seit längerem, der Klub weiß durchaus um die Bedeutung seiner Fans und sucht mit ihnen nach einer Lösung. Was in der Eigner-Zentrale in den USA passiert, steht auf einem anderen Blatt: Das US-Unternehmen hat den Klub vor gut 20 Jahren gerettet und ein Jahrzehnt später von Hohenschönhausen in eine neue Arena verpflanzt. Seitdem sich die Kommerztempel nun bis an die Arena herangefressen haben, wirken kultige „Dynamo“- und „Ost-Berlin“-Sprechchöre folkloristisch: Eigner und harter Anhang haben sich auseinander gelebt. Wie sagte ein ehemaliger Trainer der Eisbären mal: „So einem Eigner ist die Großmutter, die teure Sitzplatzkarten erwirbt und ihrem Enkel dazu noch ein Trikot kauft, lieber als ein Fan in der Stehkurve, der sich Dynamo auf die blanke Brust schreibt.“

Zu laut protestieren ist daher auch ein Wagnis: Das Schicksal des Klubs hängt allein an Anschutz und eine ewige Überlebensgarantie seitens des Eigners gibt es nicht. Für den ist Sport vor allem ein Geschäft, wie sich vor drei Jahren in Hamburg zeigte. Da wurden die Freezers trotz einer großen Spendenaktion vom selben Eigentümer abgewickelt. So weit kommt es bei den Eisbären wohl kaum. Aber die Geschichte des Fanbogens zeigt, dass die Anhänger und ihre alten Rituale weggentrifiziert werden. Was nicht mehr passt, wird verdrängt.

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