Fanausschreitungen nach HSV-Abstieg : Überfälliges Signal gegen die Ultras

In Hamburg hat sich der Rest des Stadions endlich gegen die Pyromanen solidarisiert. Ein Kommentar.

Pyrotechnik in der Fankurve: Am letzten Bundesligaspieltag eskalierte in Hamburg die Lage.
Pyrotechnik in der Fankurve: Am letzten Bundesligaspieltag eskalierte in Hamburg die Lage.Foto: Reuters/Fabian Bimmer

Der Samstag war ein guter Tag für die Fußball-Bundesliga, vielleicht sogar für den Hamburger SV. Nicht so sehr, weil der Dinosaurier des deutschen Fußballs nach Jahren des sportlichen wie wirtschaftlichen Siechtums endlich abgestiegen ist. Davon kann die Bundesliga schwerlich profitieren, denn selbst ein schwacher HSV beschert ihr zuverlässig Kundschaft in den Stadien und vor den Fernsehschirmen. Auch der HSV wird viel Geld verlieren, das Gerede von Neuaufbau und Regeneration in der Zweiten Liga gleicht einer Reportage aus dem Elfenbeinturm.

Was den Abstieg so wertvoll machen könnte, das sind seine Begleitumstände. Es waren schwer erträgliche Bilder, die aus dem Volksparkstadion. Von schwarzem Rauch über dem grünen Rasen. Von schwarzen Fahnen im Fanblock, hinter denen sich die Ultras versteckten und ihre Brandsätze scharf machten. Von einer Kette behelmter Polizisten, Schulter an Schulter über die gesamte Breite des Platzes.

Für gewöhnlich ist die Polizei im Fußballstadion kein gern gesehener Freund und Helfer. Am Samstag aber hatten die Männer und Frauen in Uniform die Sympathien auf ihrer Seite. Nach kurzer Schockstarre solidarisierten sich 56 500 Zuschauer mit den Polizisten gegen 500 Krawallmacher. Sie riefen „wir sind Hamburger und ihr nicht“ oder „holt sie raus!“, eine in deutschen Stadien noch nie gehörte Aufforderung zur Verfolgung der selbsternannten Fan-Avantgarde.

Nicht jeder Ultra ist ein Straftäter und nicht jeder Protest eine Anmaßung. Natürlich ist es legitim, im Augenblick des Abstiegs Kritik zu üben, gern auch ein wenig lauter und unanständig in der Wortwahl. Das alles hat sich die kickende Repräsentanz der reichen Stadt Hamburg verdient. Aber bei Brandsätzen in einem vollbesetzten Stadion hören Spaß und Toleranz auf. Schon vor ein paar Wochen hatte der schwarze Block im Hamburger Volkspark den Spielern auf einem Transparent angekündigt: „Bevor die Uhr ausgeht, jagen wir euch durch die Stadt!“ Am Samstag nun wollten die Ultras mit den Funken ihrer Bengalos ein ganzes Stadion in Brand setzen. Und schlichen am Ende als gedemütigte Verlierer davon.

Brandsätze im Volkspark: HSV-Ultras sorgten für Chaos am Ende des vorerst letzten Bundesligaspiels des Klubs.
Brandsätze im Volkspark: HSV-Ultras sorgten für Chaos am Ende des vorerst letzten Bundesligaspiels des Klubs.Foto:Morris Mac Matzen/REUTERS

Noch immer profitieren die wenigen Krawallmacher unter den Ultras von einer stillschweigenden Toleranz der großen Mehrheit. Diese unausgesprochene Kultur des Wegschauens ermöglicht erst den Schmuggel der Raketen ins Stadion und das Zünden in der Fankurve. Mag sein, dass es da auch die eher schlecht bezahlten Mitarbeiter der Sicherheitsdienste unter Freunden oder für ein paar Euros bei den Einlasskontrollen nicht so genau nehmen. Dieses Problem aber wird sich nur mit den Methoden eines Polizeistaates lösen lassen, und wer will das schon, auch und gerade beim Fußball. Die Fankurve kann nicht von außen befriedet werden, das muss die Fankurve schon allein schaffen.

Die Hamburger haben am Samstagnachmittag einen Anfang gemacht. Deswegen war es ein guter Tag, für die Bundesliga und vielleicht sogar für den HSV.

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