Sport : Fischer, Klinsmann, Crouch: Kunstschüsse, die Geschichte machten

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Der Fallrückzieher ist die Variante des Toreschießens, die akrobatisches Talent vom Schützen verlangt. Der Spieler springt ab und trifft den fallenden Ball volley mit dem Spann und schießt ihn dann mit dem Rücken zum Tor über den Kopf. Da der Schütze das Tor nicht sieht und zudem ein Gefühl für die Flugbahn des Balles haben muss, sind außerordentliche Fähigkeiten in der Körperkontrolle, Instinkt und gute Schusstechnik gefragt.

Für seine Fallrückzieher berühmt geworden ist Klaus Fischer , der bis heute mit 182 Bundesligatoren für Schalke 04 den Vereinsrekord hält. Meist servierte ihm sein Schalker Mitspieler Rüdiger Abramczick die Vorlagen. So erzielte er 1977 im Länderspiel Deutschland gegen die Schweiz (4:1) das Tor des Jahrhunderts. Sein wohl wichtigstes Tor per Fallrückzieher schoss Klaus Fischer fünf Jahre später, im WM-Halbfinale 1982 gegen Frankreich beim legendären Spiel von Sevilla: Fischer erzielte das 3:3 in der Verlängerung per Fallrückzieher (siehe Bild rechts). Deutschland gewann im Elfmeterschießen. Klaus Fischer sagte über die Kunst des Fallrückziehers: „Ich habe mich oft mit Uwe Seeler unterhalten. Wir sind uns einig: Trainieren kann man das nicht. Beim Tor gegen die Schweiz war der Ball zu hoch für einen Kopfball, dann kam mir die plötzliche Eingabe. Man hat keine Zeit zum Überlegen.“

Auch der ehemalige Nationalspieler Uwe Seeler war beim Hamburger SV für seine Fallrückzieher bekannt. Gab es einige deutsche Spezialisten auf diesem Gebiet, so ist diese Technik in dem Land verbreiteter, das man allgemein mit Zauber am Ball verbindet: Brasilien. Dort heißt der Fallrückzieher „Bicicleta“, was Fahrrad bedeutet. Von Pele bis Ronaldinho oder in der Bundesliga auch Giovane Elber haben sich etliche Brasilianer als wahre Künstler in dieser Disziplin erwiesen. Allerdings hat vor den Brasilianern schon ein gebürtiger Argentinier Fallrückzieher perfekt beherrscht: Alfredo Di Stéfano beeindruckte damit schon 1953 die Fans von Real Madrid.

In Deutschland wurden nach Fischers Tor zahlreiche Fallrückziehertore zum Tor des Jahres gewählt, so etwa der beeindruckende Treffer im Zweitliga-Spiel Dynamo Dresden gegen Rot-Weiß Erfurt, das der Slowene Klemen Lavric im Jahr 2004 erzielte. Eines der spektakulärsten Fallrückziehertore der Bundesliga-Geschichte schoss Jürgen Klinsmann am 14. November 1987, noch im Trikot des VfB Stuttgart, im Spiel gegen Bayern München. Klinsmann hob mit dem Rücken zum Tor ab, während sein Gegenspieler Hans Pflügler ehrfürchtig staunte. Klinsmann traf den von rechts hereingeschlagenen Ball mit dem Spann und der Ball landete genau im Tordreieck des Münchner Tores, Stuttgart siegte 3:0 – und Torschütze Klinsmann wurde berühmt. Sein Kunsttor war das Bewerbungsvideo für eine internationale Karriere, es wurde in der halben Welt gezeigt. 1989 wechselte Klinsmann zu Inter Mailand. „Dieses Tor hat mir den Schub gegeben“, hat Klinsmann nach seiner Zeit als Spieler gesagt.

Wirkte schon Klinsmann nicht gerade wie ein Bewegungswunder, so haben sich noch größere und schlaksiger wirkende Spieler als Experten für Fallrückzieher profiliert. Der Engländer Peter Crouch ist der wohl bekannteste Experte, wenn es um den „Bicycle kick“ – so die englische Bezeichnung für den Fallrückzieher – geht. Am 27. September 2006 verblüffte Crouch mit einem spektakulären Tor zum 3:0 beim 3:2-Sieg des FC Liverpool gegen Galatasaray Istanbul. Der zwei Meter große Engländer verrenkte sich auf unnachahmliche Weise und donnerte den Ball per Fallrückzieher ins Netz – in der Premier League ist ihm das schon häufig gelungen. Die Fallrückzieher von Peter Crouch gelten als gefährlicher als seine Kopfbälle. Claus Vetter

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