Englischer Trainer bei der Frauen-WM : Die Wandlung des Phil Neville

Phil Neville hat sich bei der WM als Trainer der englischen Frauen Respekt verschafft. Dabei kam seine Berufung noch als schlechter Witz daher.

Gentleman. Phil Neville hat es mit der englischen Frauen-Nationalmannschaft bei der WM weit geschafft.
Gentleman. Phil Neville hat es mit der englischen Frauen-Nationalmannschaft bei der WM weit geschafft.Foto: Phil Noble/Reuters

Phil John Neville sah aus wie ein Gentleman. Hellblaues Hemd, Krawatte, dunkelblaues Sakko. Doch so nett wie er gekleidet war, wollte sich Neville nicht geben. Eher das Gegenteil schien der Fall. Der 42 Jahre alte Coach des englischen Teams, das bei der Fußball-WM der Frauen in Frankreich zu den Mitfavoriten zählt, hatte vor dem Viertelfinale gegen Norwegen (3:0) die Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Grund dafür war seine drastische Wortwahl. „Ich schäme mich zutiefst für unseren Gegner“, sagte er über die kamerunische Auswahl, die im WM-Achtelfinale kurz davor gewesen war, das Spiel per Streik zu beenden. Insgesamt 18 Minuten betrug deshalb die Nachspielzeit. So hart wie Neville die Kamerunerinnen anging, so fühlten sich die vom Videoassistenten betrogen. Englands 3:0-Sieg geriet zur Randnotiz.

„Das Ganze hatte nichts mit Fußball zu tun. Das war eines WM-Achtelfinals nicht würdig. Meine Spielerinnen und ich konnten die Partie nicht genießen“, klagte Neville. „Das Spiel wurde weltweit übertragen. Alle jungen Fußballerinnen auf dem Planeten konnten dieses Verhalten sehen“, fügte er an. Ausgerechnet Neville, mag sich da so mancher gedacht haben.

Wenn die Einstellung eines Fußballtrainers bei England streng an einen Verhaltenskodex geknüpft wäre, hätte Neville so große Chancen gehabt wie Lothar Matthäus auf einen Posten bei den Bayern. Denn Neville ist in der Vergangenheit durch sexistische Beleidigungen aufgefallen, sodass seine Berufung zum Nationaltrainer der Frauen im Januar 2018 wie ein schlechter Witz daherkam.

Zeit heilt Phil Nevilles Geist

Er hatte sich über Gewalt gegen Frauen lustig gemacht und getwittert, dass Frauen Heuchlerinnen seien, wenn sie sich für Gleichberechtigung einsetzen würden. Zudem hätten sie sich morgens um Frühstück und Kinder zu kümmern. Doch die Zeit heilt offenbar nicht nur Wunden, sondern auch den Geist. Sechs Jahre lagen zwischen Nevilles wüsten Auslassungen und dem Antritt als Nationalcoach. Eine reumütig klingende Entschuldigung, wonach die Aussagen „nicht den wahren Charakter“ Nevilles widergespiegelt hätten, reichte dem Verband. Zumal Nevilles Ehefrau ihn als „liebenswürdigen Ehemann“ bezeichnete.

Geholfen hat Neville sicher auch seine erfolgreiche Karriere als Spieler. Er war Teil der legendären Alex-Ferguson-Ära, in der sie bei Manchester United die Pokale wie Briefmarken sammelten. Scholes, Beckham, Giggs, ein paar andere Stars und eben Phil und sein Bruder Gary Neville – das galt als die DNA von ManU. Für den besseren Spieler hielten Experten stets Gary Neville, die Pokale nahm Phil Neville trotzdem alle mit. Champions-League-Sieger 1999 – die Bayern werden sich erinnern –, sechs Premier-League-Titel und drei FA-Cup-Siege sind eine stolze Bilanz.

Redebedarf. Phil Nevilles Umgang mit Frauen wurde in der Vergangenheit noch kritisiert.
Redebedarf. Phil Nevilles Umgang mit Frauen wurde in der Vergangenheit noch kritisiert.Foto: Phil Noble/Reuters

Nun will er mit dem englischen Frauenteam schaffen, was ihm als Spieler stets verwehrt blieb: die WM gewinnen. Ein erster Schritt ist getan, denn Neville nimmt an dieser WM schon einmal teil. Als Spieler wurde er nie nominiert. Englands Spielerinnen kommen bislang gut mit ihm aus. „Er kümmert sich um einen, interessiert sich wie du als Mensch tickst“, sagte Kapitänin Steph Houghton der „New York Times“. Keira Walsh, wie einst Neville bei Manchester United unter Vertrag, bescheinigt ihm einen „trockenen Humor“. All das führe dazu, dass man für diesen Trainer aufs Feld laufe und für ihn gute Arbeit abliefern wolle, findet Jill Scott.

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Diese Weltmeisterschaft ist Nevilles erster Job als hauptverantwortlicher Trainer, seine Spielerinnen stellen ihm ein gutes Zeugnis aus. Er höre Meinungen, fordere den Austausch und halte auch regelmäßig Kontakt, wenn seine Spielerinnen bei den Klubs sind. Es scheint so, dass Phil Neville einige Dinge aus früherer Vergangenheit wirklich bereut hat.

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