Fabian Lustenberger im Interview : „Ich mache mir keine Sorgen um Hertha BSC“

Fabian Lustenberger hat zwölf Jahre für Hertha BSC gespielt. Im Interview spricht er über seinen Ex-Klub, den Start bei Young Boys Bern und seine Sangeskünste.

Gelb-Schwarz statt Blau-Weiß. Fabian Lustenberger ist im Sommer 2019 von Hertha BSC zum Schweizer Meister Young Boys Bern gewechselt.
Gelb-Schwarz statt Blau-Weiß. Fabian Lustenberger ist im Sommer 2019 von Hertha BSC zum Schweizer Meister Young Boys Bern...Foto: imago images/Geisser

Fabian Lustenberger, 31, hat von 2007 bis 2019 für Hertha BSC gespielt. Im vergangenen Sommer ist der Schweizer in seine Heimat zurückgekehrt. Beim Meister Young Boys Bern hat er einen Dreijahresvertrag mit einer Option auf eine weitere Saison unterschrieben. Im Interview spricht er über die Auswirkungen des Coronavirus, den Kontakt zu Hertha BSC und seinen Trainer Gerardo Seoane.

Herr Lustenberger, waren Sie in den vergangenen Wochen eigentlich froh, nicht mehr bei Hertha BSC zu sein?
Das war ich tatsächlich. Aber nur in dem Sinne, dass ich in Berlin zwei Wochen allein in häuslicher Quarantäne hätte verbringen müssen, während meine Familie in der Schweiz ist. Da habe ich schon ab und zu darüber nachgedacht, wie gut es ist, dass ich zu Hause bin und die Zeit mit meiner Familie genießen kann. So gut es unter diesen Bedingungen geht.

Wie sieht derzeit Ihr Alltag aus?
Gefühlt ist es ein bisschen wie der Alltag im Urlaub. Die Kinder sind zu Hause, man hat sein Trainingsprogramm für anderthalb Stunden am Tag, und der Rest des Tages steht im Zeichen der Familie. Man versucht, die Kinder bei Laune zu halten, damit es ihnen nicht langweilig wird.

Und wie muss man sich Ihr Trainingsprogramm vorstellen?
Das Trainerteam versucht, das Ganze abwechslungsreich zu gestalten, damit es nicht zu eintönig wird. Den einen Tag trainieren wir drinnen, am nächsten gehen wir raus zum Laufen. Am Donnerstag hatten wir die erste Einheit per Video. Es tat gut, die Teamkollegen wieder einmal zu sehen und zu hören. Aber generell ist es schon schwierig. Weil du eben nicht weißt, wann und wie es weitergeht.

Der Ball…
… fehlt mir. Sehr sogar. Aber nicht nur der Ball. Das ganze Kabinenleben fehlt, das Drumherum. Im Urlaub ist es ja auch so, dass du nach drei Wochen denkst: So, und jetzt kann es wieder losgehen.

Danach sieht es im Moment nicht aus.
Bis mindestens zum 19. April haben wir Trainingsverbot. Bis dahin bleiben wir zu Hause. Ich hoffe, dass die Situation dann so ist, dass wir wenigstens wieder ins Mannschaftstraining einsteigen und mit dem Ball arbeiten können. Aber danach sieht es im Moment leider noch nicht aus. So schön es ist mit der Familie: Irgendwann will man auch wieder seinem Beruf nachgehen. Aber das geht ja wahrscheinlich allen so.

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Haben Sie die freie Zeit auch genutzt, um die Kontakte zu Ihren ehemaligen Berliner Kollegen ein bisschen aufzufrischen?
Die Kontakte waren immer da. Im Moment ist es sogar gefühlt ein bisschen weniger.

Wieso?
Weil der Alltag eigentlich immer der gleiche ist. Was soll man sich schon Neues erzählen? Aber sonst habe ich noch regelmäßig Kontakt zu den Physios, zu Per Skjelbred. Und Davie Selke habe ich ab und zu geschrieben, auch wenn er inzwischen nicht mehr in Berlin ist. Dann hat es sich auch fast schon. Bei Hertha sind inzwischen viele neue Spieler, die ich nicht mehr so gut kenne.

Waren Sie seit Ihrem Wechsel im Sommer noch einmal in Berlin?
Voriges Jahr im November, in der Länderspielpause, war ich zwei Tage in Berlin. Ich habe auch bei Hertha vorbeigeschaut, war kurz in der Kabine und habe ein paar Leute getroffen.

Wie intensiv verfolgen Sie Herthas Weg?
So intensiv, wie es möglich ist. Ich schaue mir Spiele im Fernsehen an, verfolge auch die Berichterstattung in den Medien – wenn auch lange nicht mehr so intensiv wie zu der Zeit, als ich selbst noch in Berlin gespielt habe. Und durch den Kontakt zu einzelnen Spielern bin ich auch noch ganz gut informiert, wahrscheinlich sogar besser als durch die Presse (lacht).

