Fechten : Die Kleinen sind groß geworden

Olympiasieger Uwe Proske erklärt, warum andere Länder die Deutschen überholt haben. Dass die EM in Düsseldorf ausgerichtet wird, stößt in Berlin auf Kritik.

Früh übt sich. Die Berliner Nachwuchsfechter kämpfen um den "Kleinen Weißen Bären".
Früh übt sich. Die Berliner Nachwuchsfechter kämpfen um den "Kleinen Weißen Bären".Foto: Thilo Rückeis

An den großen Moment erinnert Uwe Proske sich immer noch mit Freude. Ein kleines Lächeln huscht über sein Gesicht, wenn er an 1992 denkt. An Barcelona, an den Olympiasieg mit der deutschen Mannschaft. "Borrmann, Schmitt, Resnitschenko, Felisiak, Proske", zählt Proske auf. Fünf Fechter, die vier Jahre zuvor, 1988, noch für vier Nationen gestartet waren. Elmar Borrmann und Arnd Schmitt für die BRD, Proske für die DDR, Resnitschenko für die Sowjetunion und Robert Felisiak für Polen (allerdings nicht bei Olympia in Seoul). "Ein unbeschreibliches Gefühl", nennt Proske den Olympiasieg, es ist nicht nur so dahingesagt.

Die Jahre rund um den Fall der Mauer waren sportlich Proskes besten, 1991 gewann er auch den Weißen Bär in Berlin, an dem er 1990 ("als die komplette Weltspitze dabei war") überhaupt erstmals teilnehmen durfte. Wenn an diesem Sonntag der Sieger beim 59. Weißen Bär gekürt wird, besitzen zwar auch die zahlreich angetretenen deutschen Athleten noch Chancen, zur Weltspitze zählen sie aber längst nicht mehr. Das weiß auch Proske. "Die ehemals dominanten Länder haben an Dominanz eingebüßt", sagt er. "Jetzt gibt es Turniere, die zum Beispiel mal ein Däne oder Venezolaner gewinnt, das wäre früher undenkbar gewesen."

Proske: "Die reiche Nation Deutschland gönnt sich das nicht mehr"

Die Gründe, warum die Kleinen inzwischen die neuen Großen sind und die Großen zunehmend kleiner werden, glaubt Proske auch zu kennen: "Die Breite ist besser geworden. Die kleineren Länder kaufen sich ausländische Trainer ein." Techniken, wie der sogenannte "französische Griff", der etwas mehr Reichweite mit der Waffe ermöglicht, sind längst weit verbreitet. "Die Venezolaner leben beispielsweise in Polen", sagt Proske und fügt etwas süffisant an: "Die reiche Nation Deutschland gönnt sich das nicht mehr, andere schon. Die Zeiten mit einer erfolgreichen Schmiede wie Tauberbischofsheim sind eine Weile her."

Der Bundestrainer Mario Böttcher kann dennoch auf ein paar Ausreißer nach oben verweisen. Beim Weltcup in Vancouver siegte das deutsche Team gegen Weltmeister Schweiz. Trotzdem sagt Proske: "Es ist ein langer Weg zurück." Er meint die Weltspitze.

Um den Weg dorthin ein bisschen einfacher zu machen, findet neben dem Weißen Bär bald ein weiterer Höhepunkt in Deutschland statt. Vom 15. bis zum 23. Juni wird der Deutsche Fechterbund (DFeB) die Europameisterschaft in Düsseldorf ausrichten, die dritte nach 2001 (Koblenz) und 2010 (Leipzig). Die EM dient auch als Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Ursprünglich sollte der kontinentale Wettbewerb in Luxemburg stattfinden, das seine Bewerbung aber zurückzog; der DFeB sprang kurzerhand ein.

Die Meinungen, ob die Ausrichtung eine gute Idee ist, gehen allerdings auseinander. "Die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2020 im eigenen Land zu haben, ist für die Sportler eine super Möglichkeit, sich unter den besten Bedingungen vorzubereiten und unter diesen auch zu fechten", begrüßte DFeB-Präsidentin Claudia Bokel die damalige Entscheidung pro Deutschland. Beim Verband verbinden sie die EM mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Mario Freund ist etwas skeptischer: "Es hat uns sehr überrascht, dass der Fechterbund sich beworben hat", sagte er und schob einen kleinen Seitenhieb hinterher: "So ein Turnier muss langfristig geplant sein - wie es beim Weißen Bär der Fall ist". Berlins höchster Fechtfunktionär findet, dass der nationale Verband derzeit ganz andere Herausforderungen, "interne" nämlich, zu bewältigen habe, als nun eine Europameisterschaft auszurichten. Ganz so offensiv will Freund das zwar nicht sagen, aber die Prioritäten sieht er etwas falsch gesetzt.

- An diesem Sonntag finden ab circa 14 Uhr die Halbfinals und das Finale um den Weißen Bär im historischen Kuppelsaal statt. Titelverteidiger ist der Tscheche Jakub Jurka, der in diesem Jahr allerdings nicht an dem Turnier teilnimmt.

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