EM-Bilanz der deutschen Leichtathleten : Dem Himmel so nah

Die deutschen Leichtathleten überzeugen und sehen sich auf einem guten Weg in Richtung Olympia.

Die deutsche 4x100-Meter-Staffel der Frauen sprintete zur Bronzemedaille. Auch insgesamt zeigten die deutschen Athletinnen starke Leistungen.
Die deutsche 4x100-Meter-Staffel der Frauen sprintete zur Bronzemedaille. Auch insgesamt zeigten die deutschen Athletinnen starke...Foto: AFP

Der ehemalige Hürdensprinter Idriss Gonschinska vertritt eine im Spitzensport nicht unbedingt vorherrschende Philosophie. „Ich mag den Begriff Druck nicht“, sagte der Cheftrainer der deutschen Leichtathleten am Wochenende. Dieser Satz ist erstaunlich in einer Welt, in der es um Zeiten, Weiten und Medaillen geht. „Wichtiger ist“, sagte Gonschinska, „in den Flow zu kommen.“ Dann könne Großes erreicht werden. Nicht aber durch Druck.

Gonschinska war sehr zufrieden mit diesen Europameisterschaften. Schließlich hatte er viele Flowmomente beobachtet. Beim Hochspringer Mateusz Przybylko etwa, der zusammen mit dem Publikum, wie er sagte, den Wettkampf seines Lebens absolvierte. Przybylko hatte bis zum Titelgewinn keinen Fehlversuch, holte Gold und sagte anschließend: „Ich war dem Himmel nah.“ Das waren schöne Worte eines glücklichen Athleten, der ein wenig stellvertretend stand für den Auftritt der Mannschaft des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV).

Am Ende sprangen für die DLV-Athleten 19 Medaillen (6 Gold/7 Silber/6 Bronze) heraus. So erfolgreich waren sie seit den Heim-Europameisterschaften 2002 in München nicht mehr. Auch gab es bei der EM im Berliner Olympiastadion keine andere Nation, die mehr Medaillen gewann als Deutschland. Was auffiel: Besonders die deutschen Frauen rissen es heraus, 13 von 19 Medaillen gewannen die Athletinnen. Der letzte Abend zeigte die neue Dominanz der Frauen in der Spitze der deutschen Leichtathletik in zugespitzter Form auf: Während die Männer in der 4x100-Meter-Staffel stürzten und ausschieden, sprinteten die Frauen im Finale auf den dritten Platz. Und dann war da am Sonntagabend noch die Hindernisläuferin Gesa Felicitas Krause, die ein abgezocktes Rennen lief und die sechste Goldmedaille für Deutschland holte.

Die neuen Gesichter

Krause sowie die Sprinterin Gina Lückenkemper sind die neuen Gesichter der deutschen Leichtathletik. Sie kamen zur rechten Zeit. Denn Robert Harting bestritt in Berlin seinen letzten internationalen Wettkampf. Harting verabschiedete sich mit einem ordentlichen Auftritt von der großen Bühne des Sports und wurde Sechster. „Jetzt sind andere dran“, sagte er. Sein Bruder Christoph war es in Berlin allerdings nicht. Der 27-Jährige glaubt, dass er irgendwann mal 80 Meter werfen kann und sagte bei den Europameisterschaften, dass er normal 63 Meter aus dem Stand werfen könne. Das hätte er vielleicht versuchen sollen. So aber warf er den Diskus in der Qualifikation drei Mal ins Fangnetz und schied aus.

„Trotz des tollen Abschneidens in Berlin gab es natürlich auch einige Rückschläge, die es aufzuarbeiten gilt“, sagte Gonschinska und dürfte hierbei wahrscheinlich auch Christoph Harting gemeint haben. „Dennoch haben wir mit dem Ergebnis eine gute Ausgangsposition auf dem Weg zu den Olympischen Spielen nach Tokio 2020 erreicht“, bilanzierte Gonschinska.

Im Medaillenspiegel landeten die Deutschen am Ende auf dem dritten Platz, weil die Briten und die Polen jeweils eine Goldmedaille mehr als Deutschland gewonnen hatten.

Dina Asher-Smith überragend

Die überragende Athletin war die britische Sprinterin Dina Asher-Smith. Die 22-Jährige siegte über 100 und 200 Meter jeweils in Landesrekord. Am Sonntagabend lief sie auch noch als Schlussläuferin der 4x100-Meter-Staffel als Erste durchs Ziel und gewann ihre dritte EM-Goldmedaille.

Die Polen sind neben den Briten und den Deutschen ohnehin inzwischen eine Leichtathletik-Nation. Bei den Europameisterschaften vor zwei Jahren in Amsterdam landeten sie im Medaillenspiegel vorne. Dieses Mal waren die Briten um eine Silber- und ein paar Bronzemedaillen besser. So waren die Wettkämpfe in Berlin auch ein wenig in polnischer Hand. Viele Fans aus Polen waren an den Tagen von Berlin im Olympiastadion und sorgten ihrerseits dafür, dass bei ihren Athleten vieles im Flow war.

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