Finale der Handball-Europameisterschaft : Die letzte Show des Lino Cervar

Kroatiens großer Handball-Coach Lino Cervar tritt nach dem Finale am Sonntag gegen Spanien ab. Sein letztes großes Ziel: einmal die EM gewinnen.

Alle Augen auf ihn. Lino Cervar tritt nach dem EM-Finale zurück.
Alle Augen auf ihn. Lino Cervar tritt nach dem EM-Finale zurück.Foto: Niesner/Reuters

Eine bitterkalte Januarnacht vor zwei Jahren in Zagreb. Der Taxifahrer, ein sehr gesprächiger, älterer Herr mit großem Interesse an so ziemlich jeder Sportart, rauscht durch die Innenstadt, als ihm die Fahrgäste auf der Rückbank eine Frage stellen: Steht Lino Cervar, der kroatische Handball-Nationaltrainer, jetzt eigentlich in der Kritik, da sein Team bei der EM im eigenen Land so früh ausgeschieden ist? Der Fahrer geht voll in die Eisen und dreht sich um: „Sagt ja nichts gegen Lino! Lino ist Legende!“ Einen bösen Blick gibt es umsonst dazu.

Die Anekdote sagt im Grunde alles über Lino Cervars Status in seiner Heimat: Ihn in Frage zu stellen oder gar zu kritisieren, steht auf dem Index ganz oben. Der 70-Jährige ist so etwas wie der Heiner Brand Kroatiens, sprich: der legendärste Handballtrainer seines Landes, schwer dekoriert mit diversen Goldmedaillen und über jeden Verdacht erhaben. 2003 führte er die kroatische Mannschaft zum WM-Titel, ein Jahr später, bei den Olympischen Spielen von Athen, folgte die nächste Goldmedaille – erneut errungen gegen die seinerzeit von Heiner Brand trainierte deutsche Auswahl. Spätestens da war klar: dem „Mago di Umago“, dem Magier aus Umag also, wie Cervar im Volksmund ehrfürchtig genannt wird, bauen sie eines Tages garantiert ein Denkmal.

Cervar ist der kroatische Heiner Brand

Am Sonntag zaubert Cervar zum letzten Mal in seiner Funktion als Nationaltrainer. Dann tritt Kroatien im Finale der Europameisterschaft in Stockholm gegen Titelverteidiger Spanien (16.30 Uhr, Livestream bei www.sportdeutschland.tv) an – und für Cervar bietet sich die einmalige Chance, mit einem bedeutsamen Titel auf großer internationaler Bühne abzutreten. Dass das Drei-Länder-Turnier in Norwegen, Österreich und Schweden sein letztes sein würde, stand bereits lange vor dem ersten Wurf dieser EM fest.

Wer das kroatische Team in den vergangenen zweieinhalb Wochen gesehen und verfolgt hat, wird den Eindruck nicht los, dass Cervars letzte Tournee noch einmal einige Prozentpunkte zusätzlich aus seinen Spielern herauskitzelt, dass sie ihm einen würdigen Abschied bereiten wollen. Weltmeister und Olympiasieger ist Cervar bereits geworden, ein Triumph bei der EM fehlt noch in seiner Vita.

WM, Olympia - Cervar hat alles gewonnen, nur die EM nicht

Die Chancen, das zu ändern, stehen wirklich gut. Kroatien hat bislang kein einziges Spiel bei der EM verloren; die Auswahl um Kapitän und Welthandballer Domagoj Duvnjak drehte in der Hauptrunde gegen Deutschland einen Fünf- Tore-Rückstand. Den besten und beeindruckendsten Abend hatten sie sich allerdings für das Halbfinale am Freitag aufgehoben: Kroatien lieferte sich ein denkwürdiges Duell mit den bis dahin ebenfalls ungeschlagenen Norwegern, die zuvor regelrecht durch das Turnier gerauscht waren.

In der zweiten Verlängerung erzielten die Kroaten 90 Sekunden vor der Schlusssirene das Siegtor und verhinderten so das im Handball äußerst seltene Szenario eines Siebenmeterwerfens. Der Treffer wühlte selbst Lino Cervar auf, der in seiner Karriere fast alles gesehen und erlebt hat. Mit geballter Faust stand der 70-Jährige an der Seitenlinie – ein Bild, das sie sich in Kroatien für Sonntag noch ein letztes Mal wünschen

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