EM in Berlin : Frank Busemann: "Die Leichtathletik muss sich verändern"

Der frühere Zehnkämpfer Frank Busemann spricht im Interview über den Kampf um Aufmerksamkeit in seinem Sport und die großen Erwartungen an die EM.

Eine mit Geschichte. Gesa Felicitas Krause stürzte bei der WM in London, rannte sich aber in die Herzen der Fans.
Eine mit Geschichte. Gesa Felicitas Krause stürzte bei der WM in London, rannte sich aber in die Herzen der Fans.Foto: Rainer Jensen/dpa

Herr Busemann, vor 22 Jahren, als Sie bei Olympia in Atlanta die Silbermedaille gewannen, entstand ein richtiger Hype um Sie. Wenn an diesem Montag die Leichtathletik-EM in Berlin beginnt, ist dann so viel Ruhm noch möglich für die Leichtathleten?

Grundsätzlich ja. Aber die Plattform Olympia ist schon noch eine andere als eine EM oder sogar WM. Michael Schrader zum Beispiel wurde 2013 Vizeweltmeister im Zehnkampf. Das war im Grunde die gleiche Leistung wie ich sie erbracht habe. Michael hat mir aber mal erzählt: "Frank, auf der Straße erkennt mich niemand."

Dann ist die Bühne Europameisterschaft erst recht zu klein?

Das bleibt abzuwarten. Die Voraussetzungen für deutsche Sportler, bei der EM in Berlin große Aufmerksamkeit zu erfahren, sind super. Im eigenen Land wird der Fokus sicher ein anderer sein als bei der EM vor zwei Jahren in Amsterdam. In Berlin werden neue Maßstäbe für eine EM gesetzt, mit einem tollen Rahmenprogramm auch rund um die Veranstaltung. Ich habe 1993 als Zuschauer die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Stuttgart erlebt. Das war prägend für mich und hat mir gezeigt, dass sich die Deutschen sehr für die Leichtathletik begeistern können.

Was muss ein Athlet mitbringen, damit er auf der Straße erkannt wird?

Neben der Leistung muss ein Athlet auch etwas zu erzählen haben. Manchmal ist die Geschichte fast wichtiger als die Leistung. Nehmen wir zum Beispiel die Hindernisläuferin Gesa Felicitas Krause. Sie wurde bei der WM im vergangenen Jahr nur Neunte, weil sie stürzte. Durch ihren sympathischen und höchst emotionalen Umgang mit dem Scheitern hat sie aber viele Herzen gewonnen.

Und inwiefern können die Veranstalter dazu beitragen, dass die Leichtathletik wieder größer wird?

Es tut sich ja schon sehr viel. Das sieht man gerade in der Hauptstadt mit Veranstaltungen wie „Berlin fliegt“ am Brandenburger Tor oder nun mit der EM, bei der zum Beispiel die Qualifikation im Kugelstoßen am Breitscheidplatz stattfindet. Die Leichtathletik sucht den direkten Kontakt zu den Menschen. Das ist gut. Man spürt schon, dass die EM-Organisatoren das Produkt Leichtathletik auf ein neues Eventlevel heben wollen.

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Robert Harting als Kunstwerk - Lichtprojektion in Berlin
Robert Harting als Kunstwerk - Lichtprojektion in Berlin

Vor nicht allzu langer Zeit hat Robert Harting ein Leichtathletik-Meeting im Freizeitpark Tropical Islands vorgeschlagen. Besteht nicht die Gefahr, dass zu viel Event auch zum Klamauk verkommen kann?

Die Leichtathletik muss sich verändern, sie muss sich gegen den Fußball positionieren mit neuen Konzepten. Der reißt die Massen mit und für die anderen wird es zunehmend schwer. Deswegen sind neue Ideen grundsätzlich gut. Das Problem der Leichtathletik ist leider, dass zu sehr auf Zahlen und Zeiten geschaut wird.

Wie meinen Sie das?

Das Hauptereignis ist, permanent schnelle Zeiten zu laufen oder weite Weiten zu erzielen. Das geht aber nicht. Leichtathleten arbeiten in bestimmten Zeitabschnitten: Vorbereitung, Wettkämpfe, Rehabilitation und so weiter. Periodisierung nennt man das. Das heißt, Top-Leistungen sind nur in sehr begrenzten Zeiträumen möglich. Beim Fußball aber findet zum Beispiel wie jüngst eine Weltmeisterschaft statt, bei der im Grunde 300 Spieler nichts mehr drauf haben, weil die Saison lang war. Das Interesse ist trotzdem hoch, weil das Spiel nicht von absoluten Leistungsparametern abhängig ist. Wenn in der Leichtathletik ein Sprinter aber eine 10,25 läuft, heißt es dann: 10,25 – das ist nix, weil die anderen im direkten oder sogar indirekten Vergleich schneller sind.

Usain Bolt hat seine Karriere beendet, Robert Harting hört nach dieser Saison auf. Braucht es neue Stars?

Ja, unbedingt. Wenn 50 000 Menschen im Stadion Usain Bolt anfeuern und seinen Namen rufen, dann hat das eine Strahlkraft. Bolt weckte Gefühle und Emotionen, weil er mehr konnte als geradeaus laufen. Er ist ein Charakter, so wie auch Robert Harting ein Charakter ist. Solche Typen elektrisieren die Massen und sind nicht so schnell reproduzierbar. Auf der anderen Seite ist das Karriereende solcher Überfiguren immer auch die Chance für neue Gesichter. Die EM kann hoffentlich neue Gesichter der Leichtathletik produzieren.

Weil die Leichtathletik auch für den Zulauf in der Breite solche Gesichter braucht?

Stars schaden sicherlich nicht, um Nachwuchssportler für die Leichtathletik zu begeistern. Man muss klar feststellen, dass die Vereine früher schon voller waren. Ich sehe das ja selbst in meinem direkten Umfeld. Bei den Westfalenmeisterschaften gab es früher noch Vorläufe und Zwischenläufe. Inzwischen muss man froh sein, wenn man acht Athleten für den Endlauf zusammenbekommt. Das ist eine bittere Entwicklung.

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