Förderkreis Ostkurve : Was die Fans von Hertha BSC an ihrem Klub so stört

Das Verhältnis zwischen den Hertha-Anhängern und der Klubführung ist zerrüttet. Die Fans denken über Konsequenzen nach, die den Verein treffen würden.

125 Jahre Hertha: Der Umgang mit dem Jubiläum verärgerte viele Fans.
125 Jahre Hertha: Der Umgang mit dem Jubiläum verärgerte viele Fans.Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Eine Regel gibt es vorneweg. „Bitte keine Getränke während der Veranstaltung“, sagt Sebastian, der die Diskussion leitet und seinen Nachnamen nicht in der Zeitung oder im Internet lesen will. „Wer Durst hat, kann sich jetzt noch schnell was holen, später bitte nicht.“ Es soll schließlich um andere Inhalte als die im Plastikbecher gehen an diesem Sonntagnachmittag. Der Förderkreis Ostkurve, ein Zusammenschluss diverser Fanklubs von Hertha BSC, hat in das Haus des Landessportbundes am Olympiastadion geladen, um über die Ausrichtung des Berliner Fußball-Bundesligisten und den Umgang mit seinen Anhängern zu debattieren. Zweieinhalb Stunden wird leidenschaftlich, emotional, aber eben auch sehr sachlich und vernünftig diskutiert und gestritten. Quo vadis, Hertha BSC?

Wie groß der Gesprächsbedarf ist, zeigt allein die Resonanz: geschätzte 400 Menschen sind bei strahlendem Sonnenschein gekommen, um ihre Meinung, ja, ihren Unmut darüber kundzutun, was aus ihrer Sicht alles falsch läuft im Dialog mit den Fans. Im Moment sind die Fronten dermaßen verhärtet, dass zwischen den Ultra-Gruppierungen aus der Ostkurve und der Vereinsspitze keine Kommunikation mehr stattfindet. Die treuesten der Treuen fühlen sich, wie an vielen anderen Bundesliga-Standorten auch, nicht mehr richtig wahrgenommen geschweige denn repräsentiert, das wird schnell klar. „So schlimm wie zur Zeit war es zuletzt unter Dieter Hoeneß“, sagt ein Besucher, „dabei waren wir lange auf einem guten, konstruktiven Weg.“

Es gibt nicht den einen Grund, der den temporären Abbruch sämtlicher diplomatischer Beziehungen ausgelöst hat, vielmehr war es eine Verkettung von Ereignissen; angefangen mit einem Papier, das die Deutsche Fußball-Liga (DFL) den Vereinen in der Saison 2012/13 vorlegte und von vielen Anhängern bis heute als restriktiv empfunden wird. Herthas „Mitbewerber aus Köpenick“, wie der 1. FC Union bei der Veranstaltung genannt wird, habe sich seinerzeit schließlich auch geweigert, dem Papier zuzustimmen. „Warum hat bei uns keiner diese Eier in der Hose gehabt?“, fragt einer. Bis der „Mitbewerber aus Köpenick“ in Herthas Fankreisen gelobt wird, muss normalerweise schon Außergewöhnliches passieren. So viel zum Thema Emotionalität. 

Paul Keuter sorgt für Verärgerung

Besagtes Papier ist allerdings nur einer von vielen Kritikpunkten. Unverständlich ist und bleibt für viele Besucher der Diskussionsrunde ebenfalls, dass die Vereinsführung den ausdrücklichen Wunsch ignorierte, keine Testspiele mehr gegen das verhasste RB Leipzig zu bestreiten. Andere, kleinere Punkte folgen: das Spruchbandverbot etwa oder die jüngsten Stadionverbote. Darüber hinaus ist von „irrwitzigen Marketingmaßnahmen“ und „höchst eigenwilligen PR-Kampagnen“ die Rede. „Der größte Knackpunkt in dieser Entwicklung war der Eintritt von Paul Keuter“, sagt Moderator Sebastian - und löst kollektives Nicken im Raum aus.

Seitdem Keuter vor zwei Jahren zum Mitglied der Geschäftsführung aufgestiegen ist und die Bereiche Digitalisierung, Kommunikation und Marketing verantwortet, scheiden sich die Geister am 43-Jährigen, das wird an diesem Nachmittag einmal mehr deutlich. Keuter solle die „digitale Transformation bei Hertha BSC“ voranbringen, heißt es im offiziellen Vereinssprech. Wie das passiert, passt den meisten im Haus des Landessportbundes gar nicht in den Kram. „Im Moment geben wir ein Bild ab, das nicht Hertha BSC darstellt“, sagt Sebastian. Die Follower beim Kurznachrichtendienst „Twitter“ steigen zwar verlässlich, dafür kommen in dieser Saison immer weniger Menschen ins Olympiastadion. „Digitalisierung ist ein wichtiges Thema“, ergänzt Sebastian, „aber wir fühlen uns einfach null mitgenommen.“ Zum 125-jährigen Jubiläum etwa habe es nur „medienwirksame Aktionen im Roten Rathaus gegeben“, 30 Jahre alte oder noch ältere Fanclubs seien nicht eingeladen worden. Vom Umgang mit dem Gründungsdampfer, der „irgendwo in Ost-Berlin“ steht, ganz zu schweigen. 

Kein Dialog sei trotzdem keine Lösung, da sind sich die meisten Fans von Hertha BSC einig. Nur wie am besten Gehör verschaffen? Die Vorschläge reichen vom Stimmungsboykott bis zum kompletten Boykotts eines Heimspiels, von Mundpropaganda im Freundes- und Bekanntenkreis bis zur Abwahl der Vorstands bei nächster Gelegenheit. Am Ende geht die Runde „ergebnisoffen“ auseinander, wie es heißt. „Es ging ja nicht darum, einen Masterplan zu verabschieden, sondern darum, Meinungen auszutauschen und alle auf denselben Wissensstand zu bringen“, sagt Sebastian. Nach der Sommerpause will der Förderkreis Ostkurve wieder zusammenkommen. 

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