Sport : Es war Mord

Pakistans Krickettrainer Bob Woolmer starb eines gewaltsamen Todes – war es die Wettmafia?

Markus Hesselmann[London]

Kricket versteht in Deutschland kein Mensch. Wir Deutschen wissen vielleicht noch, dass Kricket als Spiel der Gentlemen gilt und dass ältere Engländer „that’s not cricket“ sagen, wenn sie etwas als ungehörig empfinden. Doch längst ist auch Kricket ein Spiel der Skandale. Immer wieder hatte es in jüngster Zeit in dem einstmals blütenweißen Sport Vorwürfe wegen Schiebung, Betrugs oder Dopings gegeben. Das alles klingt noch vergleichsweise harmlos und kommt in den besten Sportarten vor. Doch gestern erschütterte eine unglaubliche Nachricht die Welt des Kricket, die sich von Australien über Indien, Südafrika und Großbritannien bis in die Karibik erstreckt. „Es war Mord“, schrieb der seriöse Londoner „Guardian“ auf Seite eins über seine Titelgeschichte. Bob Woolmer, der englische Trainer der pakistanischen Mannschaft, ist während der Kricket-WM in Jamaika umgebracht worden. Sofort machten Gerüchte über eine Verwicklung der Wettmafia die Runde – über Betrug und Korruption, und dass Bob Woolmer darüber hatte öffentlich sprechen wollen.

„Wir hatten Probleme mit Betrug“, sagte Malcolm Speed, der Chef des Internationalen Kricket-Verbands (ICC) zu den Gerüchten. „Aber ich glaube, dass wir das unter Kontrolle bekommen haben, obwohl im Kricket sehr hohe Summen gewettet werden.“ Im ICC gibt es eine eigene Abteilung zum Kampf gegen Wettbetrug. Die „anti corruption unit“ schaltete sich nun auch in die Ermittlungen zu Woolmers Tod ein.

Die jamaikanische Polizei untersucht den Fall unter anderem auch in diese Richtung. Die Verwicklung der Wettmafia sei nicht ausgeschlossen, sagte Mark Shields, der die Ermittlungen leitet, dem „Guardian“. Gegen einen Raubmord spreche, dass vom Tatort, aus Woolmers Hotelzimmer, nichts entwendet worden sei, hieß es. Die Polizei fand kaum Spuren eines Kampfes. Es gebe noch keine Tatverdächtigen, teilten die Ermittler gestern mit. Die Polizei vernahm sämtliche Spieler und Betreuer der pakistanischen Mannschaft als Zeugen. Als Routinemaßnahme, wie es hieß, mussten die Sportler und Funktionäre auch ihre Fingerabdrücke abgeben. Alle hätten ihre Bereitschaft geäußert, mit den Ermittlern zusammenzuarbeiten und durften daraufhin zurück in ihre Heimat fliegen.

Das Turnier wird fortgesetzt. Der Kricket-Chef fand kernige Worte. „Dies ist nicht das erste Mal, dass eine Tragödie ein Sportereignis überschattet“, sagte Malcolm Speed. „Wir müssen beweisen, dass wir stark genug sind, um weiterzumachen nach allem was passiert ist.“ Kricket dürfe sich nicht durch eine feige, kriminelle Tat abschrecken lassen.

Pakistan war einer der Favoriten im WM-Turnier, das noch bis zum 28. April auf verschiedenen karibischen Inseln stattfindet. Doch nach zwei Niederlagen gegen die Gastgeber „West Indies“ und Außenseiter Irland war Bob Woolmers Team frühzeitig ausgeschieden. Einen Tag nach der überraschenden Niederlage gegen Irland wurde Woolmer tot in seinem Hotelzimmer gefunden. Von Herzversagen durch akuten Stress bis hin zu Selbstmord erstreckten sich die Spekulationen über den Grund für den plötzlichen Tod des Kricket-Coaches.

Tod durch Ersticken nach manueller Strangulierung lautete nun die offizielle Todesursache, die Jamaikas Polizei nach der Autopsie bekannt gab. Bob Woolmer verkörperte die tiefe Verwurzelung des Krickets in der britischen Kolonialgeschichte. Geboren wurde er 1948 in Indien als Sohn eines britischen Kolonialbeamten, der auch ein angesehener Kricketspieler war. Aufgewachsen ist Woolmer in der südenglischen Grafschaft Kent. Als Spieler für England nahm er an einer umstrittenen Tour ins politisch und sportlich isolierte Südafrika der Apartheidzeit teil. Als Coach arbeitete er in England, Südafrika, wo er lange Zeit auch lebte, und schließlich in Pakistan. Nach dieser Weltmeisterschaft wollte sich Bob Woolmer von seinem Posten zurückziehen.

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