Felix Neureuther im Interview : "Streiten ist Zeitverschwendung"

Felix Neureuther spricht im Tagesspiegel-Interview über gute Freunde unter seinen Konkurrenten, seinen Zweikampf mit Marcel Hirscher und die Ski-WM in Schladming.

Felix Neureuther, 28, startet in Schladming in seine sechste Alpine Ski-WM. Im Weltcup konnte er bislang vier Slalom-Siege feiern.
Felix Neureuther, 28, startet in Schladming in seine sechste Alpine Ski-WM. Im Weltcup konnte er bislang vier Slalom-Siege feiern.Foto: dpa

Herr Neureuther, Sie steigen am heutigen Dienstag mit dem Teamwettbewerb in die Ski-WM ein. Der Modus ist sehr ähnlich wie der im City-Event – das heißt, Sie müssen sich in einem Parallelrennen gegen einen direkten Konkurrenten durchsetzen. Was macht für Sie den Reiz dieser Wettkampfform aus?

Es ist dieses Duell Mann gegen Mann oder Frau gegen Frau. Man schaut sich vorher noch in die Augen, es kommt ein cooler Spruch. Das hat auch mit psychologischen Spielchen zu tun. Beim Teamevent ist der Unterschied, dass du für die Kollegen mitverantwortlich bist, aber auf der anderen Seite auch von ihnen abhängig. Das ist für uns als Einzelsportler eine ungewohnte Situation.

Im Slalom sind Sie in dieser Saison der große Herausforderer des Österreichers Marcel Hirscher. Sind Zweikämpfe in Ihrem Sport leistungsfördernd?
Auf jeden Fall. Man kann sich dabei extrem pushen. Es ist immer eine Herausforderung und packt einen an der Ehre.

Auch, weil es um das Duell Österreich gegen Deutschland geht?
Das ist schon etwas Spezielles. Wenn es um Fußball und Skifahren geht, ist das mit einer gewissen Brisanz verbunden. Im Fußball sind die Österreicher die Außenseiter, im Skifahren wir. Wenn man also unser Duell mit den Kräfteverhältnissen im Fußball vergleicht, dann bin ich Österreich und der Marcel ist Deutschland.

Sie haben Hirscher in dieser Saison schon zweimal besiegt. Nach dem bisher schwachen Abschneiden der Österreicher ruhen jetzt alle Hoffnungen auf ihm.
Das ist für ihn natürlich schon ein extremer Druck, alles andere als Gold wäre für Österreich eine Enttäuschung. Wir haben in der letzten Woche in Hinterreit zusammen trainiert. Natürlich merkt er, dass alles nicht mehr ganz so locker abläuft wie im Weltcup. Aber der Kerl ist bereit, er ist ein Vollprofi. Er hat schon oft genug bewiesen, dass er dem Druck gewachsen ist.

Ist es nicht ungewöhnlich, dass Sie mit Hirscher trainieren? Immerhin ist er Ihr härtester Konkurrent im Slalom am 17. Februar.
Warum soll es nicht so sein? Ich finde das cool. Einmal hat den Kurs Hirschers Trainer gesteckt, einmal unser Trainer.

Und wer war schneller?
Einmal er, einmal ich.

Sie betonen beide stets, dass Sie sich sehr gut verstehen.
Es ist nicht so, dass wir im Sommer regelmäßig Kontakt haben. Aber ich schätze ihn als Sportler und als Menschen.

Sie müssten sich im Training gar nicht mit Hirscher messen. Fritz Dopfer ist Ihr Herausforderer in der eigenen Mannschaft. Wie wichtig ist teaminterne Konkurrenz?
Ganz wichtig. Man schaut ja auch im Training als Erstes auf die Zeit. Verlieren will da keiner von uns.

Liefern Sie sich eigentlich daheim mit Ihrem Vater auch ein Duell?
Ja, da haben wir schon Spaß. Nachdem ich in Adelboden im Riesenslalom Dritter wurde, habe ich den Papa gefragt: „Wie schaut’s? Bist Du schon einmal Dritter geworden in Adelboden?“ In Wengen bekommt der Sieger immer eine Uhr. Der Papa hat dort zwar dreimal gewonnen, aber die Uhren alle verschenkt. Ich habe ihm nach meinem Sieg in Wengen meine Uhr geschenkt. Aber sonst würde ich mich von den Erfolgen her natürlich lieber mit der Mama vergleichen.

Da haben Sie einiges vor. Ihre Mutter Rosi Mittermaier ist Doppel-Olympiasiegerin. Unterscheiden sich Duelle bei Frauen?
Ich glaube, dass bei vielen Frauen noch ein paar andere Faktoren außerhalb des Sports dazukommen. Es fängt schon in der Schule an: Wer sieht besser aus? Wer zieht sich besser an? Solche Themen spielen da mit rein. Bei uns sind die eher Nebensache. Man fährt das Rennen, der andere ist schneller, dann sagt man: Hey, du warst heute besser, cool.

Sind Männer also die besseren Verlierer?
Generell kann man das nicht sagen. Für mich ist wichtig, dass ich das Umfeld genießen kann. Sich zu streiten ist Zeitverschwendung. Es geht im Sport natürlich um den Erfolg, aber auch um andere Dinge wie Freundschaften. Das Menschliche sollte nie vergessen werden. So lebe ich das, so kann ich das auch genießen.

Haben Sie tatsächlich gute Freunde unter Ihren Konkurrenten?
Es gibt Jungs, auf die kann ich immer zählen. Mit Ted Ligety oder Jens Byggmark bin ich richtig gut befreundet.

Sie sagen selbst, ein Grund für Ihre Konstanz in dieser Saison sei Ihre Reife. Können Sie das näher erklären?
Ich musste zum Beispiel lernen, dass du da sein musst, wenn du die Stöcke über die Startstange in den Schnee steckst – und nicht schon vorher. Ich habe früher immer davor schon viel zu viel Energie verbraucht. Bei der WM in Garmisch bin ich im Slalom am Start gestanden – und meine Oberschenkel haben sich angefühlt, als wenn sie aus Beton wären. Das kommt davon, wenn man vorher so viel Energie aufbraucht. Ich musste einsehen, dass es mit zu großem Perfektionismus in einer Verkrampfung endet.

Heißt das vielleicht auch, dass man gar nicht immer ans Limit gehen muss?
Bei gewissen Passagen mit Sicherheit. Da, wo man ein bisschen mitdenken muss. Das war früher ja nicht so meine Stärke.

Das Interview führte Elisabeth Schlammerl.

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