Eishockey-WM : DEB-Team zwischen Hoffnung und Abstieg

Das deutsche Team muss in Dänemark auf viele Olympia-Helden verzichten. Der Fehlstart hängt aber auch mit einer Fehleinschätzung von Trainer Marco Sturm zusammen.

Krabbelgruppe. Bernhard Ebner (r.) und das junge deutsche Team.
Krabbelgruppe. Bernhard Ebner (r.) und das junge deutsche Team.Foto: Petr David Josek/AP/dpa

Herning ist in diesen Tagen aus dem Gleichgewicht geraten. Nicht, dass sich die meisten Einwohner in der 50 000 Einwohner zählenden dänischen Kleinstadt in Jütland daran stören würden. Die vielen Besucher aus halb Europa bringen Geld und ein wenig internationale Aufmerksamkeit. Mit sogenannten „Pop-up-Bars“ versuchen die Gastronomen in der Fußgängerzone den Ansturm aufzufangen. Die Kapazitäten mussten hochgeschraubt werden, in einer Kleinstadt, die 48 Taxi-Lizenzen vergeben hat. Die Eishockey-Weltmeisterschaft ist ein gutes Geschäft für Herning, zur Zeit kleine Sporthauptstadt Dänemarks. 8378 Fußball-Fans sahen am Montag den FC Midtjylland ohne seinen unzufriedenen Star Rafael van der Vaart 2:1 gegen Nordsjaelland in der Superligaen siegen, gleich nebenan in der Boxen Arena waren 10.301 Zuschauer beim Eishockey-Spiel USA gegen Deutschland. An einem Montagnachmittag.

Die deutsche Mannschaft kann sich also in Herning nicht über zu wenig Aufmerksamkeit beklagen. Aber das ist kein Trost für eine Nation, die bei der WM mit dem Ziel Viertelfinale angetreten ist und nach drei Vorrundenspielen mit nur zwei Punkten weit davon entfernt ist. Dass das Team von Marco Sturm beim 0:3 gegen die starken US-Amerikaner seine beste Turnierleistung zeigte, war nicht so überraschend, denn mit den Großen des Eishockeys können die Deutschen oft mithalten, wogegen es ihnen häufig schwer fällt, gegen die schwächeren Nationen zu überzeugen. Und: Nach dem Gewinn der olympischen Silbermedaille sind sie nun in einer neuen Rolle. Die Konkurrenz ist besonders motiviert gegen den neuen Weltranglistensiebten. Der ist im Vergleich zu den Winterspielen personell schwächer aufgestellt, während andere unter den 16 Nationen deutlich besser aufgestellt sind beim WM-Turnier, in dem die Hälfte aller Spieler Erfahrung aus der National Hockey-League (NHL) mitbringt.

Die Torwartfrage

Bundestrainer Marco Sturm sagte nach der Niederlage gegen die Amerikaner: „Wir sind jetzt leider in einer Situation, in der wir nicht sein wollten. Aber die Spieler, die hier sind, die sind unsere Zukunft.“ Bei den Olympischen Spielen war die deutsche Mannschaft die älteste im Turnier, bei der WM ist sie eine der jüngsten Mannschaften. Doch so ein Neuaufbau in einer Nationalmannschaft ist eine in sich widersprüchliche Angelegenheit. Junge Spieler sollten zunächst in ihren Klubs Erfahrung sammeln, in einer Auswahlmannschaft sollten die Besten spielen – denn so ein Team ist ja kein kontinuierliches, sondern wird Jahr für ein Jahr eben für die zweieinhalb Wochen WM oder alle vier Jahre für Olympia zusammengestellt.

Das Problem mit den vielen Absagen für das deutsche Nationalteam ist hinlänglich bekannt und der Bundestrainer hat ja schon durchblicken lassen, dass er „vor ein paar Wochen nicht damit gerechnet“ habe, mit der aktuellen Besetzung die WM spielen zu dürfen. Das erklärt den holprigen Start in das Turnier von Dänemark aber nicht allein, da gab es auch eine Fehleinschätzung Sturms: Timo Pielmeier zeigte sich beim 2:3 gegen Dänemark nach Penaltyschießen überfordert. Trotzdem durfte der Mann vom ERC Ingolstadt gegen Norwegen (4:5 nach Penaltyschießen) wieder im Tor wanken. Warum er Niklas Treutle erst gegen die USA ins Tor stellte, wollte der Trainer nicht ausführen. In jedem Fall überzeugte der Nürnberger Torwart und „gab der Mannschaft sogar die Chance, das Spiel zu gewinnen“, wie Sturm sagte.

Am Mittwoch gegen Südkorea (16.15 Uhr, live auf Sport 1) wird Treutle wieder im Tor stehen. Das Spiel gegen den Außenseiter müssen die Deutschen gewinnen, um noch eine Minimalchance auf das Weiterkommen zu wahren und sich nicht mit dem düsteren Thema Abstieg beschäftigen zu müssen. Aber an Letzteres denken sie nicht, sagt Kapitän Dennis Seidenberg von den New York Islanders. „Wir schauen nicht auf die Tabelle. Wenn wir schlau spielen, dann holen wir auch Punkte.“ Wäre besser, denn sonst geht es kommende Woche von Herning aus zurück nach Deutschland für Sturms Mannschaft. Und nicht zum Viertelfinale nach Kopenhagen – wo sie mit dem Besucheransturm bei der WM natürlich infrastrukturell in diesen Tagen weit weniger gefordert sind als in Herning.

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