• Eisbären-Trainer Serge Aubin im Interview: „Viele Leute werden überrascht sein, wie gut unsere Talente sind“

Eisbären-Trainer Serge Aubin im Interview : „Viele Leute werden überrascht sein, wie gut unsere Talente sind“

Der neue Eisbären-Trainer Serge Aubin über Hamburg und Berlin, den Umbruch im Team und den Saisonstart am Freitag gegen Wolfsburg.

Hat gut lachen. Serge Aubin, neuer Cheftrainer bei den Eisbären
Hat gut lachen. Serge Aubin, neuer Cheftrainer bei den EisbärenFoto: Christian Thiel/Imago

Serge Aubin (44), war als Spieler lange in der National Hockey-League engagiert. Für Colorado, Columbus und Atlanta war der Kanadier insgesamt 399 Mal als Center im Einsatz. In Europa spielte Aubin lange in der Schweiz und zum Ende der Karriere in Hamburg. Bei den Hamburg Freezers begann er auch seine Karriere als Trainer, die bisher 2017 ihren Höhepunkt hatte. Mit Wien wurde er Meister in der internationalen Liga Österreichs. Im Mai 2019 wurde er als neuer Cheftrainer der Eisbären vorgestellt, er hat einen Zweijahresvertrag in Berlin.

Herr Aubin, Sie wuchsen in der kanadischen Provinz Quebec auf, genauer gesagt in der Stadt Val d’Or – zu Deutsch „Goldtal“. Haben Sie selbst dort mal nach Gold gesucht und wissen vielleicht, wo man welches findet?
Das wäre schön (lacht). Aber ich habe vor ein paar Jahren mal eine Goldminentour dort gemacht, als Kind war das irgendwie nie ein Thema. Wenn du dann in den Schächten bist, dann merkst du erst, wie glücklich dort sein kannst, mit dem, was du selbst machst.

Um in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) auf Gold zu stoßen, müssen Sie in dieser Saison an Mannheim und München vorbei.
Es ist doch so, dass jeder in diesem Sport gewinnen will. Aber um das zu schaffen, musst du dich um das Hier und Jetzt kümmern. Wenn du zu viel zurückblickst, machst du auch einen Schritt zurück und wenn du zu weit in die Zukunft schaust, verlierst du die Gegenwart aus den Augen. Deshalb denke ich im Moment auch nur an unser Eröffnungsspiel gegen Wolfsburg am Freitag (19.30 Uhr, Arena am Ostbahnhof, d. Red.). Was in Mannheim passiert, interessiert mich nur dann, wenn wir gegen die Adler spielen.

Früher mussten Sie als Spieler und Trainer in Hamburg immer an den Eisbären vorbei. Was meistens schief ging. Ihre Profikarriere endete nach einer Verletzung in einem Spiel gegen Berlin, als sie Coach bei den Freezers waren, hatten die Eisbären stets mehr Erfolg. Und dann wurde der Standort Hamburg vom gemeinsamen Eigentümer Anschütz auch noch abgewickelt, während in Berlin weiter Eishockey gespielt wird. Eigentlich müssten sie die Eisbären deswegen doch hassen?
Nein, ich liebe Berlin. Natürlich war das in Hamburg damals eine schwierige Episode, aber ich hatte dadurch die Gelegenheit, Wien kennen zu lernen. Dort habe ich mit den Vienna Capitals meinen ersten Meistertitel als Coach gewonnen. Deswegen versuche ich immer positiv zu bleiben. Und wenn ich mich an die Spiele in Berlin erinnere, dann war da immer viel Leidenschaft dabei. Allein schon wegen der Fans war es wirklich sehr hart, hier zu spielen. Und genau das ist das, was wir jetzt auch schaffen wollen: Erfolg haben, nicht nur für uns, sondern für die Fans.

Bei den Freezers wurde von den Fans bei Spielen gegen die Eisbären immer gesungen: Hamburg ist viel schöner als Berlin. Stimmt das?
Ach was, das ist alles Vergangenheit. Ich bin einfach sehr glücklich, jetzt in Berlin zu sein. Als wir zuletzt unser Testspiel im Wellblechpalast hatten, war das einfach ein großartiges Gefühl. Ich hatte ja selbst nie die Gelegenheit, dort ein Spiel zu bestreiten. Dass wir so viel Unterstützung bekommen, sollte uns dankbar machen. Auch deswegen kann ich den Saisonstart am Freitag kaum erwarten.

Fühlen Sie sich schon in Berlin zuhause? Was gefällt Ihnen besonders gut und was ist vielleicht auch weniger schön?
Ich bin jetzt seit dem 1. Juli hier. Ein paar Fahrradtouren habe ich schon gemacht, sogar bis nach Potsdam raus. Natürlich habe ich mir Berlin schon angeschaut. Die ganze Stadt ist einfach großartig. Ich hoffe, dass ich noch viel Zeit haben werde, mehr davon zu sehen.