In dieser Saison war auch einiges los.
Das kann man so sagen.

Ergriffen. Fabian Lustenberger bei seiner Verabschiedung auf der Mitgliederversammlung.
Ergriffen. Fabian Lustenberger bei seiner Verabschiedung auf der Mitgliederversammlung.Foto: Andreas Gora/dpa

Wie haben Sie den ganzen Trubel um Jürgen Klinsmann und seinen Rücktritt erlebt?
Eigentlich wie alle anderen auch. Ich glaube, es haben nur wenige gesagt: Super Aktion! Aber ich bin zu weit weg, um ein Urteil darüber abzugeben. Natürlich kenne ich die Geschichten aus den Medien. Aber was intern passierst ist, das weiß ich nicht. Deshalb halte ich mich da zurück. Doch so wie Klinsmann Abschied vonstattengegangen ist, war es für Hertha sicher nicht förderlich.

Die Mannschaft ist aktuell 13., hat sechs Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz. Machen Sie sich noch Sorgen um Ihren Ex-Klub?
Ich verfolge es natürlich, schaue auch, was die Konkurrenz macht. Es wäre ja komisch, wenn man nach so langer Zeit im Verein sagt: Hertha ist mir egal. Im Gegenteil. Aber Sorgen mache ich mir nicht. Zum einen, weil Hertha gut genug ist. Außerdem glaube ich nicht, dass die anderen Mannschaften so viele Punkte holen, dass es noch gefährlich werden könnte. Ich gehe fest davon aus, dass Hertha es packen und in der Liga bleiben wird – wenn die Liga denn zu Ende gespielt wird.

Sie waren zwölf Jahre bei Hertha, zwölf Jahre in Deutschland. So lange, dass Sie nach Ihrer Rückkehr in die Heimat sogar gefragt worden sind, ob Sie überhaupt noch Schweizerdeutsch sprechen.
Es funktioniert noch. Es funktioniert sogar immer besser. Am Anfang war es wirklich eine Umstellung, weil wir auch zu Hause Hochdeutsch reden. Sobald ich irgendwo Hochdeutsch höre, bin ich da sofort wieder drin. Aber es wird immer besser mit dem Schweizerdeutsch. Den Wortschatz habe ich jetzt wieder, sage ich mal.

Aus Berlin sind Sie in einen Ort mit 2300 Einwohnern gezogen. Ist Ihnen die große Stadt immer ein wenig gegen Ihre Natur gegangen?
Ich komme ja vom Dorf, aus einem Ort, der auch nicht mehr Einwohner hatte. Für mich ist es also ein bisschen eine Rückkehr zu meinen Wurzeln. Und trotzdem hatte ich in Berlin eine super Zeit, die ich nicht missen möchte. Ich hatte nie das Gefühl, dass Berlin oder Großstadt generell etwas Schlechtes gewesen wäre. Überhaupt nicht. Ich bin froh, dass ich zwölf Jahre in Berlin verbringen durfte. Die Stadt ist überragend. Aber ich bin auch froh, wieder zu Hause zu sein. Gerade in der jetzigen Situation ist es auf dem Land ein bisschen angenehmer und entspannter als in der Großstadt.

Wie groß war der sportliche Kulturschock mit dem Wechsel aus der Bundesliga in die Schweizer Super League?
Der war überhaupt nicht groß. Weil ich von Anfang an versucht habe, erst gar keine Vergleiche anzustellen und zu denken: In der Bundesliga war das besser oder jenes schöner. Ich nehme es so, wie es ist, und mache das Beste draus. Klar ist es etwas anderes, wenn du in Lugano vor vielleicht 2000 Zuschauern spielst. Trotzdem geht es immer darum, Spiele zu gewinnen – egal wie viele Zuschauer im Stadion sind. Ich glaube, die Schweiz wird schlechter gemacht, als sie ist. Für eine europäische Topliga ist das Land wahrscheinlich zu klein. Trotzdem haben wir eine sehr gute Basis. Verstecken müssen wir uns nicht.

Wie lange Fabian Lustenberger bei Hertha BSC gespielt hat, merkt man, wenn man sich noch einmal Fotos aus seiner ersten Saison in Berlin anschaut.
Wie lange Fabian Lustenberger bei Hertha BSC gespielt hat, merkt man, wenn man sich noch einmal Fotos aus seiner ersten Saison in...Foto: dpa

Sie sind mit Young Boys Tabellenzweiter in der Liga, haben im Pokal das Viertelfinale erreicht, sind in der Europa League allerdings nach der Gruppenphase ausgeschieden. Wie fällt Ihr sportliches Fazit nach einem Dreivierteljahr in Bern aus?
Sportlich läuft es eigentlich durchweg positiv, bis auf die Europa League vielleicht. Wobei man sich auch anschauen muss, mit wem wir es zu tun hatten. Gegen den FC Porto haben wir beide Spiele verloren, aber gegen die Glasgow Rangers und Feyenoord Rotterdam haben wir jeweils vier Punkte geholt. Das war ordentlich, aber leider nicht gut genug, um weiterzukommen. Trotzdem glaube ich nicht, dass wir eine schlechte Europa-League-Kampagne gespielt haben. Ärgerlich war nur die Champions-League-Quali.

