EM-Qualifikation : Deutschlands Handballer sind zurück im Alltag

Nach der Heim-Weltmeisterschaft wird es für Deutschlands Handballer in der EM-Qualifikation wieder ernst. Es wartet ein Doppelpack gegen die Polen.

WM war gestern. Für Bundestrainer Christian Prokop geht es in dieser Woche um die Qualifikation für die Europameisterschaft 2020.
WM war gestern. Für Bundestrainer Christian Prokop geht es in dieser Woche um die Qualifikation für die Europameisterschaft 2020.Foto: dpa

Als Handball-Bundestrainer ist Christian Prokop von Amts wegen zur Neutralität verpflichtet, Sympathie oder Antipathie sollte er nicht öffentlich äußern. Am Wochenende hat sich dieses Unterfangen für ihn allerdings schwierig gestaltet: Vor dem Pokalfinale zwischen dem SC Magdeburg und dem THW Kiel wurde Prokop gefragt, ob er einen Favoriten habe. „Natürlich nicht“, antwortete der Bundestrainer, aber er könne gut damit leben, wenn der SCM das Endspiel für sich entscheide.

Prokops Beweggründe dafür waren nachvollziehbar – weil die Magdeburger nur einen deutschen Nationalspieler beschäftigen und die Kieler derer vier. Und weil natürlich der Gedanke nahe lag, dass der siegreiche Finalist dem Pokaltriumph eine zünftige Feier folgen lässt, bevor am Montag die Länderspielwoche beginnt. Handballern wird nach großen Siegen ja eine gewisse Trinkfestigkeit nachgesagt.

"Wir müssen jetzt liefern"

Prokops Sorgen sollten sich als unbegründet erweisen. Womöglich waren die vier Kieler – namentlich Steffen Weinhold, Patrick Wiencek, Hendrik Pekeler und Andreas Wolff – am Montagnachmittag noch nicht komplett ausgenüchtert nach ihrem Pokalsieg. Negativ aufgefallen ist beim Besuch im Bundeskanzleramt aber glücklicherweise niemand. Gut zwei Monate nach der Heimweltmeisterschaft empfing Angela Merkel das Nationalteam und lobte die Beteiligten für ihre mitreißenden Auftritte, die im Januar Millionen Menschen verfolgt hatten. „Es war ein tolles Erlebnis für jeden Sportler, das Interesse zu spüren“, sagte Prokop.

Ab Dienstag steht der Blick in den Rückspiegel nun gewissermaßen auf dem Index für die Handball-Nationalspieler. Was sich im Januar abgespielt hat, ist spätestens mit dem Besuch bei der Kanzlerin endgültig Geschichte. Die Konzentration im Alltag soll wieder ausschließlich sportlichen Belangen gelten – und die nächsten Aufgaben sind anspruchsvoll: Am Mittwoch tritt die DHB-Auswahl in der EM-Qualifikation in Gleiwitz gegen Polen an (18 Uhr, live in der ARD), am Samstag kommt es in Halle/Westfalen zum Rückspiel gegen den stärksten Gruppengegner (14 Uhr, live im ZDF). Mit zwei Siegen könnten sich die Deutschen bereits sicher für das Kontinentalturnier qualifizieren, das diesen Namen diesmal wirklich verdient: 2020 wird die Europameisterschaft zum ersten Mal in drei Ländern ausgetragen, nämlich in Norwegen, Schweden und Österreich.

Reichmann erhält zweite Chance

„Wir müssen jetzt einfach liefern“, fordert DHB-Vizepräsident Bob Hanning vor dem Doppelspieltag gegen die Polen. Bei den ersten Pflichtterminen seit der WM soll es Team Germany nicht so locker-flockig angehen lassen wie etwa zuletzt im Test gegen die international eher zweitklassige Schweiz, der Anfang März mit 27:29 verloren ging. Im Gegensatz zu diesem Spiel hat Prokop bis auf Finn Lemke nun wieder alle Spieler dabei, die zum ersten Aufgebot gehören. Auch Kapitän Uwe Gensheimer kehrt nach einer auskurierten Verletzung zurück.

Selbst Rechtsaußen Tobias Reichmann darf sich offenbar wieder Hoffnungen machen, für das Nationalteam nominiert zu werden. „Das Tischtuch ist keineswegs zerschnitten“, hat Prokop dieser Tage in einem Interview mit den „Stuttgarter Nachrichten“ gesagt. „Wenn er fit ist und im Verein Leistung bringt, bekommt er wieder eine Chance.“ Reichmann hatte während der WM für Schlagzeilen gesorgt, weil er nach seiner Streichung aus dem 16er Kader in den Urlaub geflogen war, obwohl durchaus die Chance bestanden hätte, ihn nachzunominieren. Im Moment ist Reichmann ohnehin verletzt. So oder so „ist es unser Anspruch, beide Spiele gegen Polen zu gewinnen“, sagt Prokop. Für alle Beteiligten sei das vor allem eine mentale Herausforderung, glaubt der Bundestrainer. „Nach dem Pokalfinale, dem Besuch bei der Bundeskanzlerin und der Reise nach Gleiwitz müssen wir uns innerhalb von 48 Stunden bestmöglich einstellen und mit hoher Leidenschaft spielen“, sagt Prokop.

Wenn dem Nationalteam das gelingt, werden sie dem Bundestrainer vermutlich selbst in Kiel seinen Wunsch für den Ausgang des Pokalfinals nachsehen.

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