Sie haben schon in Hamburg mit Stephane Richer zusammengearbeitet. War er der Hauptgrund für Ihr Engagement jetzt in Berlin?
Ich wäre auch nach Berlin gekommen, wenn Stephane nicht in dieser Position bei den Eisbären wäre. Ganz sicher. Hier gibt es ein so große Eishockey-Begeisterung. Das ist einfach eine tolle Gelegenheit für mich und Sie können mir glauben, dass ich alles geben werde für den Klub.

Aber durch die Umstände der Verpflichtung lastet natürlich auch mehr Druck auf Ihnen.
Druck ist, wenn Du im Krankenhaus um Dein Leben kämpfst oder nicht genug Lebensmittel hast, um Deine Kinder zu ernähren. Wir können uns glücklich schätzen, das tun zu können, was wir tun. Natürlich ist es in unserem Sport nicht immer leicht. Aber ich mache das jetzt schon so lange und wenn wir jeden Tag alles geben, dann werden die Leute das auch erkennen.

Viele Fans haben Ihr Engagement gerade wegen Ihrer Beziehung zu Richer kritisch gesehen, die Rede war von Vetternwirtschaft. Können Sie das nachvollziehen?
Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, was hier in der vergangenen Saison passiert ist. Ich schaue sowieso nur nach vorne und kümmere mich um die Mannschaft. Darauf liegt mein Fokus und das war bei mir schon immer so.

Richer freute sich gerade erst darüber, dass das Eisbären-Team ein Jahr jünger sei als im Vorjahr. Da ist natürlich Lukas Reichel…
Er hat großartige Fähigkeiten. Ohne Zweifel. Unsere Aufgabe ist es, dass er lernt, sie gewinnbringend einzusetzen. Aber er ist noch sehr jung (17, die Red.). Trotzdem ist es wie beim Schwimmen lernen: Irgendwann musst du ins Becken steigen. Wenn er es dann in die NHL schafft – gut für ihn. Die NHL ist das ultimative Ziel jedes Spielers.

Auf welche anderen jungen Spieler sollte man in dieser Saison bei den Eisbären achten?
Da ist Fabian Dietz, der in Unterzahl eingesetzt werden kann und ein sehr gutes Spielverständnis mitbringt. Wir haben Sebastian Streu, der enorm schnell ist und auf vielen Positionen spielen kann. Für uns ist es wichtig, solche Optionen zu haben. Auch damit die älteren Spieler wissen, dass sie an ihre Leistungsgrenzen gehen müssen. Für mich ist es egal, wie alt jemand ist oder wo er herkommt. Wichtig ist, dass wir Wege finden, ein Spiel zu gewinnen.

Sie sollen auf der einen Seite mit dem Team möglichst oben mitspielen, auf der anderen den Umbruch voranbringen. Kann das überhaupt funktionieren?
Ich sehe das als große Herausforderung. Die Jungen sind in gewisser Weise wie Schwämme, sie saugen alle Informationen auf, um besser zu werden. Natürlich braucht es immer auch Erfahrung, aber die kannst du dir nur auf dem Eis holen. Meine Aufgabe ist es, die jungen Spieler vernünftig einzusetzen, schließlich sollen sie ja auch ihr Selbstvertrauen nicht verlieren. Aber viele Leute werden überrascht sein, wie gut unsere Talente sind. Trotzdem steht der Erfolg über allem, daran werde ich gemessen. Wenn uns die jungen Spieler dabei nicht helfen, werden sie auch nicht spielen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es eine lange Saison ist. Das Wichtigste ist, dass wir gesund bleiben.

In der Vorbereitung fiel auf, dass Sie körperbetonter spielen lassen, sehr aggressives Forechecking bevorzugen. Ist das der Stil, der Ihnen mit dem Team vorschwebt?
In erster Linie wollen wir clever spielen. Ich möchte keine Spieler sehen, die auf dem Eis herumraten. Dafür muss ich Sorge tragen. Es stimmt, dass wir versuchen, aggressiver zu spielen. Der Gegner soll merken, dass er hart kämpfen muss, um uns zu schlagen. Ich gebe den Spielern viele Freiheiten, aber wir dürfen dabei nicht die Struktur verlieren.

Die Testspiele waren durchwachsen. Schauen Sie eher auf die Niederlagen zu Beginn oder die Siege zum Schluss?
Auf beides. Wenn du auch mal Widrigkeiten überwindest, kann das helfen. Und mir war auch klar, dass nicht immer Eitel Sonnenschein herrschen würde. Das ist alles ein Prozess, der mal länger dauert oder auch mal schneller geht. Deswegen war ich auch nicht überrascht von den Niederlagen. Wichtig ist, dass Du daraus die richtigen Schlüsse ziehst. Nur wenn wir alle an einem Strang ziehen, werden wir als Team stärker. Und das haben die Spieler zuletzt auch gesehen.

Wie stark sind die Eisbären denn? Der letzte Titelgewinn gelang 2013. Da wäre es doch mal wieder Zeit…
Ich gehe in jede Saison mit dem Ziel, das letzte Spiel zu gewinnen.

Dann wären Sie Meister.
Ja, aber es gibt immer nur einen Gewinner. Für uns gilt es, unsere Leistung Tag für Tag zu bringen. Nur so erreichst du deine Ziele.

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