In der Sie nach zwei Unentschieden gegen Roter Stern Belgrad ausgeschieden sind.
Obwohl wir meiner Meinung nach die bessere Mannschaft waren. Aber vielleicht reicht es auf dem Niveau noch nicht. Vielleicht brauchen wir noch ein wenig, um den nächsten Schritt zu machen. Ich hoffe, wir sind nächstes Jahr wieder international dabei, damit wir es noch besser machen können.

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Sie sind bei Young Boys gleich Kapitän geworden. Hat der Trainer Sie dazu bestimmt?
Er hat mich gefragt, ob ich es machen möchte. Aber ich habe auch ganz klar gesagt, dass die Mannschaft dahinterstehen muss. Dass auch die älteren und erfahrenen Spieler, die selbst den Anspruch haben, Kapitän zu werden, damit einverstanden sind. Das war so. Ich bekomme die Unterstützung, die ich brauche. Das ist mir sehr wichtig.

Hat der Trainer Ihnen erklärt, warum er ausgerechnet Sie als Neuling für diese Rolle haben wollte?
Wir haben eine sehr junge Mannschaft, deshalb glaube ich, dass der Trainer einen Kapitän haben wollte, der die Erfahrung von ein paar Jahren Ausland mitbringt und die Jungen ein bisschen führt. Aber das hätte ich sowieso versucht. Auch ohne Binde. In der Öffentlichkeit wird aus dem Amt immer ein bisschen mehr gemacht, als wirklich dahintersteckt. Für mich hat es nicht so einen großen Stellenwert.

Man liest, dass Sie in der Mannschaft hohe Wertschätzung genießen.
Wenn Sie das so gelesen haben, dann wird es wohl stimmen (lacht). Nein, im Ernst. ich wurde sehr gut integriert, man sieht, dass der Verein sehr gut aufgestellt ist, und ich fühle mich wohl. Ich glaube, das spiegelt sich in meinen Leistungen wider. Deswegen bin ich zufrieden, und in Bern sind sie – was ich so mitkriege – auch zufrieden mit mir.

Lustenbergers Neuer. Gerardo Seoane (r.) ist Trainer der Young Boys Bern.
Lustenbergers Neuer. Gerardo Seoane (r.) ist Trainer der Young Boys Bern.Foto: Imago

Ihr Trainer Gerardo Seoane ist vor der Saison als Nachfolger von Pal Dardai bei Hertha BSC gehandelt worden. Haben Sie ihn mal darauf angesprochen?
Nein, wir haben nicht darüber gesprochen. Ich hatte und habe auch nicht das Gefühl, dass er mit seinen Gedanken woanders ist als bei uns.

Jetzt sucht Hertha wieder einen neuen Trainer.
Bei mir hat noch niemand angerufen. Ich glaube auch nicht, dass Hertha bei mir anrufen müsste. Die wären schon ausreichend informiert.

Was ist Seoane für ein Trainer? Was zeichnet ihn aus?
Er hat in Bern und zuvor in Luzern gezeigt, dass er es gut macht und dass er irgendwann den nächsten Schritt gehen kann. Seoane ist sehr ehrgeizig, verlangt sehr viel und hat einen sehr hohen Anspruch an sich und an die Mannschaft. Das merkt man in jedem Training. Aus jeder Einheit, aus jedem Spiel will er das Maximum herausholen. Das lebt er vor und kommt gut an bei uns. 

Eine letzte Frage noch: Zu Ihrem Einstand bei YB mussten Sie vor der Mannschaft ein Lied singen. Für welches haben Sie sich entschieden?
Für 6 Meter 90 von Blumentopf, einer deutschen Hip-Hop-Band. Ich war ein bisschen nervös, das muss ich ehrlich zugeben. Aber es ging unfallfrei über die Bühne (lacht).

Das ist der Vorteil, wenn man so lange bei ein und demselben Verein bleibt: Man muss nicht so oft singen.
Stimmt. Als ich zu Hertha gekommen bin, war das noch nicht üblich. Deshalb war es das erste Mal überhaupt, dass ich vor der Mannschaft singen musste. Und es war, glaub ich, schlecht. Aber: Ich hab’s gemacht. Und war froh, als es vorbei.

Und Badelatschen sind nicht geflogen.
Es gab sogar Applaus. Aber den gab’s für jeden. Deswegen kann ich mir darauf nichts einbilden.

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